bedeckt München 15°

Fußball-WM:Schmerzt all das noch?

Schmerzt all das noch? Henry selbst hat man dazu nicht befragen können in den letzten Monaten. Kein einziges Wort sagt er in der Öffentlichkeit. Erstens darf er sowieso nur seinem Stammsender Sky Interviews geben, so ein Multi-Millionen-Expertenvertrag bringt diverse Exklusivverpflichtungen mit sich. Und zweitens weiß Henry seine Rolle bei den Belgiern richtig einzuschätzen - ebenso wie den riesigen Schatten, den er zwangsläufig auf alle anderen werfen würde, würde er sich auch nur für einen Moment ins Licht stellen.

Ein einziges Interview hat er vor zwei Jahren dem belgischen Fernsehen gegeben, als bekannt geworden war, dass der Verband KBVB nicht nur den Spanier Roberto Martínez als neuen Nationaltrainer verpflichtet hatte, sondern dazu auch Henry. Das Interview hatte nur einen Zweck: den Ball flach zu halten. "Ich bin nur der T3", sagte also Henry, der dritte Trainer. "Das ist nicht die Thierry-Henry-Show. Ich bin hier, um dem Team zu helfen. Als Trainer musst du nicht ständig erwähnen, was du als Spieler früher geleistet hast. Und als Trainer habe ich noch überhaupt nichts bewiesen."

Inzwischen hat er aber offenbar eine Menge hingekriegt, man muss da nur mal dem belgischen Stürmer Romelo Lukaku zuhören, der schon vier Tore geschossen hat bei dieser WM: "Seitdem ich mit ihm arbeite, bin ich zweimal so gut geworden", sagte er dem Magazin The Players Tribune, denn hey: "Ich trainiere hier mit der Legende persönlich! Er bringt mir bei, so in die Räume zu laufen, wie er es früher getan hat." Auch die anderen Offensivkräfte der Belgier nimmt Henry immer mal wieder zur Seite wie eine Art großer Bruder, Eden Hazard, Michy Batshuayi, Kevin De Bruyne. Es werde viel gelacht, heißt es.

Nicht ausgeschlossen, dass Henry am Ende tatsächlich das entscheidende Puzzleteil ist für eine Generation von Spielern, die schon seit Jahren das Label "Geheimfavorit" mit sich herumträgt. "Er bringt etwas ganz Wichtiges ein: seine Erfahrung", sagt jedenfalls der Cheftrainer Martínez, "davon profitieren wir permanent." Einen Belgier, der in diesem Leben schon mal Weltmeister geworden ist, haben sie leider nicht auftreiben können.

Bestimmt hätte der gleiche Job Thierry Henry auch bei den Franzosen Spaß gemacht. Arbeiten mit Stürmern wie Antoine Griezmann, Ousmane Dembélé. Mit Kylian Mbappé, 19, den sie in Frankreich längst als "neuen Henry" auf dem Zettel haben. "Meine Lehrlinge", nennt der Trainer Deschamps seinen jungen Kader, den zweitjüngsten der WM mit 25 Jahren im Schnitt, der gerade seine Reifeprüfung im Schnelldurchgang ablegt bei dieser WM. Da hätte sich doch etwas machen lassen. Oder nicht? Nun, Thierry Henry ist den Pakt mit den Roten Teufeln auch deshalb eingegangen, weil er nur von ihnen um Hilfe gebeten wurde. 8000 Euro bekommt er im Monat, die spendet er für einen wohltätigen Zweck. Und Frankreich? "Man hat mir nie irgendwas angeboten", so viel hat Thierry Henry dann doch erzählt. "Nie."

© SZ vom 10.07.2018/fued

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite