Ski alpinGarmisch ist tot, lang lebe Garmisch!

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Beste Stimmung: 5000 Zuschauer kamen am Samstag zum Skiweltcup nach Garmisch.
Beste Stimmung: 5000 Zuschauer kamen am Samstag zum Skiweltcup nach Garmisch. Mateo Sgambato/Agence Zoom/Getty Images
  • Der Skiweltcup in Garmisch-Partenkirchen erlebt nach fünf Jahren Pause bei der Abfahrt eine Renaissance mit 5000 Zuschauern.
  • Marco Odermatt gewinnt die Kandahar-Abfahrt vor seinen Schweizer Landsleuten Alexis Monney und Stefan Rogentin.
  • Romed Baumann beendet nach 22 Jahren im Weltcup seine Karriere und stellt mit 167 Abfahrtsstarts einen neuen Rekord auf.
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Der Skiweltcup in Garmisch-Partenkirchen erlebt eine Mixtur aus Abschied und Renaissance. Beim Aufbruch in eine neue Ära ist vieles neu – der Festivalcharakter zahlt sich aus. Ein Besuch.

Von Korbinian Eisenberger, Garmisch-Partenkirchen

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In Garmisch-Partenkirchen lief die Stoppuhr, oben auf der Kandaharpiste kämpfte sich Romed Baumann durch die Tore, und unten im Ort spielte die Musik: Das Schlagergesangsstück „Was für eine geile Zeit“ beschallte die Ohren zu Baumanns Fahrt, der zwar keine geile Zeit im Wortsinn auf der Uhr hatte, aber den ganzen Romed Baumann unverletzt ins Tal brachte, das war diesmal das Wichtigere. Es ging, das wurde an diesem Samstag in Garmisch deutlich, nicht um kleine Einzelzeiten, mehr um die große Zeitrechnung, die Vergangenheit und die Zukunft eines Skifahrers – und eines Skiorts.

Der Weltcup ist alljährlich eine ihrer zentralen Visitenkarten beim Skiklub Garmisch, der ganze Ort definiert sich eher mehr als weniger über den Skispitzensport. Heroen der Zunft entstammen dieser Kleinstadt im Werdenfelser Land, Rosi Mittermaier, Felix Neureuther, Maria Höfl-Riesch haben sich ins Gedächtnis der Skination gekurvt und gecarvt. Zuletzt aber konnte gezweifelt werden, ob der Begriff Skination noch angemessen ist. Auch, weil Garmisch-Partenkirchen zuletzt die Aura abhandengekommen war.

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Samstagvormittag in Garmisch, von der Zugspitze glitzert der Schnee im Sonnenlicht, weiter unten im Tal hat die Wärme die Landschaftsgestaltung übernommen. Nicht wenige Einheimische kommen mit dem Fahrrad zur Kandahar, die Menschen stopfen ihre Jacken in Rucksäcke und irgendwann auch ihre Pullover. 5000 sind gekommen zu diesem ersten Abfahrtsrennen in Garmisch seit fünf Jahren, so lange schon mussten sie warten auf das Gastspiel der Königsdisziplin des Skisports unter dem Königsgipfel des Landes. Nun also öffnet sich das neueste Kapitel.

Mehr Rennabsagen als Renntage waren es zuletzt hier, mehr Kunstschnee als Naturflocken, eine erfolglose WM-Bewerbung, Ärger mit einem Grundstückseigentümer, schlanke Besucherzahlen, überschaubare Atmosphäre. Und so stand über diesem postolympischen Skirennen in Garmisch nicht nur sportlicher Reiz. Zuvorderst ging es um die Frage, wie es in Garmisch weitergeht.

Die Renn-Essenz: Der Schweizer Marco Odermatt kann nach Olympia wieder Skirennen gewinnen

Wenn man so will, war der Samstag eine Mixtur aus Abschied und Renaissance. Die Renn-Essenz: Der Schweizer Marco Odermatt kann nach Olympia wieder Skirennen gewinnen, er bezwang die Kandahar-Abfahrt und all seine Gegner, so wie es seinem Selbstverständnis entspricht. Allein sein Landsmann Alexis Monney vermochte den 54. Weltcupsieg des 28-Jährigen zu attackieren, vier Hundertstelsekunden fehlten Monney. Stefan Rogentin, auch Team Schweiz, hatte als Dritter fast eine Sekunde Rückstand. Mit Hermann Maier, Dritter in der ewigen Bestenliste der Weltcupsieger, hat Odermatt gleichgezogen. Offen bleibt die Frage, ob Skirennläufer aus der Schweiz über ein unsichtbares DRS-Fenster zur Verminderung des Luftwiderstands verfügen, das man sonst mehr aus der Formel 1 kennt.

Der neue Garmischer Geist konnte erahnt werden, als Romed Baumann hinter der Ziellinie abschwang. Der Österreicher in Diensten des Deutschen Skiverbands hatte fünf Sekunden Rückstand angehäuft und im Schlussteil ein Tor ausgelassen, er kam gar nicht in die Rennwertung. Im Ziel aber wurde der 40-Jährige mit Getöse und Applaus empfangen, ehe der Super-G-Zweite der Ski-WM 2021 sein Karriereende verkündete. „Ich habe nicht mehr ganz die Bereitschaft wie vor drei, vier Jahren, Körper und Geist müssen da eine Einheit sein“, sagte Baumann, der 22 Jahre im Weltcup unterwegs war und in Garmisch auch einen Rekord aufstellte: 167 Abfahrtsstarts, einer mehr als einst der Italiener Kristian Ghedina.

Hoch soll er leben, ein letztes Mal! Romed Baumann (Mitte) wird nach dem abgesagten Rennen am Sonntag von seinem Team verabschiedet.
Hoch soll er leben, ein letztes Mal! Romed Baumann (Mitte) wird nach dem abgesagten Rennen am Sonntag von seinem Team verabschiedet. Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Dass dabei so viele Zuschauer wie noch nie zuschauten, mag man der einladenden Witterung zuschreiben, die Erklärung aber liegt tiefer. Das Organisationsteam des Garmischer Weltcups hat sich neu formiert, das Rahmenprogramm und seine Gesichter wurden verändert. Anders als sonst von Dezember an wurde der Weltcup bereits im Oktober, etwa beim Saisonauftakt in Sölden, beworben, Social-Media-Kräfte wurden engagiert – und die Architektur im Zielbereich erhielt eine moderne Statik. Unten erinnert die Installation inzwischen mehr an ein Festival, die Zuschauer abseits der knapp 1100 Zuschauer fassenden Tribüne haben anders als zuvor einen freien Blick auf den Livemonitor. Getränke- und Snackbuden sind nun Teil davon, Liegestühle wie in einem Strandclub, die Stadionsprecher beteiligen sich rege als Animateure, wie man es aus Tiroler Gefilden kennt. Der Sound aus den Lautsprechern dröhnt so markant Richtung Piste, dass es Radio- und TV-Reportern Schwierigkeiten bereitet.

Herausfordernd werden solche Veranstaltungen bleiben, tendenziell dürften die Hürden größer werden. „Es waren super Bedingungen und eine großartige Atmosphäre“, erklärte Odermatt im Ziel, auch ihm sei aufgefallen, dass sich in Garmisch etwas verändert habe. „Was wir heute sehen, ist, dass wir uns entwickelt haben und nicht stehen geblieben sind“, erklärt die Garmischer OK-Chefin Martina Betz. 400 Freiwillige halfen mit, davon hundert Helfer, die sich nach Schneefällen und zuletzt frühlingshaften Temperaturen um die Rennpiste bemühten.

Wo ein Wille ist, ist dennoch nicht immer ein Weg, das war am Sonntag zu sehen, als eben nichts mehr zu sehen war. Der geplante Super-G musste abgesagt werden, da blieb die Garmischer Stoppuhr beschäftigungslos, an diesem Skiort, der sich ein neues Uhrwerk zugelegt hat.

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