Garcia-Report Geldflüsse aufs Konto einer Zehnjährigen

Einst engagiert, heute ernüchtert: die ehemaligen Fifa-Ermittler Michael Garcia (li.) und Hans-Joachim Eckert, hier bei einer Pressekonferenz zu Beginn ihrer Amtszeit.

(Foto: Sebastien Bozon/AFP)
  • Nach zweieinhalb Jahren veröffentlicht die Fifa den Garcia-Report zur WM-Vergabe 2018 und 2022.
  • Der Report enthält viele Indizien gegen Katar, aber kaum Vorwürfe gegen Russland - allerdings waren im Falle Russlands nur sehr begrenzt Informationen verfügbar.
  • Bemerkenswert umfänglich ist das Kapitel zu Franz Beckenbauer.
Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Als Michael Garcia Ende 2014 die Fußball-Bühne verließ, war er wütend und enttäuscht. Ein Unding sei es, wie der Weltverband mit seinem Report zu den umstrittenen WM-Vergaben an Russland (2018) und Katar (2022) umgehe. Seine Rolle in dem Prozess sei beendet, zürnte er vor zweieinhalb Jahren, und die Kultur der Fifa halt nicht zu ändern. Er ging und hinterließ das Rätsel, was nun genau drinsteht in dem 430 Seiten starken Dossier. Dieses Rätsel ist keines mehr. Dienstagabend veröffentlichte der Fußball-Weltverband Fifa überraschend den Report. Und zusammenfassend lässt sich festhalten: Garcia trug doch eher dick auf, als er mit Türenknall die Bühne verließ.

Zwar sammelte er viele interessante und entlarvende Fakten, vor allem über die Vergabe an Katar und das obstruktive Verhalten mancher Funktionäre. Daraus ergibt sich fürwahr ein vernichtendes Sittengemälde der damaligen Fifa-Zeit; auch verstießen nahezu alle Bewerber für 2018 und 2022 gegen Regeln. Aber wirklich revolutionäre neue Erkenntnisse oder Beweise beinhaltet der Report nicht. Sehr oft verweist er selbst bei Fakten auf Medienveröffentlichungen.

Garcia hatte 2012 als Chef der ermittelnden Ethikkammer nach hartnäckigen Korruptionsvorwürfen zu der Ende 2010 erfolgten Doppelvergabe an Russland und Katar mit seiner Arbeit begonnen. Er untersuchte die Arbeit von sieben Verbänden, die sich für eines der Turniere beworben hatten; lediglich Russland und die USA prüfte Stellvertreter Cornel Borbély.

Der Report dokumentiert mysteriöse Geldflüsse - etwa nach Angola

Nach zwei Jahren beendete Garcia die Arbeit. Jedoch lehnte die Fifa-Spitze eine Publikation ab. Stattdessen gab es eine kurze Zusammenfassung des Berichts durch den Münchner Richter Hans-Joachim Eckert, damals Chef der Ethik-Spruchkammer. Garcia trat empört zurück, das Dossier ging an die Berner Bundesanwaltschaft. Seitdem weigerte sich die Fifa, es zu veröffentlichten. Am Montag berichtete dann Bild über Inhalte des Reports. Daraufhin erklärte sich die Fifa-Spitze für unter Druck gesetzt - und publizierte ihn.

Dabei hieß es, der neue Fifa-Boss Gianni Infantino sei schon lang für die Veröffentlichung, was er öffentlich so jedoch nie gesagt hatte. Allein die im Mai geschassten Ethik-Chefs Borbély und Eckert hätten das verhindert, deren Nachfolger die Publikation nun ermöglicht. Die beiden wiesen gestern Abend darauf hin, dass der Fifa-Vorstand 2014 verfügt habe, dass nur Chefrichter Eckert über die Offenlegung des Berichts "befinden soll, sobald alle Verfahren (...) beendet sind. Dies ist bislang nicht der Fall." Auch habe sich Infantino "bis heute nie wegen einer Veröffentlichung an uns gewandt".

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Die nun veröffentlichten Erkenntnisse vertiefen die ohnehin zahlreichen Fragwürdigkeiten und Unregelmäßigkeiten vor allem der Katar-Bewerbung. Viele Beispiele sind aber schon bekannt. So dokumentiert der Report diverse mysteriöse Geldflüsse etwa an den angolanischen Verband oder aufs Konto der damals zehnjährigen Tochter von Brasiliens Top-Funktionär Ricardo Teixeira. Darüber wurde schon vor Jahren berichtet. Wie auch über die Unterstützung von Katars staatlicher Aspire Academy, die just in Ländern, in denen Fifa-Vorstandsmitglieder saßen, besonders üppig ausfiel. "Diese Aktionen führten aber dazu, dass die Integrität des Bieterverfahrens untergraben wurden", schreibt Garcia.

Bemerkenswert ist, dass auch das unmittelbare Umfeld des langjährigen und inzwischen gesperrten Fifa-Patrons Sepp Blatter betroffen war - in Person seiner langjährigen privaten Vertrauten und Kabinettschefin Christine Botta. Deren Gatte ist Chef einer Bauentwicklungsfirma, die viel von Fifa-Aufträgen profitiert hatte; auch an der Zürcher Verbandszentrale war sie beteiligt. Botta soll für die Geschäfte ihres Mannes bei Katar geworben haben.