Zweite Bundesliga:Werder muss die Lücken füllen

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Zweite Bundesliga: Ein Treffer, der eine "vernünftige Reaktion" auslöst: Mitchell Weiser (links) bringt Werder Bremen mit dem Ausgleichstor gegen Nürnberg neuen Schwung, allerdings nicht genug.

Ein Treffer, der eine "vernünftige Reaktion" auslöst: Mitchell Weiser (links) bringt Werder Bremen mit dem Ausgleichstor gegen Nürnberg neuen Schwung, allerdings nicht genug.

(Foto: Oliver Baumgart/foto2press/Imago)

Dass Abwehrchef Ömer Toprak verletzt fehlt, setzt beim 1:1 gegen Nürnberg eine Kettenreaktion in Gang. Zur aktuellen Bremer Schwächeperiode trägt auch die Offensive bei - ausgerechnet vor dem Duell gegen Schalke.

Von Thomas Hürner, Bremen

Das wollte sich Timo Schultz nicht nehmen lassen. Der Trainer des FC St. Pauli bekam einen guten Platz auf der Pressetribüne im Bremer Weserstadion zur Verfügung gestellt, bei strahlendem Sonnenschein und nah dran am Rasen. Zwar musste sich Schultz gelegentlich erheben, wenn die Zuschauer ein paar Reihen weiter vorne aufsprangen und ihm die Sicht versperrten. Davon abgesehen war das 1:1 zwischen dem SV Werder und dem 1. FC Nürnberg für ihn aber eine entspannte Angelegenheit.

Für Schultz gab es am Ostersonntag nämlich keinen Anlass, sich emotional am Duell der direkten Konkurrenten um die Aufstiegsplätze zu beteiligen. Das liegt an der kuriosen Wettbewerbssituation in der zweiten Liga, die es für alle Beteiligten hinfällig macht, einen Rechenschieber herauszuholen und Kalkulationen über den weiteren Saisonverlauf anzustellen. In der nächsten Woche müsste der Vorgang ja ohnehin wiederholt werden, und in der Woche darauf schon wieder, und so ginge das weiter bis zum abschließenden Spieltag am 15. Mai.

Bis dahin wird der Spielplan dafür gesorgt haben, dass alle Spitzenteams der zweiten Bundesliga mehrmals gegeneinander angetreten sind, es wird dann auf Nervenstärke und andere Nuancen angekommen sein - und sicher auch auf Notizen wie jene, die sich Schultz über die Nürnberger Mannschaft gemacht hat, den St. Pauli-Gegner in zwei Wochen.

Die Absenz des Verteidigers Ömer Toprak wiegt schwer bei Werder

Mit der Heimelf hingegen kennt sich Schultz schon bestens aus, dank eigener Praxiserfahrung am Spieltag vorher. Der Coach hat sich also womöglich gedacht, dass das 1:1 zwischen Werder und St. Pauli stark an das 1:1 zwischen Werder und Nürnberg am Sonntag erinnerte, und es wäre wenig verwunderlich, wenn die Scouts der Konkurrenten aus Darmstadt, Schalke oder Hamburg zu ähnlichen Ergebnissen gekommen sind. Es ist ja nicht schwer zu entschlüsseln, was den Bremern seit ihrer mehrwöchigen Siegesserie im Winter abhanden gekommen ist: ihr Abwehrchef Ömer Toprak - sowie die Gewissheit, dass die Stürmer Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug mindestens einen Treffer mehr machen als der Gegner.

Zweite Bundesliga: Fehlt Werder Bremen verletzt: Ömer Toprak (links). Seine empfindliche Wade ist wohl sein einziges Defizit auf hohem Niveau.

Fehlt Werder Bremen verletzt: Ömer Toprak (links). Seine empfindliche Wade ist wohl sein einziges Defizit auf hohem Niveau.

(Foto: Kalle Meincke/KBS-Picture/Imago)

Über Einzelakteure wollte der Werder-Trainer Ole Werner hernach nicht reden, diese Vereinfachung würde seinem Sachverstand auch nicht gerecht. Denn die Bremer Mannschaft folgt weiterhin einem Offensivplan, der in seiner Klarheit durchaus an Erstliga-Fußball erinnert. Manches lässt sich in einem Zweitliga-Kader aber nun mal nicht kompensieren, zum Beispiel ein Champions-League-erprobter Verteidiger wie Toprak, dessen empfindliche Wade sein wohl einziges Defizit auf diesem Niveau ist. Und dass Toprak, wie Werner am Sonntag andeutete, in dieser Saison vielleicht gar nicht mehr spielen kann, hat für die Bremer nun ein paar Probleme zur Folge, gegen die man nicht einfach ancoachen kann.

Pünktlich zur Crunchtime, also zur absoluten Unzeit, muss Werner seine eingespielte Mittelachse über den Haufen werfen. Der Trainer muss den Mittelfeldstrategen Christian Groß auf Topraks Position im Zentrum einer Dreier-Abwehrkette ziehen, weshalb sich eine Reihe weiter vorne die nächste Lücke auftut, die nicht adäquat gefüllt werden kann. Im Spiel gegen Nürnberg setzte das insbesondere in der ersten Hälfte eine Kettenreaktion in Gang, denn in Toprak fehlte der Werder-Defensive ihre zentrale Autorität, in Groß fehlte dem Mittelfeld seine ordnende Instanz.

Das sah man unter anderem an der ausbaufähigen Organisation bei dem Foul, das dem letztlich verwandelten Elfmeter des Club-Stürmers Nicola Dovedan (24. Minute) vorausging. Das sah man aber auch am behäbigeren Spielaufbau und an den enormen Räumen, die sich für die Gäste-Elf auftaten, sobald sie die ersten beiden Pressinglinien überwunden hatten. "Wir können das als Mannschaft besser kompensieren als heute", sagte Werner.

Werder habe es "immer noch selbst in der Hand", versichert Spielmacher Bittencourt

In der zweiten Halbzeit nicht zu übersehen war jedoch die Abhängigkeit von Ducksch und Füllkrug, trotz nun deutlichen Feldvorteilen. Oder gerade deswegen? Die beiden Stürmer, in Bremen bekannt und berüchtigt als die "hässlichen Vögel", hatten in den vorigen acht Partien alle Werder-Treffer unter sich aufgeteilt, gegen Nürnberg litt ihr Abschluss an Flatterhaftigkeit. Nach dem Ausgleich durch den einwechselten Mitchell Weiser (65.), sagte der Werner, sei wenigstens eine "vernünftige Reaktion" zu sehen gewesen. Sie hätte auch für einen Sieg reichen können.

Trotz der verletzungsbedingten Absenz Topraks und des inzwischen dritten Remis in Serie waren die Bremer aber erpicht darauf, an die "gute Ausgangslage" im Saisonendspurt zu erinnern. Man habe es "immer noch selbst in der Hand", versicherte zum Beispiel der Spielmacher Leonardo Bittencourt. Von unbekannter Hand ist der Spielplan der zweiten Liga angefertigt worden, es war mit Sicherheit ein talentierter Dramaturg am Werk: Für Werder geht es kommende Woche zum FC Schalke - und um die Übernahme der Tabellenspitze.

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