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Debatte um WM 2022:"Wir haben gesehen, was in Katar geschieht"

Fußball-WM in Katar - Fans im Stadion

Noch wächst hier Gras über die Sache: Fans der Nationalelf von Katar beim Asien-Cup 2011 im Khalifa-Stadion in Doha.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Die niederländische Firma Hendriks Graszoden will keinen Rasen für die Stadien der umstrittenen Fußball-WM 2022 liefern - und es gibt weitere Kritik am Ausrichter.

Die Boykott-Debatte um die WM 2022 in Katar nimmt weiter an Fahrt auf. Nun bricht ein niederländisches Unternehmen mit einer langen Tradition - und wird keinen Rasen für die WM-Stadien in dem Emirat liefern. Ein Grund dafür sei die Lage der Menschenrechte, bestätigte das Unternehmen Hendriks Graszoden am Freitag in Heythuysen. "Wir haben gesehen, was in Katar geschieht", sagte die Managerin Gerdien Vloet dem regionalen Radiosender L1. Beim Sender RTL fügte sie hinzu: "Es ging um einen Millionenauftrag, aber manchmal sind andere Sachen wichtiger als Geld."

Das Unternehmen lieferte seit Jahren den Rasen für Welt- und Europameisterschaften, zum Beispiel für die WM 2006 in Deutschland und die EM-Turniere 2008 in Österreich/Schweiz und 2016 in Frankreich. Als Katar 2010 den Zuschlag für das WM-Turnier 2022 bekam, waren auch die Niederländer eingeladen worden. Schon beim ersten Besuch seien aber Zweifel aufgekommen, sagte Vloet. "Wir sahen, wie der Bau der Stadien dort verlief. Längst nicht alle Arbeiter trugen Schutzkleidung."

Die Zweifel seien später durch Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen verstärkt worden. "Wir wussten inzwischen, dass Menschen bei den Bauarbeiten ums Leben kamen", sagte die Sprecherin dem Radio. "Aber dass es 6500 waren, wussten wir nicht."

Der britische "Guardian" spricht von 6500 toten Gastarbeitern. Katar nennt andere Zahlen

Zuletzt hatte die britische Zeitung Guardian auf der Grundlage von Daten aus fünf asiatischen Ländern errechnet, dass seit der Vergabe der WM an Katar mehr als 6500 Arbeitnehmer aus diesen Ländern in dem Emirat gestorben seien. Aus den Daten gehe indes nicht hervor, wo genau die Arbeiter tätig gewesen seien, schrieb das Blatt.

Die Deutung der Zahlen ist umstritten. Katars Regierung erklärte, die Sterberate liege in einem zu erwartenden Bereich; demnach arbeiteten rund 1,4 Millionen Menschen aus den fünf Ländern in Katar. Nach Angaben des WM-Organisationskomitees starben bisher 37 ausländische Arbeiter, die auf Stadionbaustellen im Einsatz waren. Nur drei Todesfälle davon seien in Verbindung zu der Arbeit gestanden, 34 nicht.

Hendriks Graszoden zog sich auch aus den Verhandlungen zurück, weil es die Qualitätsnormen der Organisatoren als zu niedrig ansah. Zunächst sollte der Rasen per Flugzeug nach Katar geflogen werden. Das kam für das Unternehmen wegen des Aufwands und der Kosten nicht infrage. Die Alternative, das Gras mit Hilfe von örtlichen Unternehmen in Katar zu züchten, lehnten die Niederländer nun ab. Das Turnier im Wüstenstaat stößt in den Niederlanden schon länger auf massive Kritik bis hinauf ins Königshaus. Bereits im Februar hat das Parlament laut Deutschlandfunk entschieden, dass der König und der Ministerpräsident dem Turnier im Winter 2022 fernbleiben sollen.

Kritik am WM-Ausrichter gibt es auch in anderen Ländern. So hat sich der Klub Rosenborg Trondheim an die Spitze der norwegischen Boykottbewegung gestellt. 202 von 256 Stimmberechtigten bei der Mitgliederversammlung stimmten für einen Verzicht der Nationalmannschaft um Erling Haaland auf das Turnier; Rosenborg soll das Thema nach dem Willen seiner Fans beim Verbandstag an diesem Sonntag auf die Tagesordnung setzen. Damit würde sich der Druck auf den Verband NFF erhöhen, der einen Boykott bislang ablehnt und Veränderungen über einen fortgesetzten Dialog herbeiführen möchte.

© SZ/dpa/cca
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