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Fußballfans im Stadion:Die Pfeiferei: Schuld ist der Fußball selbst

Der Fußball ist zu einem beachtlichen Teil selbst schuld an dieser Entwicklung. Er hat die Brot-und-Spiele-Maschinerie selbst in Gang gesetzt, er hat Sponsoring und Merchandising einen hohen Stellenwert eingeräumt, eine Welt der AGs, KGs und 50+1-Diskussionen erschaffen, den asiatischen und amerikanischen Markt als Orientierungshilfe für die Anstoßzeiten von Spielen gewählt, den Modus der Champions League über Jahre so angepasst, dass die Wahrscheinlichkeit möglichst spektakulärer Finalrundenpartien steigt, eine WM in ein Sommermärchen verwandelt und so weiter und so fort.

Fußball ist nicht mehr nur ein Spiel - es ist Spektakel für die Fans.

(Foto: Foto: ddp)

Kurzum: Er hat den Eindruck vermittelt, dass Fußball im 21. Jahrhundert ein Spektakel sein muss, bei dem ein Höhepunkt den nächsten jagt.

Warum soll ausgerechnet der Zuschauer diesem Trend entgegenwirken? Warum soll ausgerechnet der Zuschauer den Fußball auf das Spiel elf gegen elf reduzieren und einfach nur zusehen, ob seine Mannschaft gewinnt? Wer Spektakel versprochen bekommt, darf Spektakel erwarten. Und wer sie dann nicht geboten bekommt, darf pfeifen.

Auch die Zusammenfassungen im Fernsehen haben seinen Teil dazu beigetragen. Wer bei der "Sportschau" den Zusammenschnitt einer normalen Bundesliga-Partie sieht, bekommt gar nicht mehr mit, dass es beim Fußball auch Quer- und Rückpässe gibt. Höchstens als persiflierendes Element, unterlegt mit den hämischen Worten, dass sich eine Mannschaft unverschämte 15 Minuten lang überhaupt keine Torchance erarbeiten konnte, sondern immer nur den Ball hin und her schob. Es wird suggeriert, dass derjenige, der kein Spektakel bietet, nichts verloren hat in dieser neuen Fußballwelt.

Stattdessen gibt es, und das ist überhaupt nicht als Vorwurf an irgendjemanden zu verstehen, in dem Zusammenschnitt natürlich nur die spektakulären Szenen, die Höhepunkte, die roten Karten, die Tore. Die selbstredend mehrfach, in Zeitlupe und Super-Slow-Motion. Auf dass der Zuschauer sich ärgere, nicht live dabei gewesen zu sein bei dieser Supershow. Auch früher gab es Zusammenfassungen - nur waren die nicht derart auf Höhepunkte und spektakuläre Aktionen konzentriert.

Manch stinknormale Bundesliga-Partie erweckt so den Anschein, besonders unterhaltsam gewesen zu sein, da helfen selbst die einordnenden Kommentare der Fernsehkollegen wenig. Wenn jemand nur die "Sportschau" verfolgt, weder im Fernsehen noch vor Ort Partien über die volle Distanz sieht und dann einmal ins Stadion geht, muss er fast das Gefühl haben, es handele sich um eine andere Sportart. Da ist es kein Wunder, dass dessen Pfiff schneller und öfter und lauter zu hören ist.