Die Sonnenbrille saß, das schicke Hemd auch – nur der edle Nadelstreifenanzug, der hatte einiges abbekommen. Die Schmutzflecken am rechten Arm waren nicht zu übersehen. Doch Saeed bin Suroor konnte glücklicher nicht sein. Stolz blickte der Trainer des Godolphin-Rennstalls auf Tornado Alert, den dreijährigen Hengst, der soeben den Großen Dallmayr-Preis gewonnen hatte. Saeed bin Suroor hatte es sich nicht nehmen lassen, sein Siegerpferd höchstpersönlich von der Galopprennbahn in München-Riem zur Siegerehrung zu führen. „Tornado Alert war auch noch nach dem Rennen stark“, sagte er lächelnd zu den Gründen für seinen schmutzigen Anzug.
„A wonderful day“ sei das, sagte Saeed bin Suroor, ein wunderbarer Tag. Der Mann aus Dubai gilt als einer der erfolgreichsten Coaches weltweit, seit 1996 trainiert er Pferde des Godolphin-Rennstalls, der Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum gehört, dem Herrscher des Emirats Dubai. Dessen Pferde haben fast alle wichtigen Rennen der Welt schon gewonnen. Tornado Alert ist das dritte Pferd von bin Suroor, das in München siegte. Vor dem Start habe er ein bisschen Angst gehabt, dass der Boden zu tief für sein Pferd sei, doch diese Befürchtung war unbegründet. „Das Pferd ist einfach klasse, es lief einfach glatt für uns“, freute sich Oisin Murphy, der Sieger-Jockey. Murphy und München, das passt, denn bereits 2018 hatte er hier gewonnen, damals auf Benbattl. Murphy hofft, dass sich Tornado Alert weiter verbessere und dann das „Level von Benbattl“ erreichen kann.
Tornado Alert setzte sich auf der langen Zielgeraden an die Spitze und gewann das mit 155 000 Euro dotierte Rennen, das eines von nur sieben Gruppe-1-Rennen in Deutschland ist, vor rund 15 000 Zuschauern souverän vor dem Topfavoriten, Map Of Stars, und dem besten deutschen Starter, Lazio.
Map of Stars legt einen fulminanten Schlussspurt hin und rückt vom vorletzten Platz noch auf den zweiten vor
Dass Saeed bin Suroor mit Sonnenbrille zum Sieger-Interview erschien, war am Sonntag keinesfalls selbstverständlich, denn eine Stunde vor dem Großen Preis hatte es in Riem noch heftig geregnet. Miguel Lopez, der Jockey von Icatu, der am Sonntag das Rennen direkt vor dem Großen Dallmayr-Preis gewann, hatte aufgrund des regnerischen Tages eine „Schlammschlacht“ befürchtet, fand jedoch „weiche, aber gute“ Verhältnisse vor. Diese nutzte im Hauptrennen keiner so gut wie Tornado Alert. Sascha Multerer, der Geschäftsführer des Münchener Rennvereins, sprach von einem „sehr ungewöhnlichen Rennen“, da man elf gemeldete Starter auf Gruppe-1-Ebene in Deutschland nicht so oft sehe. Auch die Konstellation, dass es mehr ausländische Starter (sechs) als deutsche gab, sei eine seltene.
Vor dem Start standen zwei Pferde besonders im Fokus: Calif und Map Of Stars. Calif hatte 2024 den Großen Dallmayr-Preis gewonnen und kam aus einer „kleinen Pause“ nach München, wie Jockey Adrie de Vries verriet, der den Hengst 2024 zum Sieg geführt hatte. Map Of Stars ging als klarer Favorit ins Rennen, der Hengst gehört zum Wathnan-Racing-Rennstall, hinter dem Scheich Tamin bin Hamad Al Thani, der Emir von Katar steht. Dieser stieg mit viel finanziellem Aufwand binnen kürzester Zeit in die Elite des globalen Rennsports auf. Der Start in München war der erste eines Wathnan-Racing-Pferdes auf deutschem Boden. Map Of Stars, geritten vom Weltklassejockey James Doyle, hielt sich lange Zeit weit hinten im Feld auf, auf die Zielgerade ging der Hengst als Vorletzter. Sein Schlusssprint war beeindruckend, ein Pferd nach dem anderen überholte er, nur an Tornado Alert gab es kein Vorbeikommen mehr. Der inzwischen sechsjährige Vorjahressieger Calif, der für 400 000 Euro gekauft worden war, blieb als Achter deutlich hinter den Erwartungen zurück.
Einen unglücklichen Rennnachmittag erlebte Nina Baltromei, die mit dem größten Applaus vor dem Rennen begrüßt worden war. Anfang Juli hatte die 27-Jährige deutsche Reitgeschichte geschrieben, da sie als erste Frau das 156. Deutsche Derby in Hamburg gewinnen konnte. Der historische Sieg gelang ihr auf Hochkönig, in München war sie am Sonntag auf Petit Marin unterwegs. Baltromei ging als Außenseiterin an den Start, chancenlos blieb sie schließlich, weil ihr während des Rennens der Zügel riss. Sie kam mit Petit Marin als erste von der Rennbahn, die Enttäuschung in ihrem von Schmutz des nassen Untergrunds gezeichnetem Gesicht war nicht zu übersehen.

