Gegen die Maschine Alles Menschenmögliche

Schachweltmeister Wladimir Kramnik will gegen Deep Fritz noch ausgleichen.

Von Martin Breutigam

Der Schachweltmeister winkte den Schiedsrichter zu sich und deutete ihm, er möge oben am Eingang bitte mal für Ruhe sorgen. Die brauchte Wladimir Kramnik nämlich mehr denn je im vollen Spielsaal der Bonner Bundeskunsthalle, weil nach zwanzig Zügen der fünften Partie gegen das Computerprogramm Deep Fritz genau das aufs Brett kam, was Kramnik eigentlich hatte verhindern wollen: eine komplizierte Stellung, die viel Rechenarbeit erforderte. Dass der Mensch trotzdem standhielt gegen die mehr als acht Millionen Züge pro Sekunde berechnende Maschine, und dass Kramnik nach 35 gespielten Zügen, immerhin, ein weiteres Remis erreichte, war für den deutschen Großmeister Artur Jussupow ,,eine großartige Leistung''.

Hat nur noch die Chance auf ein remis: Wladimir Kramnik.

(Foto: Foto: ddp)

Allerdings hat Wladimir Kramnik vor der letzten Partie an diesem Dienstag keine Chance mehr auf den Gesamtsieg und die dafür ausgelobte halbe Million Dollar. Der Russe kündigte aber an, er werde alles Menschenmögliche tun, um gegen den mit 3:2 Punkten führenden Deep Fritz zumindest noch den Ausgleich zu schaffen. ,,Es ist fast unmöglich, gegen solch einen Computer auch nur eine einzige Partie zu gewinnen'', sagte Wladimir Kramnik. ,,Aber manchmal kommt eine Chance wie zum Beispiel in der zweiten Partie und dann werde ich versuchen, sie zu nutzen.''

Keine wilden Opfer

Wer weiß, wie es stünde, wäre dem Weltmeister in jener zweiten Partie nicht dieser Jahrhundertfehler unterlaufen, als er sich einzügig matt setzen ließ. Eine unnötige Niederlage und vier Remisen - das klingt aus Sicht des Menschen beachtlich. Von der zuvor befürchteten Überlegenheit des Computers kann, wie Kramnik mit Recht feststellte, jedenfalls keine Rede sein: ,,Es ist ein sehr ausgeglichenes Match. Normalerweise sollte es jetzt unentschieden stehen.''

Wildes, spekulatives Opferschach sei von ihm in der letzten Partie aber nicht zu erwarten, dies mache gegen Computer überhaupt keinen Sinn, sagte Kramnik. ,,Andererseits bin ich ein Schachspieler, und wenn ich meine, ein Zug ist besser als ein anderer, würde ich immer den besseren machen, egal wie scharf es wird.'' Wie in der fünfte Partie, als er im 17.Zug zum Erstaunen der Experten eine leicht vorteilhafte und obendrein risikolose Fortsetzung verwarf und stattdessen mutig seinen Randbauern vorschob (siehe Analyse).

Kramnik - Deep Fritz (5. Partie)

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.Sc3 Lb4 5.e3 0-0 6.a3 Lxc3+

7.bxc3 c5 8.Lb2 (Per Zugumstellung ist die nimzowitschindische Verteidigung entstanden; Kramniks 8.Lb2 wird eher selten gespielt.) 8...Sc6 9.Tc1 Te8 10.Ld3 dxc4 11.Lxc4 e5 12.dxe5 Dxd1+ 13.Txd1 Sxe5 14.Sxe5 Txe5 15.Le2 Ld7 16.c4 (Erst hier wurde Fritz' Monitor, der in der Eröffnungsphase auch für Kramnik sichtbar neben dem Schachbrett steht, um 90 Grad gedreht. Solange der Computer seinem gespeicherten Eröffnungsbuch folgt und noch nicht selber zu rechnen begonnen hat, darf Kramnik einsehen, welche Züge als nächstes in Fritz' Buch stehen. Allerdings lugte der Weltmeister abermals kaum zum Monitor, weil er sich offenbar noch in seiner Vorbereitung befand.)

16...Te7 17.h4 (,,Ich bin nicht sicher, ob es so klug war, mit dem h-Bauern vorzugehen, aber ich wusste nicht, wie ich sonst meine Initiative entwickeln sollte'', sagte Kramnik nachher. Fast alle in Bonn versammelten Großmeister hatten das übersichtliche 17.Lxf6 gxf6 18.Td6 erwartet, mit leichtem weißen Vorteil. ,,Klar, ich kann dann niemals verlieren, aber es ist auch sehr unwahrscheinlich, dass ich gewinne.'' Wenn Weiß überhaupt Vorteil besitze, beruhe dieser auf dem Läuferpaar, erklärte Kramnik. Deswegen habe er seinen Läufer nicht abtauschen wollen.) 17...Se4 (Eine zweite Chance zum Tausch gibt es nicht. Der Springer wird sich bald als störend erweisen; er kann nicht gut mit f2-f3 vertrieben werden, wegen ...Sg3+.)

18.h5 La4 (Deep Fritz wird konkret. Vielleicht hatte Kramnik bei der Expansion am Flügel eher mit einem typisch menschlichen Zug wie 18...h6?! gerechnet, z.B. 19.Th4 La4 20.Td3 ggf. nebst 21.Tg4 und 22.f3.) 19.Td3 (Laut Fritz war 19.Td5 Lc6 20.Td3 b5 21.Td1 etwas genauer.) 19...b5! 20.cxb5 Lxb5

21.Td1 Lxe2 22.Kxe2 Tb8 23. La1 (Obwohl dieser Läufer zurzeit auf der Diagonale a1-h8 von den schwarzen Figuren dominiert wird, könnte er dem Springer langfristig überlegen sein.) 23...f5 (Schafft Luft für den König und plant beizeiten ...f4.) 24.Td5 Tb3 25.Txf5 Txa3 26.Tb1 (Endlich kommt der bislang arbeitslose Turm ins Spiel - mit einer Mattdrohung sogar.) 26...Te8 27.Tf4 (Computer bevorzugen 27.Te5, mit leichtem Vorteil. Auch Kramnik hatte diese Variante berechnet und erkannt, dass er nach 27...Ta2+ 28.Tb2 Sc3+ 29.Kd3 Txe5 30.Txa2 Txe3+! 31.fxe3 Sxa2 keinen Vorteil besäße.)

27...Ta2+ 28.Ke1 h6! (Die beste Verteidigung gegen die Drohung 29.Tg4.) 29.Tg4 g5! 30.hxg6 Sxf2 31.Th4 Tf8! (Plötzlich droht ...Sd3+ nebst ...Tf1 matt, aber Kramnik findet die einzige Verteidigung.) 32.Kf1! Sh3+ 33.Ke1 Sf2 34.Kf1 Sh3+ 35.Ke1 remis.