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Fußballpolitik:Ein Deckel, der viel Ärger bereitet

Der DFB gerät wegen des Umgangs mit dem Grundlagenvertrag, der die finanziellen Beziehungen zur Liga regelt, in die Bredouille.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner, Frankfurt

Es gärt im deutschen Fußball, und wieder mal ist der Sachverhalt heikel. Es geht um ein elf DIN-A5-Seiten langes Dokument mit dem Titel "Grundlagenvertrag" - und darum, dass sich die ohnehin finanziell knapp gehaltenen Amateure gegenüber dem ohnehin bestens ausgestatten Profibetrieb um Dutzende Millionen Euro geprellt fühlen. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) als Zusammenschluss der 36 deutschen Profi-Klubs wehrt sich gegen den Vorwurf, das Amateurlager über den Tisch gezogen zu haben, und teilt öffentlich gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) aus. Dessen Spitze wiederum agiert auffallend zurückhaltend und auf Ausgleich bedacht. Das nährt den Verdacht, dass sie in dieser Angelegenheit sportpolitisch am meisten zu befürchten hat - und womöglich auch juristisch. Der Grundlagenvertrag regelt die finanziellen Beziehungen zwischen DFB und Liga. Öffentlich bekannt waren zwei große Leistungen: Die Liga überweist dem DFB als Pachtzins drei Prozent ihrer Erlöse aus Medienrechten und Eintrittskartenverkauf; der DFB zahlt der Liga aus den Vermarktungserlösen der Nationalauswahl "zwischen 15 und 30 Prozent". Doch nun zeigt sich, dass es seit 2013 eine Nebenabrede gibt. Und dass diese - nur auf medialen Druck veröffentlichte - Nebenabrede die grundsätzliche Vereinbarung konterkariert: Sie deckelt die fest vereinbarten Zahlflüsse. So muss die Liga dem DFB jährlich statt der offiziellen drei Prozent nur 26 Millionen Euro zahlen und der DFB der Liga 20 Millionen - egal, wie rasant die Einnahmen auch anwachsen werden. Allein die TV-Rechte bringen den Profiklubs bald mehr als 1,3 Milliarden Euro pro Jahr.

Seit die Existenz dieser Zusatzvereinbarung und ihr Inhalt aufgeflogen sind (siehe SZ vom 21. 4.), versuchen Amateurvertreter zu errechnen, wie viel Geld schon verloren ging - und gehen wird. Das ist nicht einfach, DFB und Liga nennen die konkreten Zahlen nicht. Eine Hochrechnung zeigt, dass die Liga seit der Einführung der Deckel-Regel 2013 bis zum Jahr 2021 um knapp 100 Millionen Euro besser wegkommt als ohne Deckelung und mit strikter Dreiprozentregelung.

Reinhard Grindel

Seit April 2016 offiziell Nachfolger von Wolfgang Niersbach im Amt des Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes: Reinhard Grindel. Foto: Guido Kirchner/dpa

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Die Liga hält eine ganz andere Rechnung dagegen. Sie glaubt, der Verband habe zuletzt nur aufgrund der Existenz des Grundlagenvertrages 176 Millionen Euro erlöst - von der Nationalelf-Vermarktung bis zum DFB-Pokal. Ohne Grundlagenvertrag könne der Verband die bei den Klubs angestellten Spieler gar nicht einsetzen, "der DFB hängt am Tropf der Bundesliga", sagte Liga-Geschäftsführer Christian Seifert vergangene Woche. Nie hat er klarer formuliert, wer aus Liga-Perspektive der Koch und wer der Kellner ist im ewigen Spannungsfeld zwischen Verband und Liga-Tochter. Seifert ist angefressen ob der Debatten um den Grundlagenvertrag. "Wenn wir ins schlechte Licht gerückt werden, hört der Spaß auf", sagte er, "die Beziehung zum DFB ist nicht erschüttert, aber belastet."

Der DFB wiederum kontert diese Rechnung und Seiferts Attacke nicht. Die grundsätzliche Konstruktion verteidigt er. Er hält fest, wie wichtig für ihn der Grundlagenvertrag sei - und die Deckelung zur Planungssicherheit für die eigenen Finanzen.

Unabhängig von den Hochrechnungen geht es um den verbandsinternen Umgang mit der Zusatzvereinbarung. Die Liga dürfte fein raus sein, der DFB aber steckt in der Bredouille. Gemäß Satzung muss der DFB-Bundestag den Grundlagenvertrag verabschieden. Nur kannten die Delegierten, als sie das taten, die Zusatzvereinbarung nicht, die alles auf den Kopf stellt. Weder beim Bundestag 2013, als sich der DFB noch unter Führung von Wolfgang Niersbach erstmals auf dieses Modell einließ; auch nicht bei der Verlängerung 2016, als Reinhard Grindel an der Spitze stand.

Christian Seifert

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert sieht den Anstieg der Zahlen auch in den TV-Geldern begründet

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Das könnte (verbands-)juristische Konsequenzen haben. Der Grundlagenvertrag schreibt in Paragraf vier klar die Dreiprozentabgabe der Liga an den DFB fest, dahinter folgt schlicht: "Die näheren Einzelheiten regelt die Zusatzvereinbarung." Doch hinter diesen unverfänglich klingenden Worten verbirgt sich die Installation eines komplett anderen Ab- und Berechnungsmodells. Verbandsrechtler Rainer Cherkeh (Hannover) sagt dazu: "Es kann nach Wortlaut, Sinn und Zweck dieses Passus nur noch um die Einzelheiten und Feinheiten der Umsetzung gehen, nicht aber um die grundsätzliche Dreiprozentangabe."

Unbestritten wurden die Bundestags-Delegierten über die Deckelung per Zusatzvereinbarungen 2013 und 2016 nicht informiert. Doch wenn ein Gremium wie der DFB-Bundestag bei einem Beschluss nicht über die notwendigen Informationen verfügt, kann dieser Beschluss nach Auffassung von Verbandsjuristen nichtig sein.

Juristen sagen, die Deckelung sei pflichtwidrig gewesen

Für die Mitglieder des DFB, die Regional- und Landesverbände, ergäben sich aus der Satzung zwei Möglichkeiten. Entweder der Versuch, den Beschluss für nichtig erklären zu lassen; dafür wären erst ein Verbands- und letztlich ein Schiedsgericht zuständig. Oder es finden sich genug Mitglieder, die auf einen außerordentlichen Bundestag drängen. Dafür bräuchte es zwei Regional- oder sechs Landesverbände. Jedoch kündigte der DFB an, dass es 2017 wegen des geplanten Baus der Akademie ohnehin einen Extra-Bundestag gibt.

Daneben ist die Frage, ob die stille Deckelung der Pachtzins-Summe auch Folgen für die DFB-Akteure haben könnte. "Der Abschluss der Deckelung aus der Zusatzvereinbarung war pflichtwidrig", sagt Verbandsrechtler Cherkeh. "Die Landesverbände könnten jetzt prüfen lassen, ob und in welcher Höhe dem DFB und somit mittelbar auch den Landesverbänden selbst ein Schaden entstanden ist beziehungsweise noch entstehen kann."

Es wird also spannend. Die Angelegenheit droht den Spalt zwischen Profis und Amateuren zu vertiefen. Vor dem Hintergrund fällt ein weiterer Satz in den Zusatzvereinbarungen von 2013 und 2016 auf. Er lautet: "Die Parteien wollen den Pachtzins von drei Prozent (...) beibehalten, da diese Zahl (...) eine hohe sportpolitische Bedeutung hat." Das hat diese Zahl in der Tat, sie wurde auch in den Pressetexten der Vertragsverlängerung sehr hervorgehoben - kein Wörtchen aber fiel zu den Deckelungen. Die Unterzeichner taten politisch alles, um den schönen Schein zu wahren.

© SZ vom 03.05.2017
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