Georgien bei der EM:Auf Mission mit neuem Geist

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Ansprache: Georgiens Trainer Willy Sagnol wendet sich an seine Mannschaft. (Foto: Ina Fassbender/AFP)

Erstmals seit seiner Unabhängigkeit nimmt Georgien an einem großen Fußballturnier teil. Für das Team von Trainer Willy Sagnol geht es dabei um mehr als Sport. Verbandspräsident Lewan Kobiaschwili hofft, dass die EM sein Land vereinen kann.

Von Ulrich Hartmann, Velbert

Lewan Kobiaschwili hat 30 Jahre lang einen Rucksack getragen, der immer schwerer und schwerer geworden ist. Diese Metapher benutzt der 46-Jährige am liebsten, um seine Rolle und die des georgischen Fußballs zu verdeutlichen. 1994 und damit drei Jahre nach der georgischen Unabhängigkeit 1991 hat der in Tiflis geborene Georgier seine Fußballkarriere begonnen. Er hat als Profi 20 Jahre lang vergeblich versucht, sich mit der Nationalmannschaft für eine Europa- oder eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren.

Seit 2015 ist er nun Präsident des georgischen Fußballverbands, und auch in dieser Funktion hat er die Last des Rucksacks nicht ablegen können. Bis zu diesem Frühjahr, am Abend des 26. März, als die Georgier in Tiflis im EM-Playoff die Griechen im Elfmeterschießen besiegten. Nun nimmt die Auswahl bei der EM in Deutschland erstmals an einem großen Turnier teil.

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„Ich habe noch nie in meinem Land so viele glückliche Menschen gesehen wie an jenem Abend“, erzählt Kobiaschwili. „Die Menschen haben 30 Jahre auf diesen Tag gewartet, 30 Jahre ist unser Rucksack schwerer und schwerer geworden.“ Und jetzt? Soll ein ganzes Land durch den Fußball erleichtert worden sein.

Der Slogan der Europameisterschaft lautet: „United by Football“. Er steht auf jedem der 24 Mannschaftsbusse. Auf dem georgischen Bus steht: „Georgia is united by Football.“ Im Falle des EM-Debütanten hat dieses Motto noch mal eine speziellere Bedeutung. Es ist in diesem Fall sogar eine gewagte These. Georgien ist nämlich mitnichten united. Seit dem 9. April 1991 unabhängig, grenzt das Land im Norden an Russland. Die dort auf Eigenständigkeit pochenden Enklaven Abchasien und Südossetien gelten als russisch kontrolliert. Der Rest, der Großteil Georgiens, gilt hingegen als europäisch orientiert. Vor zwei Jahren stellte das Land einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft und besitzt seit einem halben Jahr offiziellen Kandidatenstatus.

Der Fußball und die erstmalige Qualifikation für dieses große europäische Turnier, bei dem Russland aufgrund des Überfalls auf die Ukraine nicht mitspielen darf, soll die etwa 3,7 Millionen Georgier zumindest ein bisschen einen. Kobiaschwili scheut sich jedenfalls nicht davor, pathetisch zu werden, wenn er sagt: „Am 26. März 2024 waren alle Menschen in Georgien glücklich, und zwar unabhängig davon, wo sie politisch stehen.“

In der Weltrangliste steht Georgien auf Platz 75 zwischen Bosnien-Herzegowina und Guinea

Zu seiner aktiven Zeit hat Kobiaschwili in Freiburg gespielt und später bei Schalke in Gelsenkirchen sowie bei Hertha BSC in Berlin. Es war eine erfolgreiche Karriere, mit 351 Bundesligaspielen und elf Einsätzen in der Champions League. Mit Georgien hingegen, für das er zwischen 1996 und 2011 exakt 100 Länderspiele absolviert hat, musste er 30 Jahre lang warten, ehe er mit der Nationalmannschaft zu ihrer allerersten EM anreisen durfte. Der erste Würdenträger, der Kobiaschwili vor einem Pulk von Fotografen offiziell die Hand schüttelte, war der Bürgermeister von Velbert.

In der 85 000-Einwohner-Stadt inmitten des Dreiecks Düsseldorf-Wuppertal-Essen haben die Georgier während der EM ihr Quartier, hier bereiten sie sich auf ihre Gruppenspiele an diesem Dienstag in Dortmund gegen die Türkei, am Samstag in Hamburg gegen Tschechien sowie am übernächsten Mittwoch in Gelsenkirchen gegen Portugal vor. Sie trainieren in jenem kleinen Stadion, in dem die Spielvereinigung Velbert bis zuletzt ihre Viertligaspiele in der Regionalliga West austrug (am Saisonende stieg sie in die fünfte Liga ab). In Velbert, unweit der Ruhr und im Niederbergischen Land an der Grenze zwischen Westfalen und dem Rheinland, gibt es keine nennenswerte georgische Kolonie, aber nachdem die EM-Playoffs beendet waren, hatten die Verantwortlichen keine allzu große Auswahl mehr.

Arbeiten inzwischen erfolgreich zusammen: Lewan Kobiaschwili (links) hier noch für Schalke im Gerangel mit FC-Bayern-Profi Willy Sagnol. (Foto: Imago)

Aber darauf kommt es womöglich auch gar nicht so sehr an.„Wir genießen es, bei der EM dabei zu sein“, sagt Kobiaschwili. „Aber wir wollen schon auch das eine oder andere Spiel gewinnen, denn wir haben Qualität.“ In der Weltrangliste steht Georgien auf Platz 75 zwischen Bosnien-Herzegowina und Guinea. Nationaltrainer ist seit 2021 jener Franzose namens Willy Sagnol, 47, der einst neun Jahre beim FC Bayern gespielt hat.

Die Besten der Mannschaft sind Stürmer Chwitscha Kwarazchelia vom SSC Neapel, Torwart Giorgi Mamardaschwili vom FC Valencia der Mittelstürmer Georges Mikautadse vom FC Metz. Stürmer Budu Siwsiwadse hat in der vergangenen Saison zwölf Tore für den Zweitligisten Karlsruher SC geschossen. Präsident Kobiaschwili sagt über das Nationalteam und damit zugleich lobend über den Trainer Sagnol: „Vielleicht hatten wir in der Vergangenheit bessere Einzelspieler – aber wir hatten kein Team, keine Einheit, und genau das ist jetzt anders. In den Playoffs gegen Griechenland hat der Mannschaftsgeist gewonnen gegen eine eigentlich bessere Mannschaft.“

Ein Computerprogramm hat die Titelchance von null Prozent errechnet

Am Abend des 26. März in Tiflis hat der Mittelfeldmann Nika Kwekweskiri, 32, der für Lech Posen in der ersten polnischen Liga spielt, im Playoff-Rückspiel gegen Griechenland den entscheidenden Elfmeter verwandelt. „Die Menschen sind ausgeflippt“, erinnert er sich, „unser Land hat viele Probleme, aber das war vielleicht einer der größten Triumphe Georgiens, seit wir unabhängig geworden sind.“ Es sei ihm eine Ehre gewesen, in den Tagen danach „in die stolzen Augen so vieler Georgier zu blicken“. Die Qualifikation für die EM, „das war mehr als nur ein Sieg in einem Fußballspiel, das war einer der größten Momente für das ganze Land, und ich hoffe, wir können unserem Land noch mehr solcher Momente geben.“

Dazu bietet die EM gute Gelegenheiten, und die Georgier lassen sich auch nicht von statistischen Prognosen verunsichern, wonach ihnen ein mit Zahlen gespeistes Computerprogramm eine Titelchance von null Prozent prognostiziert. Die Chance, dass Georgien ins Achtelfinale einzieht, liegt demnach immerhin bei 42 Prozent.

Lewan Kobiaschwili hat genug selbst erlebt, dass er glaubhaft versichern kann: „Fußball besteht nicht nur aus 90 Minuten und einem Ergebnis. Fußball ist viel, viel mehr.“ Das gilt in diesen Wochen ganz besonders für Georgien.

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