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Futsal:Vier-Sterne-Darbietung

Germany v England - Futsal International Friendly

Historischer Treffer: Kapitän Timo Heinze (rechts) gelingt im ersten offiziellen Länderspiel der deutschen Futsal-Nationalmannschaft das erste Tor gegen England.

(Foto: Martin Rose/Getty Images)

Die deutsche Nationalmannschaft gewinnt gegen England ihr erstes offizielles Länderspiel 5:3 und wirbt dabei erfolgreich für den hierzulande noch neuen Sport.

Von Peter Burghardt, Hamburg

Großen Fußball sieht man ja nicht mehr so häufig in Hamburg, der HSV in der ersten und der FC St. Pauli in der zweiten Liga beschäftigen sich gerade eher mit dem Tabellenende. Da bietet es sich an, die stolze und geplagte Hansestadt gelegentlich mit Länderspielen zu verwöhnen. Kürzlich gewann die DFB-Elf von Joachim Löw in der WM-Qualifikation im Volksparkstadion 3:0 gegen Tschechien, das sonst oft frustrierte Publikum war begeistert. Am Sonntag ereignete sich auf der anderen Seite der Elbe sogar eine sporthistorische Premiere: Zum ersten Mal trat eine DFB-Auswahl im Futsal zu einem offiziellen Vergleich auf, und sie startete auch gleich mit einem Sieg: 5:3 gegen England.

Futsal ist ein bisschen anders als Hallenfußball, gespielt wird zweimal 20 Minuten mit je vier Feldspielern, Torwart und sprungreduziertem Ball auf Handballtore, das Spielfeld ist begrenzt durch Linien statt durch Banden. Können müsse man alles, wie es in der erklärenden DFB-Broschüre heißt, "außer Einwürfe". Deutschlands Elite ist in dieser Version des Fußballs verblüffend spät dran. Der globale Fifa-Name speist sich aus der spanischen und portugiesischen Übersetzung "futebol de salão" und "fútbol sala", in beiden Kulturräumen ist Futsal längst eine Attraktion. Die Titelgewinner seit der ersten WM 1989 waren fünfmal Brasilien, zweimal Spanien und einmal Argentinien. Jetzt gab also endlich eine Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ihr Debüt, die Ehre hatte der strukturschwache Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg mit seiner Inselparkhalle.

Dort treten ansonsten die Basketballer der Hamburg Towers und die Rollstuhlbasketballer der BG Baskets Hamburg auf. Für das unbekannte Phänomen namens Futsal waren die 2092 Tickets schnell ausverkauft, was den Bundestrainer Paul Schomann und seine Männer sehr erfreute. Schomann betreute früher die U 15, die U 16 und die U 17, zu der einst auch Toni Kroos gehörte. Er ist ein ausgewiesener Experte und durfte 2015 endlich eine richtige Futsal-Nationalmannschaft gründen.

Prominenter Vorgänger: Julian Weigl von Borussia Dortmund wurde einst beim Futsal entdeckt

Viel Geld zu verdienen gibt es mit dieser Variante des deutschen Lieblingssports noch nicht, wobei zum Beispiel der Dortmunder Julian Weigl einst beim Futsal entdeckt wurde. Auch sind die Namen der Nationalspieler einem breiteren Publikum vorläufig unbekannt, obwohl praktisch jeder Hobbyfußballer schon mal in der Halle gekickt hat. Man wolle Hamburg zeigen, "wie attraktiv Futsal ist, um künftig noch mehr Menschen für den Sport zu begeistern", berichtete der Gründervater Schomann; das gelang ganz ausgezeichnet.

Seine Equipe eroberte das Wilhelmsburger Publikum im Sturm, maßgeblich angetrieben von einem überschaubaren, aber lautstarken Fanblock mit Deutschlandfahne, Pauke und Gesängen. Das 1:0 gegen die Engländer besorgte standesgemäß Kapitän Timo Heinze, 30, von den Futsal Panthers Köln, Nummer sechs. Heinze hatte für die zweite Mannschaft des FC Bayern gespielt und studiert Psychologie. Ihm gebührt ab sofort der ewige Verdienst, das erste deutsche Länderspieltor im Futsal geschossen zu haben. "Ein Glücksgefühl", sagt er, trotzdem wird der Schütze auch am Montag noch unerkannt durch die Straßen laufen können. Das 2:0 legte Timo di Giorgio, 28, aus Pforzheim mit strammem Schuss nach - es lief bestens für die Gastgeber auf dem hellblauen Platz mit dem DFB-Emblem am Mittelkreis.

Douglas Reed traf dann zwar zweimal für England, auf einmal stand es 2:2. In solch schwierigen Momenten wird gerne zur Auszeit gerufen, da dürfen die Cheerleader das Publikum unterhalten. Nach der Pause hatte Schomanns Ensemble die Favoriten von der Insel dann aber gut im Griff: Christopher Wittich aus Hohenstein-Ernsttahl brachte Germany wieder in Führung, der Berliner Lennart Hartmann und Michael Meyer erhöhten auf 5:2. Letzterer verzückte die Anhänger besonders, denn sein Verein sind die Hamburg Panthers. Hartmann wiederum war schon viermal deutscher Meister und findet sich auch auf Gras zurecht, ehemals als Jugendnationalspieler, derzeit bei Altglienicke in der Oberliga. James Webb gelang schließlich nur noch das 5:3. Das gefiel auch dem DFB-Präsidenten Reinhard Grindel und Horst Hrubesch, am Dienstag findet an selber Stelle das zweite Länderspiel statt.

Als Entwicklungshelfer fühlen sich die Debütanten. Heinze will "den Weg für künftige Generationen bereiten", und bald steht die EM-Qualifikation an. Irgendwann werden sie eigene Trikots bekommen, denn die vier Sterne auf der Brust stehen ihnen natürlich noch nicht zu.

© SZ vom 31.10.2016

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