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Geschichte der Bundesliga-Meisterschale:Femme fatale des deutschen Fußballs

Einmal durfte sie sogar mit Klaus Augenthaler im Entmüdungsbecken baden: die Meisterschale

(Foto: Imago)

Sie durfte mit Augenthaler ins Ermüdungsbecken und kuschelte mit dem spärlich bekleideten Ailton: Wenn der FC Bayern am Samstag die Schale erhält, wird sich auch der fokussierte Rekordmeister einen Moment der Ausgelassenheit gönnen. Die Trophäe hat in 50 Liga-Jahren schon die Herzen der abgeklärtesten Gewinnertypen erweicht.

Am Samstag nach dem Heimspiel gegen Augsburg, so gegen 17.30 Uhr, wird der FC Bayern endlich jene Meisterschale in Empfang nehmen, die er an einem frostigen Samstag Anfang April in Frankfurt gewonnen hat. Es ist seither einiges passiert bei diesem Klub. So viel, dass es sich anfühlt, als liege die Entscheidung um den Titel der 50. Bundesligasaison nicht einige Wochen, sondern einige Monate zurück. Die Bayern-Spieler haben damals eher dezent gejubelt, gerade fröhlich genug, um nicht arrogant zu wirken.

Die Zeremonie am Samstag, so ist zu hören, soll auch nicht ausarten. Aber wenn alles nach Plan läuft, dann wird der Rekordmeister mit dem Rekordvorsprung dabei zumindest ein klein wenig Euphorie versprühen. Und das dürfte dann weniger mit den notorischen Weißbier-Humpen und Konfetti-Fontänen zusammenhängen, als mit einem Requisit aus 5,5 Kilogramm Sterlingsilber und 16 Edelsteinen. Auch bei den abgeklärtesten Gewinnertypen verbindet sich mit der Berührung dieser Schale traditionell die Erkenntnis, etwas Großes geschafft zu haben.

Zum Dank wird sie dann jedes Jahr im Mai mit alkoholischen Getränken besudelt und vom sogenannten Volksmund als "Salatschüssel" verunglimpft. Ohne dem Volksmund zu nahe treten zu wollen, aber für herkömmliche Blattsalate ist dieses Silbergeschirr denkbar ungeeignet. Lediglich auf dem flachen Rand ließen sich ein paar Tomaten-Mozzarella-Scheiben anrichten. Die kleine Kuhle in der Mitte taugt allenfalls für ein wenig Knabberzeug. Im Übrigen ist es so, dass hier von einer Trophäe die Rede ist, die sich von niemandem beleidigen lassen muss. Was hat diese Schale nicht schon alles mitgemacht?

Am Samstag erlebt sie ihre 50. Bundesliga-Meisterfeier - und ihre 64. insgesamt. Sie hat wahrscheinlich mehr Rathausbalkone von oben und mehr Bierduschen von unten gesehen als jeder andere in diesem Land. Sie wurde von bedeutenden Männern mehrerer Generationen gestreichelt, von Hans Schäfer und Franz Beckenbauer, von Lothar Matthäus und Mario Götze. Sie hat nach der Bremer Meisterschaft von 2004 mit dem allenfalls spärlich bekleideten Brasilianer Ailton auf einer Couch gekuschelt und mit so manchem Kicker und so manchem Funktionär eine Nacht im Bett verbracht. Einmal durfte sie sogar mit Klaus Augenthaler im Entmüdungsbecken baden. Die Meisterschale ist, wenn man so will, die Femme fatale des deutschen Fußballs.

Da trifft es sich, dass sie tatsächlich von Frauenhänden gefertigt wurde. Die Kölner Goldschmiedin und Kunstprofessorin Elisabeth Treskow erhielt 1949 vom DFB den Auftrag, einen "künstlerisch wertvollen Wanderpokal" zu fertigen. Die alte Victoria-Trophäe, die an die Meister von 1903 bis 1944 vergeben worden war, galt nach dem Krieg als verschollen. Erst nach dem Mauerfall wurde sie wiederentdeckt, sie hatte vier Jahrzehnte in einem Berliner Kohlekeller gelegen. Erster Empfänger der Treskow-Schale war dann der VfR Mannheim - der einzige Meister der Nachkriegsgeschichte, der nie in der Bundesliga spielte.

Vom Hausmeister bei Ebay versteigert

Inzwischen sind die Namen aller Titelträger von 1903 (VfB Leipzig) bis 2013 (Bayern München) eingraviert. Ein Brauch, der zur Folge hatte, dass die einst recht handliche Schale 1981 um einen weiteren Silberring erweitert werden musste. Seither misst sie 59 Zentimeter und wiegt elf Kilo. Nach Kalkulationen des DFB gibt es jetzt bis 2027 keine Platznot mehr - es sei denn, im kommenden Jahrzehnt gewinnen nur noch Klubs mit so üppigen Namen wie Borussia Mönchengladbach oder Eintracht Braunschweig, dann könnte es schon früher eng werden. Mit platzsparenden Meistern wie Köln, Fürth oder Ulm würde der Außenring wohl auch bis 2030 reichen.

Für neutrale Beobachter war die 50. Bundesliga-Saison gewiss kein dramaturgisches Meisterwerk. Was seit dem 27. Spieltag rechnerisch feststeht, ist nach menschlichem Ermessen schon seit der Adventszeit klar: 2013 wird die Schale in München verliehen. Den Organisatoren der Meisterehrung bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) kommt so ein Saisonverlauf aber entgegen. Nichts ist komplizierter für die Zeremonienmeister, als wenn vor dem letzten Spieltag noch nicht feststeht, wo so gegen um 17.17 Uhr die Party beginnt. Es gibt nämlich nicht nur eine Schale. Nur eine echte.

Sicher, man kann heutzutage alles kopieren, nicht nur Steuer-CDs und Dortmunder Pressing-Strategien, auch Silberware. Anfang der Achtziger erlaubte der damals noch zuständige DFB allen Vereinen mit mehreren Meistertiteln, sich ein leicht verkleinertes Duplikat der Schale für den Trophäenschrank anzufertigen. Aus diesem Fundus bedient sich die DFL heutzutage, wenn vor dem letzten Spiel noch Zweifel herrschen, in welchem Stadion die Wanderschale gebraucht wird. Das Original reist dann zum Tabellenführer des 33. Spieltages, die Kopie zum Verfolger. Letztmalig war das 2009 vonnöten, als der VfL Wolfsburg (Original) und der FC Bayern (Kopie) noch Chancen auf den Titel hatten. Am Ende kam das Original zum Einsatz. Ersatzschalen-historisch ist aber vor allem die Zeit bis 1980 interessant. Bis dahin fertigte der DFB eigens eine Plastikkopie an, wenn ein sogenanntes Herzschlagfinale anstand. Diese Kopien sahen von Nahem ziemlich selbstgebastelt aus, aber in den damals noch bescheiden aufgelösten Fernsehbildern war das nicht zu erkennen.

Nur eine einzige dieser Ersatzschalen kam tatsächlich zum Einsatz. Am Ende der Saison 1970/71 wurde sie dem Meister Mönchengladbach übergeben, der noch vor dem letzten Spieltag aufgrund des schlechteren Torverhältnisses hinter dem FC Bayern gelegen hatte. Abends im Sportstudio feierten die Gladbacher bereits mit der Originalschale, die eiligst vom 0:2 der Münchner in Duisburg herangekarrt worden war. Die Kopie verstaubte bald im Keller des Bökelberg-Stadions und wurde erst kurz vor dem Abriss Mitte der Nullerjahre vom Hausmeister gefunden. Der nahm das gute Stück mit nach Hause, sein Sohn versteigerte es für ein paar Euro bei Ebay.

Mittlerweile ist die Gladbacher Gewinnertrophäe von 1971, von Netzer, Heynckes, Bonhof und Vogts also, bei einem Auktionshaus gelandet. Ende Mai wird sie versteigert. Schätzpreis 10 000 Euro. Für die Konkurrenten des FC Bayern ist das womöglich die günstigste Gelegenheit, um in absehbarer Zeit mit einer Meisterschale in Berührung zu kommen, die schon einmal eine Meisterfeier erlebt hat.

© SZ vom 11.05.2013/sonn

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