Süddeutsche Zeitung

Gefahren im Vielseitigkeitsreiten:Das Risiko springt mit

  • Die Zahl der schweren bis tödlichen Unfälle ist im Vielseitigkeitsreiten kaum gesunken.
  • Es stehen sich zwei Lager gegenüber. Die Neuerer, die Pferd und Reiter schützen wollen und die Hardliner, die den alten Zeiten nachtrauern.

Von Gabriele Pochhammer

Military: So heißt die Vielseitigkeit schon lange nicht mehr. Erinnert das Wort doch zu sehr an kriegerische Zeiten, in denen das Soldatenpferd zeigen musste, dass es im Gelände ausdauernd, mutig und schnell ist, dass es sich in der Dressur gehorsam drehen und wenden lässt und am Ende noch wach genug ist, um einen Springparcours mit Anstand zu bewältigen. Aus dem Härtetest für unerschrockene zwei- und vierbeinige Draufgänger ist schon lange die zahmere Vielseitigkeit geworden, aus vielerlei Gründen, unter anderem, weil schwere Unfälle jedes Jahr die Öffentlichkeit aufschrecken.

Die Diskussionen, wie das Geländereiten auch auf olympischer Ebene aussehen kann, reißen nicht ab, und Ende des Monats werden sich im Vielseitigkeitskomitee des Weltreiterverbandes FEI erneut zwei Lager gegenüberstehen: die Hardliner, die den alten Zeiten nachtrauern; und die Neuerer, die vor allem eines im Auge haben: den Geländesport so umzugestalten, dass die Öffentlichkeit keinen Anstoß daran nimmt und Tierschützer nicht auf den Plan gerufen werden.

"Keiner akzeptiert, dass bei großen Prüfungen jedes Mal ein Drittel der Starter herausfliegt", sagt Rüdiger Schwarz, bis 2016 Mitglied des FEI-Vielseitigkeitskomitees und ein weltweit gefragter Parcours-Aufbauer, verantwortlich unter anderem für die Europameisterschaft im polnischen Stzregom im kommenden September. "So wie früher ist der Sport heute nicht mehr zu verkaufen", sagt er, "wir müssen 80 bis 90 Prozent der Reiter durchbringen."

In dieser Richtung ist viel passiert: Die Rennbahnphase ist bereits seit 2004 gestrichen, auch die beiden Wegestrecken wurden als überflüssige Ermüdung abgeschafft. Das Gelände wurde verkürzt, dafür die Anforderungen in Dressur und Springen erhöht. Ein echter Dreikampf also, mit Schwerpunkt auf dem Cross. Auch der Aufbau der festen Hindernisse hat sich geändert: Statt massiver Brocken erhöhen jetzt trickreiche Wendungen, handtuchschmale Sprünge und schwierige Kombinationen die Chancen des intelligenten Pferdes, das den Weg über Ecken und Kurven beinahe wie von selbst findet.

Nur: Die Zahl der schweren bis tödlichen Unfälle ist dennoch kaum gesunken. "Es bleibt ein Risikosport", sagt Schwarz, "und wir müssen versuchen, dieses Risiko zu minimieren." Das geschieht unter anderem durch den Einbau sogenannter Sollbruchstellen - entweder ein Mechanismus, der sich bei hartem Anschlag öffnet, oder dünne Holzstückchen, die brechen. Sie werden heute bei jeder großen Prüfung bei bestimmten Hindernissen eingesetzt, die einen Sturz mit Überschlag provozieren könnten. Diese Stürze, von Reitern salopp "Lerche" genannt, fürchten sie ja alle am meisten: Das Pferd kann auf den Reiter fallen und ihn schwer verletzen.

Wird der Mechanismus ausgelöst und das angeschlagene Hindernisteil fällt zu Boden, bekommt der Reiter elf Strafpunkte. Passiert das zweimal, hat er mit 22 Strafpunkten bereits das "Qualifikations-Ergebnis" verpasst, das er benötigt, um an Championaten oder Olympischen Spielen teilzunehmen. So gesehen kein Wunder also, dass die meisten Reiter diese Strafpunkte liebend gerne wieder aus dem Reglement streichen würden. Und darin werden sie von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) bestärkt.

Sprecherin Philine Ganders-Meyer sagt: "Ich glaube nicht, dass ein Reiter einen Sprung anders anreitet, wenn er weiß, er bekommt Strafpunkte, wenn er anschlägt. Er will sowieso nicht, dass sein Pferd das Hindernis touchiert." Rüdiger Schwarz hält dagegen: "Warum soll es nicht honoriert werden, wenn ein Pferd einen Sprung souverän überwindet, gegenüber einem Pferd, dass ohne die Sicherheits-Pins wahrscheinlich gestürzt wäre?"

Vielen gehen Neuerungen zu weit

Bei der FEI-Generalsversammlung im November 2016 wurden weitere Änderungen der olympischen Vielseitigkeit durchgewinkt - gegen die Stimmen der großen Reiternationen, aber mit vielen Stimmen aus Ländern, in denen es keinen einzigen Buschreiter gibt. Die Geländestrecke wird jetzt also offiziell nur noch auf Drei-Sterne-Niveau ausgetragen, nicht mehr wie bisher in der schwersten Kategorie (vier Sterne) - eindeutig im Widerspruch zur Forderung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), das höchstes sportliches Niveau verlangt. Und wie auch in Dressur und Springen, so besteht eine Mannschaft jetzt nur noch aus drei Reitern, davon erhofft man sich "mehr Flaggen".

Um dennoch genügend Teams nach Hause zu bringen, kann jetzt ein Reserve-Reiter gegen entsprechende Strafpunkte eingetauscht werden. Auch ein Reiter, der bereits ausgeschieden ist, darf mit bis zu 150 Strafpunkten weitermachen, nur für die Mannschaft, nicht für sein Einzelergebnis. Solche Neuerungen gehen vielen, nicht nur den Traditionalisten, zu weit.

Das Fass zum Überlaufen brachte jetzt die Entscheidung der FEI, auch die alle vier Jahre ausgetragenen Weltmeisterschaften, für die es keine Olympia-Vorgaben gibt, nur noch auf Drei-Sterne-Niveau auszutragen. Eine Ikone des Sportes, Lucinda Green, sechsfache Gewinnerin in Badminton, der schwersten Prüfung der Welt, hat sich nun in einer aufgebrachten E-mail an Giuseppe della Chiesa, den Vorsitzenden des FEI-Komitees, gewandt, sie schrieb: "Bitte gehen Sie nicht in die Geschichte ein als derjenige, der dem Vielseitigkeitssport das Herz entrissen hat."

Nicht wenige teilen Greens Sorgen: dass auf die Dauer die Vier-Sterne-Prüfungen vollständig verschwinden (zurzeit sind es sechs weltweit), das Niveau damit weiter sinken wird, dass weniger begabte Reiter und Pferde sich im Gelände versuchen werden, was wiederum die Unfallgefahr erhöht. Della Chiesa reagiert gelassen. Er schlägt vor, die Vier-Sterne-Vielseitigkeiten als eine Art "Ironman für Reiter" aufzubauen, für den harten Kern sozusagen. Das könnte man dann schon wieder Military nennen. Wenn man will.

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SZ vom 02.02.2017/jbe
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