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Reitsport in Aintree:Inspiration im Sattel

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Furioses Finish: Grand-National-Siegerin Rachael Blackmore.

(Foto: Alan Crowhurst/Getty)

Rachael Blackmore sprengt die Gender-Grenzen. Als erste Frau gewinnt die Irin das seit 1839 ausgetragene berüchtigte Grand National auf der Rennbahn bei Liverpool.

Von Barbara Klimke

Der Tag in Aintree hatte still begonnen für die Jockeys, die Trainer und die Pfleger, mit einer Gedenkminute auf dem Turf für Prinz Philip, den am Freitag im Alter von 99 Jahren verstorbenen Ehemann der pferdeliebenden Landesmutter. Auch sonst lag ungewohnte Ruhe über der Traditionsrennbahn nördlich von Liverpool in Merseyside.

Eine bis zu 100 000-köpfige gut gelaunte, lärmende und wettende Menge peitscht in anderen Jahren die 40 Pferde im April nach vorn. Dass es diesmal, in der Pandemie, auch ohne Zuschauer gelang, einen einzigartigen Stimmungsmoment zu schaffen, lag an Rachael Blackmore: der ersten Frau, die in den 182 Jahren der Geschichte des Rennens das Grand National gewann.

Bis zum vorletzten Hindernis hatte Rachael Blackmore, 31, im Sattel von Minella Times mit den Konkurrenten gleichauf gelegen. Dann setzte Minella Times, kaum dass die Hufe nach dem letzten Sprung den Boden berührten, zum Finish an und jagte uneinholbar mit sechseinhalb Längen Vorsprung ins Ziel. Was Blackmores Sieg für den Rennsport bedeutet, lässt sich mit einer Maßeinheit wie Pferdelängen allerdings nur unzureichend erfassen, wie die englische Sunday Times treffend bemerkte.

Ihr Triumph hat ein für alle Mal die Unterscheidung zwischen Männer- und Frauen-Jockeys gesprengt. Es gibt fortan kein Gender mehr auf dem Rücken der Pferde. Das hat Rachael Blackmore bereits erkannt, als sie nach dem Zieleinlauf gleichermaßen um Fassung und um Atem rang: "Ich fühle mich im Moment weder weiblich noch männlich - oder gar menschlich", sagte sie.

Frauen sind auch in Aintree bisweilen mitgeritten - erstmals seit 1839 aber gibt es nun eine Siegerin

Denn das Grand National ist nicht irgendein Hindernisrennen. Es gilt auf der Insel als die ultimative Herausforderung für Pferde und Reiter: hochdotiert, was das Preisgeld betrifft, und moralisch von jeher hoch umstritten. Als britisches Kulturgut ist es aus dem gesellschaftlichen Kalender so wenig wegzudenken wie das Boat Race auf der Themse oder Tennis in Wimbledon.

Sieben Kilometer sind in zwei Runden zu absolvieren, dabei 30 Hindernisse zu überwinden. Manche, wie Nummer 6, "Becher's Brook", wurden zum Synonym für die Gefahr für Leib und Leben und riefen regelmäßig Tierschützer auf den Plan. "Sport oder Barbarei?", fragte der Guardian vor Jahren. Um die Zahl der Stürze mit tödlichen Folgen für die Pferde einzuschränken, sind Kurs und Hindernisse nun entschärft.

Bewegender Tag in Aintree: Jockeys, Trainer und Pfleger gedenken des verstorbenen Prinz Philip´.

(Foto: Peter Powell/AFP)

Gleichberechtigung im Sattel war in Aintree nie ein annähernd dringliches Thema. Zumal schon vor 44 Jahren die erste Frau, Charlotte Brew, beim Grand National ihr Pferd sattelte, das dann aber vor einem Hindernis verweigerte. 1982 kam Geraldine Rees als Erste überhaupt ins Ziel. Als 2012 Katie Walsh Dritte wurde, sorgte dies für Aufsehen in der Szene - aber der Sieg ihrer Kollegin Rachael Blackmore, so hat Walsh nun erklärt, sei "eine Inspiration" für Männer und Frauen gleichermaßen. "Rachael ist hart im Nehmen und sie ist brillant", urteilte Blackmores Trainer Henry de Bromhead, der auch das zweitplatzierte Pferd im Rennen, mit Balko Des Flos, stellte.

Die ultimative Herausforderung für Pferd und Reiter: Siegerin Rachael Blackmore in Aintree.

(Foto: Peter Powell/AFP)

Brilliant reitet Rachael Blackmore, in Irland als Tochter einer Lehrerin und eines Bauern aufgewachsen, schon länger. Vor einem Monat wurde sie als bester Jockey beim berühmten Cheltenham Festival ausgezeichnet, wo sie, ebenfalls als erste Frau, die Champion Hurdle gewann. Sie sei eine "Wegbereiterin" für diesen Sport, sagte die nordirische Jockey-Legende Tony McCoy dem Telegraph. Wobei man die Endung "-in" nun streichen könne. Im Pferderennsport, das weiß man spätestens seit Samstag, können Männer und Frauen im selben Rennen dem selben Preisgeld nachjagen. Das gilt längst nicht für alle Sportarten.

© SZ/jkn
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