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Gerettete Klubs:Wir doch nicht!

Der FC Augsburg und der FSV Mainz 05 haben eine gemeinsame Nische in der Bundesliga gefunden und schaffen erneut den Klassenverbleib. Dank eigener Modelle, die sie widerstandsfähig machen.

Von Christof Kneer

Man tritt Jeffrey Gouweleeuw nicht zu nahe, wenn man ihn nicht für Sergio Ramos hält. Auch muss man sagen, dass Marco Richter nicht sehr viele Ähnlichkeiten mit Luka Modric aufweist, und selbst der durchaus ein bisschen große Florian Niederlechner hält einem Vergleich mit Cristiano Ronaldo nicht ganz stand. Und Heiko Herrlich versus Carlo Ancelotti? Passt auch nicht, ist aber auch egal. Mit einiger Würde und sehr lobenswerter Selbstironie haben die Spieler des FC Augsburg nach dem Spiel in Düsseldorf ihre "La-Décima"-Shirts übergezogen, sie standen ihnen wirklich gut. Für unschlagbare 15 Euro sind diese Shirts auch im Online-Handel sowie im FCA 1907 Store (Bahnhofstr. 7) erhältlich, aber zu vermuten steht, dass die Spieler das Hemd umsonst bekamen.

Ramos, Modric, Ronaldo und all die anderen haben vor sechs Jahren den zehnten Champions-League-Titel von Real Madrid unter dieses Motto gestellt (la Décima), und vermutlich ist der Sieg, den die Augsburger am Wochenende feierten, von vergleichbarer Dimension, auch wenn er nur ein Unentschieden war. Nach dem 1:1 in Düsseldorf wissen die Augsburger jetzt ganz sicher, dass sie im Herbst in ihre zehnte Erstliga-Saison in Serie starten werden - leider oder zum Glück gibt es dafür keinen scheußlichen Henkelpott, aber immerhin Respekt aus dem Rest des Fußballlandes, dem der FC Augsburg ebenso wie der FSV Mainz 05 allmählich unheimlich wird. Vor jeder neuen Saison suchen potenziell abstiegsbedrohte Klubs die Landschaft ja immer nach anderen Klubs ab, die es auch erwischen könnte, wen könnten wir hinter uns lassen, so geht die Logik des Leidens - und bei der Suche nach Leidensgenossen stößt man automatisch auf Augsburg und Mainz mit ihren kleinen Städten und Etats. Inzwischen hat es sich aber herumgesprochen: Augsburg und Mainz? Vergiss es, kannste streichen. Die steigen eh' nicht ab. Gemeinsam haben Augsburg und Mainz schon Frankfurt, Hertha, Köln, Stuttgart, Hamburg und wohl bald Bremen aus der ersten Liga verschwinden sehen, sie selbst sind immer geblieben. Die Mainzer haben jetzt nach dem 3:1 gegen Werder sogar ihr zwölftes Erstliga-Jahr in Serie vor sich.

Fortuna Düsseldorf - FC Augsburg

Bis zehn gezählt: Augsburgs Sergio Cordova jubelt in Düsseldorf inmitten seiner Mitspieler.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Es passt gut, dass Augsburg und Mainz sich den erneuten Klassenverbleib am selben Spieltag gesichert haben, die Klubs passen wunderbar zusammen. Im weit verzweigten Gebäude der Bundesliga gehört ihnen ein eigenes kleines Stockwerk.

Augsburg und Mainz wohnen nicht im Altbau wie die Traditionsklubs, die seit Jahrzehnten Titel, Krisen und Skandale sammeln, sie wohnen aber auch nicht bei den oft etwas protzig eingerichteten Neureichen, deren Miete das VW-, das Red-Bull- oder das Dietmar-Hopp-Werk zahlt. Augsburg und Mainz sind etwas Eigenes.

Beide Klubs haben kaufmännische Modelle und auch eine Spielweise entwickelt, die sie extrem widerstandsfähig machen. Im Spiel meint man beiden eine gewisse Dankbarkeit anzusehen, es wirkt, als wüssten sie zu schätzen, auf welcher Bühne sie da kicken dürfen, und so hauen sich auch neue Spieler gleich so rein, wie die alten es vorleben. Außerdem versuchen beide, die knallharten Gesetze des Marktes für sich zu nutzen. Vor allem in Mainz haben sie einen Import-/Exporthandel entwickelt, der im Heute schon das Morgen mitdenkt. Der Spieler Diallo kam für fünf Millionen aus Monaco und ging für 28 Millionen nach Dortmund; der Spieler Gbamin kam für fünf Millionen aus Lens und ging für 25 Millionen nach Everton; ähnlich lief es bei Serdar und Cordoba, die man überteuert an die Konkurrenz in Schalke und Köln verkaufte. Und es geht immer so weiter: Der als Diallo-Nachfolger verpflichtete Niakhaté hat sich auch schon einen prominenten Markt erspielt - ebenso wie der einst als Cordoba-Nachfolger verpflichtete Mateta.

Zwei neue Unabsteigbare

Der FSV Mainz 05 und der FC Augsburg, zwei eher kleine Erstklässler, bleiben Dauerbrenner der Bundesliga. Mainz (seit 2009/10) hat zum elften Mal in Serie den Klassenverbleib geschafft, Augsburg (seit 2001/12) zum neunten Mal. Viele andere mussten in dieser Zeit absteigen - auch etliche Klubs mit größerem Namen und Budget.

Saison - Platz Mainz - Platz Augsburg - Absteiger

2009/10: 9. - / - Bochum, Hertha BSC

2010/11: 5. - / - Eintr. Frankfurt, St. Pauli

2011/12: 13. - 14. - Hertha, Köln, Kaiserslautern

2012/13: 13. - 15 - Düsseldorf, Greuther Fürth

2013/14: 7. - 8. - Nürnberg, Braunschweig

2014/15: 11. - 5. - SC Freiburg, SC Paderborn

2015/16: 6. - 12. - VfB Stuttgart, Hannover 96

2016/17: 15. - 13. - FC Ingolstadt, Darmstadt 98

2017/18: 14. - 12. - 1. FC Köln, Hamburger SV

2018/19: 12. - 15. - Nürnberg, Hannover, VfB Stuttgart

2019/20: 13. - 15. - Paderborn, Bremen/Düsseldorf

Aus derselben Nische heraus überlistet auch Augsburg den Markt, oder es gelingt, Spieler wie Philipp Max in der Ligaspitze zu etablieren. Und sie haben sogar einen Spieler, der in seinem La-Décima-Shirt dem damaligen Real-Profi Sami Khedira ähnlich sieht. Okay, es ist Rani Khedira, sein kleiner Bruder.

© SZ vom 22.06.2020
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