Süddeutsche Zeitung

Pferderennen:Der nervenstarke Derbysieger

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Erst Hamburg, dann München: Sammarco zeigt auch auf der Galopprennbahn in Riem sein furioses Tempo und setzt sich im Gruppe-1-Rennen um den Großen Dallmayr-Preis durch.

Von Karoline Kipper

"Besseres Wetter kann es für einen Renntag nicht geben", stellt Sascha Multerer fest. Zufrieden quetscht sich der Generalsekretär des Münchener Rennvereins durch die Menge. Etwa 13 ooo Menschen sind an diesem Sonntag zum Dallmayr-Renntag an die Galopprennbahn Riem gekommen. Schon Kilometer vor der Rennbahn fällt auf, wie viele Menschen offenbar mit demselben Ziel unterwegs sind. Vor dem Eingang zur Rennbahn dreht sich eine Frau im Sommerkleid mit weißem Hut zu ihrer Freundin um: "So voll war es noch nie!", sagt sie. Zumindest gab es hier viele Geisterrennen wegen der Pandemie.

Drinnen jagen bereits die Pferde des zweiten Rennens über den Turf. Bis kurz vor Schluss führt Weston, ein Pferd der Besitzergemeinschaft Liberty Racing, aber auf der Zielgeraden zieht Anonymous mit dem Münchner Reiter René Piechulek vorbei. "Es könnten die René-Piechulek-Festspiele werden", jubiliert der Stadionsprecher. Das wäre eine gute Nachricht für Sammarco, den Derbysieger von Hamburg. Der Dreijährige wird später ebenfalls vom Münchner Jockey geritten, im mit 155 000 Euro dotierten Gruppe-1-Hauptrennen.

"Wir haben echt gar nichts richtig", stellt ein junger Mann mit zusammengezogenen Augenbrauen fest, als er seinen Wettschein prüft. Seinem Freund geht es nicht anders. Vielleicht würde ihnen eine Beratung im Zelt der "Wettschule" helfen, wo Mitarbeiter den Gästen Tipps geben. Ein Mann mit weißem Hemd und getönten Brillengläsern steht davor und sagt: "Eigentlich kann man da nichts falsch machen. Das ist reine Glückssache." Ob das die junge Frau, die geduldig den Besuchern den Unterschied zwischen Kombiwette, Siegwette und Platzwette erklärt, auch so sieht?

Das klimatisierte Wettbüro jedenfalls ist prall gefüllt. "Jaja, es läuft super! Der Dallmayr-Tag ist unser wichtigstes Rennen", sagt eine Kassiererin, während sie Scheine in eine offene Schublade sortiert. Für die meisten Besucher sind Wetten eine spannende und spaßige Angelegenheit, für die Sportart sind die Einnahmen unverzichtbar. Im vierten Rennen haben sich drei Freunde ein Budget von zehn Euro gesetzt, das mit Abschluss dieses Rennens bereits aufgebraucht sein wird. Denn auf der letzten Geraden zieht überraschend der achtjährige Schimmel Louis an Prince Oliver und Special Appeal vorbei - die Gruppe hatte auf den Favoriten Flying Rocket gehofft.

Im Führring wirkt Sammarco entspannt, das bemerken auch die Wettkunden

Sammarco ist erst drei. Beim Rennen um den Großen Dallmayr-Preis ist er der Jüngste. Ehe es für den Derbysieger auf den Turf geht, sieht man ihn im Führring. Entspannt schlägt er mit seinem Schweif. Diese Ruhe bemerken auch die Wettkunden, die mit geschulten Augen schon hier das Siegerpferd vorhersagen wollen.

Es heißt, es sei schwer, in München zu gewinnen, auf der langen Geraden müsse man Nerven aus Stahl haben. Sammarco hat sie, diese Nerven aus Stahl. Das Publikum ist laut geworden, als die Pferde zum Hauptereignis in die Startmaschine gegangen sind. Nun, wie bereits in Hamburg, zieht der kleine Hengst von Trainer Peter Schiergen in furiosem Tempo an Amazing Grace und Favoritin Ebaiyra vorbei - und gewinnt. Das Publikum jubelt. Und auch René Piechulek hat Grund zur Freude. Es sind wirklich seine Festspiele geworden, gleich drei Rennen hat der gebürtige Dessauer gewonnen, der meist für den Münchner Stall Salzburg aktiv ist. Dabei saß er nur deshalb auf Sammarco, weil dessen eigentlicher Jockey wegen zu vieler Peitschenhiebe gesperrt ist und sein Ersatz sich verletzt hat.

Unter Sammarcos glänzendem Fell zeichnet sich jeder Muskel, jede Ader ab. Er ist Leistungssportler, und wie es sich für solche gehört, geht es nach dem Rennen auch für die Pferde zur Dopingkontrolle. Das ist für die Tierärztin, die den Hengst vor seiner Probe im Auge behalten muss, keine leichte Aufgabe: Vor dem Stall, wo die Kontrollen abgehalten werden, wollen Fans Fotos mit dem Star machen. Nach einigen getrunkenen Litern und noch mehr Runden im Schritt fallen auch von Sammarco langsam die Rennstrapazen ab. "Wollen Sie Stroh oder Späne?", fragt die Kontrolleurin, ehe sich hinter ihr und dem Sieger eine Tür verschließt. Lange wird der Hengst damit nicht von der Bildfläche verschwunden bleiben. Sein zweiter Gruppe-1-Sieg hat Sammarco endgültig von einem Talent zum großen Star im deutschen Galoppsport gemacht.

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