Süddeutsche Zeitung

Fußballfans im Stadion:Ihr Pfeifen

Warum die Zuschauer im Stadion immer öfter die eigene Mannschaft ausbuhen - und warum der Fußball daran eine Mitschuld trägt. Gedanken zur Pfeiferei.

Es war beim Champions-League-Spiel zwischen dem FC Bayern und Juventus Turin. Da kontrollieren die Münchner gegen eine der wohl besten Mannschaften Europas vorzüglich das Geschehen und arbeiten sich etliche Torchancen heraus. Doch als in der zweiten Hälfte Andreas Ottl und Bastian Schweinsteiger Fehlpässe unterlaufen, pfeift das Publikum sofort. Und lautstark.

Oder die Champions-League-Partie zwischen dem VfB Stuttgart und den Glasgow Rangers. Da haben die Schwaben 45 Minuten lang alles im Griff und führen verdient mit 1:0. Doch als kurz vor dem Seitenwechsel Sami Khedira ausnahmsweise mal nach hinten passt, pfeift das Publikum sofort. Und lautstark.

Oder das Match der deutschen Nationalmannschaft gegen Finnland. Da spielt die DFB-Elf wahrlich nicht gut, hat aber erst ein paar Tage zuvor in einer mental wie physisch anstrengenden Begegnung ein 1:0 gegen Russland und damit die direkte WM-Qualifikation geschafft. Doch zur Pause und nach dem Abpfiff pfeift das Publikum.

Natürlich: Die Pfeiferei ist das Fan-Äquivalent zum taktischen Foul. Nicht unbedingt erwünscht, aber dennoch ein nicht wegzudenkender Bestandteil. Der Zuschauer muss sein Missfallen ausdrücken dürfen. Doch es mehren sich die Fälle, in denen es nicht unbedingt verständlich erscheint, warum das Publikum eine bestimmte Leistung einer Mannschaft mit Pfiffen honoriert.

Es ist grundsätzlich nicht leicht, von den Rängen aus eine Spielbeurteilung auszudrücken. Letztlich bleibt nicht viel mehr, als zu klatschen oder zu jubilieren, wenn man das Spiel gut findet - und zu pfeifen oder zu buhen, wenn man nicht einverstanden ist. Eine differenzierte Bewertung - nach dem Motto "Im Prinzip spielt die Mannschaft nicht schlecht, aber das Loch zwischen defensivem Mittelfeld und Abwehr ist oft zu groß, und der linke Außenstürmer rückt zu sehr ein" - von der Tribüne aus zu artikulieren, ist nun mal ziemlich schwierig.

Zudem gehört das Stadion seit jeher zu den Orten, an denen gut zu beobachten ist, wie eine versammelte Masse den einzelnen Menschen mitreißt. Da pfeifen nicht nur die Hardcore-Fans eines Vereins; da pfeifen dann plötzlich auch Stadionbesucher auf der Haupttribüne, die sich im normalen Leben stets oberkorrekt geben. Ein Pfiff ergibt den nächsten, nicht umsonst gibt es den Begriff des Pfeifkonzerts.

Freilich hat jeder Verein seine eigenen Situation, freilich ist das Publikum bei dem einen Verein pfeifanfälliger als bei anderen - aber unterm Strich ist eine Zunahme spürbar, vor allem auch in Spielen, in denen früher nicht gepfiffen worden wäre, weil die Leistung passte. Siehe die Beispiele Bayern gegen Juve oder Stuttgart gegen Glasgow.

Wer heutzutage in ein Stadion geht, hat an die 22 Spieler und die zwei Trainer immense Erwartungen, auch wegen der teils immens hohen Preise für eine Eintrittskarte. "Wir haben viel Geld für ein Ticket bezahlt und wollen dafür auch tollen Fußball sehen", heißt es von Seiten der zahlenden Fans. Solider und ordentlicher Fußball reicht nicht mehr aus, um das Publikum zufriedenzustellen; menschlich nachvollziehbare Entwicklungen wie der Leistungsabfall der DFB-Elf nach dem Russland-Spiel erst recht nicht. Viele Zuschauer erwarten immer und in jedem Spiel offensiven Tatendrang, sehenswerte Szenen, und Tore, Tore, Tore, kurzum: Das, was man ein Spektakel nennt. Das kann zwar keine Mannschaft der Welt in jedem Spiel leisten, nicht einmal der FC Barcelona, aber erwartet wird es dennoch.

Zunehmend kommt es wegen dieser Erwartungshaltung zu Irritationen zwischen den Fans auf der einen sowie Spielern und Trainern auf der anderen Seite. Nach dem Bayern-Spiel gegen Juventus sagte Trainer Louis van Gaal, er verstehe die Pfiffe nicht. Nach der Stuttgart-Partie gegen Glasgow beschwerte sich Mittelfeldspieler Sami Khedira über die Reaktion des Publikums. "Ich finde es unverständlich, wenn die Zuschauer in der ersten Halbzeit pfeifen. Das steigert nicht gerade das Selbstbewusstsein." Und nach dem Match der DFB-Elf gegen Finnland tat Kapitän Michael Ballack seine Verwunderung kund. "Ich habe kein Verständnis für die Pfiffe. Natürlich haben wir nicht gut gespielt, aber das hat die Mannschaft nach dieser guten Qualifikation nicht verdient. Wir sind alle enttäuscht. Ich hätte mehr Fingerspitzengefühl erwartet."

Ist es wirklich so einfach? Liegt die zunehmende Pfeiferei einfach an den Zuschauern, die mit vielen Erwartungen, aber ohne viel Fachwissen und viel Fingerspitzengefühl ins Stadion gehen und außer einem Fallrückzieher-Tor, das per Doppelpass vorbereitet wurde, nichts mehr zu würdigen wissen? Natürlich nicht.

Die Pfeiferei: Schuld ist der Fußball selbst

Der Fußball ist zu einem beachtlichen Teil selbst schuld an dieser Entwicklung. Er hat die Brot-und-Spiele-Maschinerie selbst in Gang gesetzt, er hat Sponsoring und Merchandising einen hohen Stellenwert eingeräumt, eine Welt der AGs, KGs und 50+1-Diskussionen erschaffen, den asiatischen und amerikanischen Markt als Orientierungshilfe für die Anstoßzeiten von Spielen gewählt, den Modus der Champions League über Jahre so angepasst, dass die Wahrscheinlichkeit möglichst spektakulärer Finalrundenpartien steigt, eine WM in ein Sommermärchen verwandelt und so weiter und so fort.

Kurzum: Er hat den Eindruck vermittelt, dass Fußball im 21. Jahrhundert ein Spektakel sein muss, bei dem ein Höhepunkt den nächsten jagt.

Warum soll ausgerechnet der Zuschauer diesem Trend entgegenwirken? Warum soll ausgerechnet der Zuschauer den Fußball auf das Spiel elf gegen elf reduzieren und einfach nur zusehen, ob seine Mannschaft gewinnt? Wer Spektakel versprochen bekommt, darf Spektakel erwarten. Und wer sie dann nicht geboten bekommt, darf pfeifen.

Auch die Zusammenfassungen im Fernsehen haben seinen Teil dazu beigetragen. Wer bei der "Sportschau" den Zusammenschnitt einer normalen Bundesliga-Partie sieht, bekommt gar nicht mehr mit, dass es beim Fußball auch Quer- und Rückpässe gibt. Höchstens als persiflierendes Element, unterlegt mit den hämischen Worten, dass sich eine Mannschaft unverschämte 15 Minuten lang überhaupt keine Torchance erarbeiten konnte, sondern immer nur den Ball hin und her schob. Es wird suggeriert, dass derjenige, der kein Spektakel bietet, nichts verloren hat in dieser neuen Fußballwelt.

Stattdessen gibt es, und das ist überhaupt nicht als Vorwurf an irgendjemanden zu verstehen, in dem Zusammenschnitt natürlich nur die spektakulären Szenen, die Höhepunkte, die roten Karten, die Tore. Die selbstredend mehrfach, in Zeitlupe und Super-Slow-Motion. Auf dass der Zuschauer sich ärgere, nicht live dabei gewesen zu sein bei dieser Supershow. Auch früher gab es Zusammenfassungen - nur waren die nicht derart auf Höhepunkte und spektakuläre Aktionen konzentriert.

Manch stinknormale Bundesliga-Partie erweckt so den Anschein, besonders unterhaltsam gewesen zu sein, da helfen selbst die einordnenden Kommentare der Fernsehkollegen wenig. Wenn jemand nur die "Sportschau" verfolgt, weder im Fernsehen noch vor Ort Partien über die volle Distanz sieht und dann einmal ins Stadion geht, muss er fast das Gefühl haben, es handele sich um eine andere Sportart. Da ist es kein Wunder, dass dessen Pfiff schneller und öfter und lauter zu hören ist.

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