Bayer Leverkusen:Suche nach verschütteten Stärken

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Im Sommer wurde Leverkusen dafür gelobt, den Kader beisammengehalten zu haben. Doch der vermeintliche Vorteil einer eingespielten Mannschaft hat sich als Nachteil entpuppt, an dem Trainer Seoane scheiterte.

Kommentar von Milan Pavlovic

Wann immer eine Mannschaft dahinsiecht, wie es Bayer Leverkusen seit Wochen tut, bis dann früher oder später doch der Trainer verabschiedet wird, stellen sich stets einige Fragen: Haben die Spieler die Nase voll gehabt? Oder wollten sie unbedingt, dass er bleibt? Und wurden sie gerade deshalb mit jedem Fehlpass, jedem Fehlgriff des Torwarts, jedem krummen Gegentor, jeder haarsträubend vergebenen Chance immer nervöser, bis sie so verkrampften, dass es aussah, als wollten sie die Entlassung des Trainers forcieren? Und nicht zuletzt: Warum hat der Klub so lang gewartet?

Nach allem, was man hört, genießt Gerardo Seoane beim Werksklub nicht bloß Respekt, sondern viele Sympathien - und das nicht bloß, weil der Schweizer so ein freundlicher und ruhiger Mensch ist, der nach Niederlagen garantiert kein Mobiliar zertrümmert oder in den Keller geht, um seinen Frust an einem Boxsack auszulassen.

Es war vielmehr so, dass er für alle sichtbar in der vergangenen Saison ein gutes Team in ein exzellentes verwandelte. Bayer 04 spielte unter seiner Leitung jenen Spektakel-Fußball, den die Verantwortlichen des Werks gerne als Werbung sehen wollen und der mitunter sogar Bayer-ferne Zuschauer begeisterte. 80 Tore schoss das Team, Platz drei war die Folge, und war da nicht noch mehr drin?

Denn im Sommer vermeldete Bayer stolz, dass weder Tormaschine Patrik Schick noch Speed- und Dribbelwunder Moussa Diaby den Klub verlassen würden. Und in der Rückrunde würde dann auch noch der langzeitverletzte Wunderknabe Florian Wirtz zurückkehren. Obwohl der Werksklub seit 25 Jahren im Ruf steht, im entscheidenden Moment an sich selbst zu scheitern, trauten nicht wenige Beobachter Leverkusen zu, dem FC Bayern in dieser Saison ernsthaft Schwierigkeiten zu bereiten.

Die Leverkusener Saison erinnert stark an die vergangene von Borussia Mönchengladbach

Doch vom ersten Pflichtspiel an - einer 3:4-Blamage im Pokal beim Drittligisten Elversberg - reihte sich ein Frusterlebnis ans nächste. Der Zusammenhalt bröckelte, Seoane traf ein paar schwer nachvollziehbare Trainer-Entscheidungen. Und der große Vorteil, dass der Kern der Mannschaft beisammen gehalten wurde, entpuppte sich als Nachteil, weil niemand da ist, der mit so einem freien Fall vertraut ist. In dieser Hinsicht fühlt man sich an die vergangene Saison erinnert, als Borussia Mönchengladbach mit fast unverändertem Kader und Titelträumen begann und auf Platz zehn endete.

Wie damals die Gladbacher sind nun alle Leverkusener Spieler seit Wochen so sehr mit den eigenen Mängeln beschäftigt und auf der Suche nach ihren verschütteten Stärken, dass sie keine Zeit haben, sich um die Mitspieler zu kümmern. Traurigstes Beispiel ist der sonst so amüsante und selbstironische Torwart Lukas Hradecky, der zuletzt so viele groteske Fehler beging, dass er lieber schweigt und aussieht wie eine melancholische Figur aus den Filmen seines finnischen Landsmanns Aki Kaurismäki.

Dass Seoane jetzt bei Bayer Leverkusen durch Xabi Alonso ersetzt wird, ist fast schon kurios, weil der Spanier eine noch viel größere Nummer in der Branche ist. Er ist zwar als Trainer noch recht neu im Geschäft. Aber er ist nicht nur ein unheimlich freundlicher Mensch, sondern er bringt den Glanz der Welt- und Europameisterpokale mit, die er zwischen 2008 und 2012 als Spieler stemmte. Und als Spieler wusste er nur zu gut, wann er die Grätsche auspacken musste. Und sollte er die Spieler zur Normalform zurückführen, dürfte er Spaß haben - und sich für (noch) größere Aufgaben empfehlen.

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