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Weltfußballer des Jahres:Lohn für ein Trugbild

Die Wahl von Lionel Messi zum Weltfußballer ist ein erschreckendes Ergebnis. Gekürt wurde, was Messi 2010 hätte erreichen sollen - und nicht, was er tatsächlich erreicht hat.

Klaus Hoeltzenbein

Dass die Fifa ein Demokratiedefizit hat, ist nicht neu. Aber selten ist das derart deutlich zutage getreten wie in diesen Tagen. Egal, was oder wen der Fußball-Weltverband wählen lässt, es geht daneben. Erst diese von Korruptionsvorwürfen begleitete Doppel-Wahl der WM-Ausrichter 2018 (Russland) und 2022 (Katar), jetzt die vergleichsweise harmlose Stimmzettel-Spielerei um die Weltfußballer 2010.

Und auch wenn zwischen diesen beiden Vorgängen nur schwer eine Verbindung herzustellen ist, so mündet sie am Ende doch in einem bitteren Fazit: Die Fifa versteht ihr eigenes Spiel nicht mehr.

Auch bei der Kür des Weltfußballers hat die Fifa die Orientierung verloren und dummerweise ins eigene Tor geschossen. Denn die wichtigste, die lukrativste Veranstaltung, die die Fifa in ihrem Programm hat, die WM, zählt sportlich kaum mehr. Wie sonst ist es zu deuten, dass der in seinem Klub, in Barcelona, so famose Lionel Messi zum Planetenbesten gekürt wird, obwohl er in Südafrika kein Bein an den Boden bekam? Der sich mit Argentinien überhaupt erst in letzter Sekunde qualifizieren konnte, auch, weil dieser famose Messi in der Auswahl seiner Heimat noch nie richtig angekommen ist.

Die Wahl ist ein Anachronismus: In einer Zeit, in der nur der Teamgeist die Titel gewinnt, wurden die Mannschaftsspieler übergangen. Selten zuvor hat es derart selbstlose Koryphäen gegeben wie Xavi und Iniesta; diese beiden, nicht Messi, sind das Uhrwerk in der Präzisionsmaschine des FC Barcelona, diese beiden sind das Zentrum der spanischen Nationalelf, des Weltmeisters.

Der Dank? Wie beim Film: Der Weltstar wird hofiert, der stille Regisseur bekommt später mal 'nen Preis fürs Lebenswerk. Dass in der ebenfalls nominierten Fifa-Elf 2010 kein Platz war für einen Deutschen, nicht einmal für Bastian Schweinsteiger, dafür aber erneut für den ewigen Gockelfußballer Cristiano Ronaldo, untermauert die Abenteuer der Expertenrunde.

Es waren ja jetzt nicht die Fifa-Granden, die abgestimmt haben, sondern auch Nationaltrainer und Teamkapitäne, was das Ergebnis noch erschreckender macht. Die Fifa hatte allerdings die drei Kandidaten vorgegeben: Messi, Xavi, Iniesta! Warum Messi? Hätte statt seiner nicht Wesley Sneijder in die Endauswahl gehört?

Am Ende eines Jahres, in dem wie niemals zuvor die Teamspieler den Rhythmus diktierten, in Barcelona, bei Inter Mailand, beim FC Bayern, jüngst sogar in Dortmund oder Mainz, pflegt nun die Fachwelt einen überholten Starkult. Gratulation an Lionel Messi, schön, dass es seine Dribblings gibt, aber belohnt wurde ein Trugbild: Gekürt wurde, was einer hätte erreichen sollen - und nicht, was er tatsächlich erreicht hat.

© SZ vom 12.01.2011/ebc
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