Sportphilosoph Gebauer im Gespräch:"Wir müssen abwarten wie weit Löws Autorität durch das frühe WM-Aus beschädigt ist"

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Nach innen soll Messi aber ein starke Führungspersönlichkeit sein und dem Trainer Sampaoli auch die Aufstellung diktieren. Ist das ein Widerspruch?

Wenn man sich sein Spiel anschaut, dann spielt er sehr funktional. Er stellt ja nicht sein Licht unter den Scheffel. Er hat eine bestimmte Rolle auf dem Platz, die er fantastisch ausfüllt. Er taucht plötzlich auf und schießt aus dem Nichts ein Tor. Er gibt dem Gegner häufig das Gefühl, dass er gar nicht anwesend ist und irgendwann verlieren sie ihn aus den Augen. Das liegt nicht daran, dass er so furchtbar bescheiden ist. Er hat eine ganz bestimmte Rolle und will die Spiele gewinnen. Gleichzeitig besitzt er im Team eine große Autorität und spielt diese auch in den Mannschaftsitzungen aus. Die Mannschaft spielt ja um ihn herum. Also muss er schauen, dass das Team so aufgestellt ist, dass er brillieren kann. Bei den Argentiniern funktioniert das allerdings nicht, da spielen die Mitspieler nicht so, wie er das braucht. Er kommt gar nicht richtig zur Geltung.

Der Fußball profitiert auch ganz gut von den Gegensätzen zwischen Messi und Ronaldo.

Viele Menschen brauchen Modelle, denen sie nachahmen, für die sie schwärmen können. Der Fußball hat ja eine ganze Reihe von solchen Personenbildern anzubieten und dadurch eine soziale Funktion. Auch wenn wir im Moment auf die deutsche Elf nicht gut zu sprechen sind, war das nach dem Schweden-Spiel noch Toni Kroos: bescheiden, zurückhaltend, aber unglaublich effizient.

Dürfen Helden auch Schwächen zeigen wie einst Achill oder Hektor?

Wenn Ronaldo Schwächen zeigt, muss er Spott und Häme seiner vielen Gegner ertragen, da zahlt er ganz schön dafür. Aber das Schöne am Fußball ist, dass er sich ständig erneuert. Es gibt immer die Chance, sich zu rehabilitieren. Außerdem sind jene im Sport und auch im Showbusiness die größten Helden, die Probleme hatten mit Verletzungen oder Drogen und trotzdem wiederkommen.

Die Auferstandenen werden von den Zuschauern ganz besonders gefeiert

An diesen Rollenbildern kann jeder einzelne von uns erkennen, dass auch eine starke Person einen Einbruch erleiden kann. Wir wollen die Helden ja menschlich haben, nicht irgendwie aus Marmor, sondern aus Fleisch und Blut. Wir sehen, dass sie auch Verletzungen erleiden, Depressionen, schlecht in Form sind. Und wenn sie zurückkommen, dann kann das den Zuschauern Hoffnung geben, indem sie sich sagen, der hat das ja auch geschafft und die Probleme überwunden.

Joachim Löw macht also weiter, weil er sich rehabilitieren möchte nach dieser historischen Niederlage bei der WM?

Das geht ihm bestimmt durch den Kopf. Wobei das für Trainer schwieriger ist als für Spieler, er kann sich nicht mit einem einzigen wichtigen Treffer im richtigen Moment rehabilitieren. Wir müssen abwarten wie weit Löws Autorität durch das frühe WM-Aus beschädigt ist. Und dann sehen, ob er es schafft, Teile davon wieder herzustellen.

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