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Fußball:Zwei Welten, ein Sport und viele Sehnsüchte

TSV 1860 München - Wacker Burghausen

Zurück auf Giesings Höhen: Löwenspieler Timo Gebhart tritt im Regionalliga-Heimauftakt des TSV 1860 München gegen Wacker Burghausen zum Freistoß an.

(Foto: dpa)

Die Löwen spielen in Giesing gegen Burghausen, die Bayern in China gegen Mailand: Was das laufende Wochenende über die Entwicklung des Fußballs sagt.

Essay von Martin Schneider

In diesen Tagen scheint es so, als habe sich die Welt des Fußballs sortiert. Am Freitagabend spielte der TSV 1860 München sein erstes Heimspiel in der Regionalliga, Gegner war Wacker Burghausen in einem Stadion das 12 500 Zuschauer fasst. Ein paar Stunden später spielte der FC Bayern München am anderen Ende der Welt ein Testspiel. Gegner war der AC Mailand, gespielt wurde in der chinesischen Stadt Shenzen, 12 500 000 Einwohner. Die Lesart des Fußballs geht so: Einer dieser Klubs ist ganz oben, der andere ganz unten, einer spielt im globalen Wettbewerb mit, der andere muss nächste Woche mit der Regionalbahn nach Rosenheim fahren. Einer hat gerade den WM-Torschützenkönig James Rodriguez geholt, der andere ist froh, dass Sascha Mölders geblieben ist.

Am Freitagabend, als die Sonne hinter der Westkurve im Städtischen Stadion an der Grünwalder Straße unterging, sangen die Menschen in den blauen Trikots aber fröhliche Lieder. Sie sangen im Abendrot davon, wie schön es sei, dass man sowas lange nicht mehr gesehen habe und dass der TSV wieder da sei. Klar, die Mannschaft hatte ein 0:1 zu einem 3:1 gemacht, aber das war nicht nur der Grund für die Stimmung. Der Verein war an diesem Tag nach Jahren in der von vielen Fans verhassten Arena heimgekehrt ins Sechziger-Stadion, heimgekehrt auf Giesings Höhen.

Vor dem Spiel feierten die Anhänger in der Kurve mit Luftballons, jemand hatte hinter der Tribüne ein kleines Feuerwerk organisiert, blau-weiß gekleidete Menschen standen nach Schlusspfiff bis tief in die Sommernacht in den Boazen und Büdchen Giesings. Ein Stadtteil, geprägt von seinem Fußball-Verein. Und alles blieb friedlich. In dem Moment, in dem der Klub vermeintlich ganz unten angekommen schien, las man auf dem Titelblatt der Münchner Abendzeitung in den Cafés und an den Kiosken der ganzen Stadt am nächsten Morgen vom "Giesinger Glück".

Die beiden Münchner Klubs, Rot und Blau, zwischen deren Trainingsplätzen 650 Meter Fußweg (von der Säbener Straße über die Meraner Straße zur Grünwalder Straße) liegen, sind in diesen Tagen ein toller Anlass, um die Gretchenfrage dieser Zeit zu stellen. Sag, Fan, wie hältst du es mit dem modernen Fußball?

Eine rein virtuelle Beziehung zwischen Klub und Fans

Der FC Bayern reist nach China, er "erschließt dort Märkte", wie es im BWL-Sprech heißt. Er versucht also, noch mehr Geld zu verdienen, weil sie ja - obwohl in Deutschland finanziell weit vor dem größten Konkurrenten Borussia Dortmund - im ganz großen Spiel nicht mithalten können. Das ganz große Spiel, das ist der Transfermarkt in Europa. Glabachs Manager Max Eberl hat ihn im Kicker als "Monopoly" bezeichnet, und das Hotel auf der Schlossallee ist gerade der Brasilianer Neymar, für den Paris Saint-Germain angeblich 222 Millionen Euro an Barcelona zahlen will. Und seitdem der Spiegel Dokumente aus den Football Leaks veröffentlicht hat, kann man sich ein Bild davon machen, welche Hinter- und Nebenabsprachen in solchen Geschäften stecken können.

Der globale Fußball ist in einer komplett eigenen Welt angekommen. Der FC Bayern will zum Beispiel in China Menschen für sich gewinnen, die eigentlich keine Chance haben, je eine reale Beziehung zum Verein aufzubauen. Die Leute können - von einem Testspiel im Jahr abgesehen - die Spiele des Vereins nicht im Stadion besuchen. Sie können die Spieler nicht anfeuern, höchsten vor dem Fernseher.

Wenn der FC Bayern wieder in Deutschland ist, werden die neuen chinesischen Fans die Social-Media-Kanäle des Vereins und der Spieler abonnieren, die Beziehung wird zu einer rein virtuellen. Als 1860 München gegen Burghausen gewann, gingen die Spieler eine Runde durch das Stadion und klatschten die Zuschauer durch den Zaun ab. Vielleicht haben sie 1000 geschafft. Der FC Bayern hat nach eigenen Angaben übrigens 90 Millionen potentielle Fans in China identifiziert.

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