bedeckt München
vgwortpixel

Fußball-WM:Ammoniak-Schnüffeln wie Shampoo beim Duschen

Der deutsche Teamarzt Tim Meyer hat das Thema sogar explizit mit Kollegen in einem Fachbuch abgehandelt ("Sportmedizin im Fußball"). Da heißt es: "Eine regelmäßige Kontrolle von Laborwerten mittels venöser Blutentnahmen sei "nicht geeignet, um Überlastungszustände oder Phasen hoher Belastung anzuzeigen. Venöse Blutentnahmen sollten nur bei bestehender medizinischer Indikation erfolgen (...) und auf das notwendige Minimum beschränkt bleiben."

Zwei Dinge sind es, die Anti-Doping-Experten wie Sörgel beunruhigen: Dass eine so intensive Leistungsdiagnostik im russischen Team ja auch signalisiere, dass man unmittelbar reagieren könnte. Und dass angesichts venöser Blutentnahmen via Punktionsnadel immer auch eine Alternative klar auf der Hand liege: "Wenn ich aus der Vene etwas rausnehme, kann ich dort ebenso gut etwas hineinführen." Der Zeitpunkt, die Venen-Punktion mit der Zuführung von, beispielsweise, Vitaminen zu begründen, ist für die Russen jedoch verpasst. Auf konkrete Rückfrage der SZ, ob bei Dsjuba nur eine Blutentnahme erfolgt sei und keine Injektion oder Infusion, teilte der Teamsprecher mit: "Das war unser Kommentar, und das ist alles."

Doping ARD deckt Doping-Netzwerk in Brasilien auf
Fußball

ARD deckt Doping-Netzwerk in Brasilien auf

Eine Doku enthüllt, wie ein Arzt in Sao Paulo offenbar namhaften Fußballern beim Dopen hilft. Auch der frühere HSV-Stürmer Paolo Guerrero soll verwickelt sein.

Russland ist nicht das einzige Land, dessen sportmedizinische Aktivitäten mit Skepsis zu begleiten sind; gerade auch Deutschland hat eine unrühmliche Vergangenheit. Aber den WM-Gastgeber umgibt ja nun auch eine ungenügend aufgeklärte Staatsdoping-Affäre. Zugleich ist es so, dass sich die neuen Fragen in ein Puzzle aus anderen Vorgängen einfügen, die nahelegen, dass alles ausgereizt wird, was irgendwie geht. So räumte der Verband gegenüber der SZ ein, dass ein Spieler vor der Einwechslung gegen Spanien an einem in Ammoniak getränkten Wattebällchen schnüffelte. Das ist nicht verboten, Ammoniak soll jedoch aufputschend wirken und verstärkten Atemanreiz auslösen, der die Sauerstoffversorgung verbessert. Der russische Verband tat so, als sei dies so gebräuchlich wie der Einsatz von Shampoo beim Duschen. Auch war im russischen Sport über Jahre das Herzmittel Meldonium weitflächig im Einsatz. Selbst, als es auf der Doping-Verbotsliste stand, griffen viele Russen noch zu.

Fußball als Teil des staatlich orchestrierten Dopingsystems

All das ist eingebettet in den dringenden Verdacht, dass der Fußball Teil des staatlich orchestrierten Dopingsystems war. Zwar behaupten Russland und die Fifa, Anschuldigungen gegen aktuelle WM-Kicker seien geklärt. Aber Doping-Kronzeuge Grigorij Rodtschenkow und der für die Welt-Anti-Doping-Agentur tätige Sonderermittler Richard McLaren verweisen auf eine Fülle von Daten, die zeigen, wie auch Fußballer profitierten.

Russland und die Fifa, die in Dopingfragen seit jeher besonders lax ist und der Wada sogar den Zugang zu ihren WM-Tests verwehrt - sie stehen eng zusammen. Dass rätselhafte Einstiche oder Ammoniak-Schnüffeleien am Rasenrand schärfere Kontrollen durch den Weltverband bewirken, muss der Gastgeber kaum befürchten. Er kann sich ganz an seiner pünktlich zur WM kraftvoll erblühten Mannschaft erfreuen.

Fußball-WM Noch kurz am Ammoniak schnüffeln

Doping-Gerüchte

Noch kurz am Ammoniak schnüffeln

Die russische Mannschaft spielt bei ihrer Heim-WM auch gegen die Zweifel an der Sauberkeit ihrer Erfolge an. Der Trainer reagiert säuerlich.   Von Johannes Aumüller