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Fußballer Arturo Vidal:Unzähmbar wie das Leben

Chile's Arturo Vidal leaves the pitch at halftime during their Copa America 2015 final soccer match against Argentina at the National Stadium in Santiago

Zieht er nun in eine Münchner Villa? Arturo Vidal

(Foto: REUTERS)

Als Kind hatte er nicht genug zu essen, im Juni fuhr er im Suff seinen Ferrari kaputt: Arturo Vidal ist ein außergewöhnlicher Fußballer, aber ein rebellischer Typ. Der FC Bayern will ihn unbedingt.

Den größten Triumph seiner Karriere feierte Arturo Vidal in aller Stille. Ohne ein Wort der Genugtuung, ohne einen Satz des Jubels. Ein sanftes Lächeln bloß vermittelte eine Ahnung von der Freude, die in ihm wohnen musste, als ihm die Reporter in den Katakomben des Nationalstadions von Santiago de Chile verzweifelt hinterher riefen ("Arturooo!") - und er stumm verschwand. Der Stolz über den ersten Titel, den eine chilenische Fußball-Nationalelf je hatte erringen können und den er mitgestaltet hatte wie kaum ein Zweiter, der Stolz über den Sieg bei der Copa América vor zwei Wochen, er gehört auch jetzt noch nur Vidal allein.

Nur einmal war er seitdem gezwungen, etwas aus seinem Innersten herauszukehren: als ein Tribunal in Santiago über seine spektakuläre Suff-Fahrt im Ferrari aus dem Juni zu urteilen hatte. "Ich glaube, ich bereue gerade", sagte Vidal, um die mildesten aller Strafen zu erhalten: eine freiwillige Entschädigung für das nur leicht verletzte Unfallopfer, ein zweijähriger Entzug der Fahrerlaubnis in Chile, Sportartikelspenden für einen Jugendklub und die Freiwillige Feuerwehr, Vorträge vor jugendlichen Straftätern, solche Dinge.

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Als Stallbursche hilft Vidal beim Ausmisten: Sein Traum ist es, Jockey zu werden

Womöglich hatte er da tatsächlich verstanden, wie nahe er dran war, seine Zukunft hinfortzuspülen, als er sich mit 1,31 Promille in seinen roten Sportwagen setzte - und wohl nur knapp dem Tod entging. Nun hält diese, seine Zukunft sogar ein einträgliches Engagement beim FC Bayern München für ihn parat - samt der Aussicht auf eine Villa im Speckgürtel einer wohlsituierten Stadt, die vom elenden Rand der chilenischen Kapitale Santiago nicht weiter entfernt sein könnte. Genauer: von San Joaquín, einem Ort, dem man wohl nur mit kriegerischer Willenskraft entkommt. Der seine Bewohner zu einem Leben verurteilt, das erst mal gezähmt werden will. Und der Erklärungen dafür bereit hält, warum jemand wie Vidal Dinge tut, die man unverantwortlich nennen kann.

Zumindest glaubt das Claudio Borghi, der mit Argentinien 1986 Weltmeister wurde und später Vidals Trainer war, erst bei Colo Colo, Chiles Rekordmeister, später bei der Nationalmannschaft. Borghi sitzt im Wohnzimmer seines Hauses in La Reina, lässt einen Espresso kalt werden und erzählt von Spielern, die in zerrütteten Verhältnissen groß werden, keine Grenzen aufgezeigt bekommen, "früh anfangen, ihre Elternhäuser zu regieren, indem sie den finanziellen Rückhalt leisten, und dann glauben, sie seien der Patriarch".

Dieses Erklärungsmuster passt auch auf Arturo Erasmo Vidal Pardo, 28. Er ist sieben Jahre alt, als sein Vater Erasmo die Sauftouren mit den Kumpanen endgültig der Familie vorzieht. Und er ist neun, als ein gewisser Enrique Carreño ihm den eigentlichen Traum verbaut. Arturo hatte ihm als Stallbursche beim Ausmisten geholfen, nun sagte er dem Jungen, dass er kein Geld mehr habe, um ihm dafür ein paar Pesos zuzustecken. Was wohl gelogen war: Carreño soll vielmehr erkannt haben, dass in Vidal kein Jockey, sondern ein - nunmehr 1,80 Meter großer - Fußballer steckte. Vidal wuchs am Rande eines Bolzplatzes auf, in einem ewig durchnässten Haus ohne rechte Fenster und vernünftiges Mobiliar. Von der Schwelle seines Hauses bis zum Feld, auf dem ein Fußballklub namens Rodelino Román spielte, sind es nur fünfzehn Schritte.

Es bedurfte freilich eines Wintertags voller Tränen, ehe Vidal sich auch selbst entschloss, Fußballer zu werden. "Das war der Tag, an dem meine Mutter von der Arbeit heimkam, wir nichts zu essen hatten, wir uns in den Armen lagen und weinten." Sein erstes Honorar bei Colo Colo, 150 000 Pesos, rund 200 Euro, lieferte er bei der Mutter ab, sie gingen davon im Supermarkt einkaufen. Erst da begann er, sich nicht mehr dafür zu genieren, dass er sich in der Vereinskantine besser ernähren konnte als die Geschwister - weshalb er den Essensraum bisher gemieden hatte. Vor allem aber bildete sich allmählich sein singulärer Wille heraus. "In seinem Jahrgang war er gar nicht so herausragend", sagt Borghi. Eifrig und "sehr intelligent - um Fußball zu spielen", sei Vidal gewesen. "Aber man musste ihm ältere Spieler zur Seite stellen, um ihn zu schützen und zu leiten." Auf und neben dem Platz, sollte das heißen. Mitunter zahlte Colo Colo Naturalien an Vidal aus - um zu verhindern, dass er das Geld zum Pferdewettschalter trug.