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Gesundheit:Die Zuschauer erwarten, dass es auf dem Eis kracht

Eishockey-Spieler wollen nicht wie die Fußballer sein, die oft leicht fallen. Heid wurde früh eingeimpft, erst aufzuhören, "wenn ich mir ein Bein breche". Stets spielte er, obwohl er sich schlecht fühlte, niemand hielt ihn auf. "Die Ärzte wussten es nicht besser", sagt Heid, "es ist ein Fehler im System." Denn alles hängt zusammen: Trainer wollen nicht verzichten, Ärzte können nichts sehen, Spieler nicht aufhören. Und die Zuschauer erwarten, dass es auf dem Eis kracht.

"Ich sah, wie Freunde starben", sagt Heid. Er erzählt von Derek Boogaard, einem Freund vom College. "Er war wie ein Teddybär. Ein lustiger Kerl, der ständig herumalberte." In der NHL wurde aus dem 120-Kilo-Teddy ein Mann fürs Grobe. Boogaards Job war es, sich zu prügeln, doch das machte ihn aggressiv und depressiv. Er war emotionslos, "als sähe man einen Geist", sagt Heid. Vor fast fünf Jahren starb Boogaard an einer Überdosis Alkohol und Schmerzmittel. Er litt an Chronisch-Traumatischer Enzephalopathie (CTE), dem "Boxer-Syndrom", ausgelöst durch Schläge auf den Kopf.

Boogaard war kein Einzelfall. Athleten aus Eishockey, Football, Wrestling begingen Selbstmord. Nachher fand man geschädigte Gehirne, Schmerz-Pillen und Antidepressiva. Angehörige verklagten die US-Topligen auf Schadenersatz. Auf den Forschungen des Pathologen und Neurowissenschaftlers Bennet Omalu, der den Zusammenhang zwischen den Gehirnschädigungen und den Selbsttötungen ehemaliger Football-Profis erkannte, beruht der Film "Erschütternde Wahrheit", der an diesem Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft. Die Hauptrolle spielt Will Smith.

Bis die Diagnose seriös gestellt wird, vergehen wohl noch Jahre

In Amerika ist man sensibler: Der Fußballverband verbietet Kopfbälle bei Kindern unter zehn Jahren. Im Eishockey nehmen "Concussion-Spotters" auffällige Spieler aus der Partie. Concussion bedeutet Gehirnerschütterung. Und die amerikanische Medizin ist weiter, sagt Neurologin Fürst. "Der Knackpunkt ist die Definition: In Deutschland wird eine Gehirnerschütterung mit Bewusstlosigkeit assoziiert." Doch viele verlieren zwar nicht das Bewusstsein, haben aber Symptome. "Deshalb werden viele Gehirnerschütterungen nicht erkannt", sagt Fürst. In Amerika genügen dagegen Symptome zur Diagnose. Bis sich diese Ansicht bei uns durchsetzt, sagt Fürst, "werden noch Jahre vergehen".

2011 wurde Berlins DEL-Spieler Stefan Ustorf gerammt, er hatte schon zuvor eine Gehirnerschütterung erlitten. Die Summe der Schläge ruft ein "Second Impact Syndrom" hervor, Ustorf leidet an Schlafstörungen und Schwindel. Dem Spiel kann er nun nicht mal als Zuschauer folgen, zu laut ist die Musik, zu grell das Licht. 2013 beendete er seine Karriere. Er sagt: "Ich spüre, wie nach und nach mein Körper auseinanderfällt."

Ustorf ist heute Sportdirektor der Eisbären Berlin. Sein Vater Peter, früher selbst Profi und Trainer, ist Vorsitzender des Vereins "Stopconcussions Germany". Er will, dass "die unsichtbare Verletzung" endlich ernst genommen wird: "Man muss die Sache nicht dramatisieren. Aber eine Gehirnerschütterung muss wie jede andere Verletzung ausheilen." Er spricht bei Trainerlehrgängen, fordert, auffällige Spieler vorsichtshalber aus der Partie zu nehmen.

Ustorf hat eine Telefonnummer eingerichtet. Dreimal pro Woche ruft jemand an. Jemand, der sich schlecht fühlt, obwohl es ihm gut gehen müsste. Im April 2014 meldet sich Heid, kein Arzt konnte ihm helfen. Ustorf vermittelt ihn nach Kanada. In einer Klinik nahe Toronto wird festgestellt: Der rechte Sehnerv ist beschädigt, ebenso der Vestibularnerv - der Gleichgewichtsnerv. Die Therapie schlägt an. Als Stefanie Heid ihren Mann nach zehn Tagen besucht, sah sie: "Das alte Feuer war wieder da." Kopfschmerzen und Schlafstörungen gehören weiter zu Heids Alltag. Trotzdem sagt er: "Ich lerne, damit zu leben. Es ist ein neues Ich."