Massive Sicherheitsvorkehrungen, wochenlange Debatten, wechselseitige Vorwürfe auf höchster Verbandsebene, und jetzt schaltet sich auch noch Fifa-Präsident Gianni Infantino ein: Zu sagen, dass das WM-Qualifikationsspiel Norwegens gegen Israel an diesem Samstag (18 Uhr) überschattet werde von Diskussionen, wäre stark untertrieben. Das Spiel ist längst zum Großpolitikum geworden, in Norwegen genauso wie in Israel. Das liegt vor allem an Lisa Klaveness, der Präsidentin des norwegischen Fußballverbands (NFF), die sich mehrmals für einen Ausschluss Israels aus dem Wettbewerb ausgesprochen hatte. „Persönlich bin ich der Meinung, dass, wenn Russland ausgeschlossen ist, auch Israel ausgeschlossen sein sollte“, sagte sie im Podcast Pop og Politikk. Allerdings war das vor der vereinbarten Waffenruhe zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas.
Klaveness wollte sich in der Süddeutschen Zeitung nicht zu ihrer Kritik äußern, stellte aber Anfang dieser Woche im Morgenbladet klar, der norwegische Verband sei „nicht ,gegen‘ den israelischen Verband. Ich sprach nicht von einem politischen Boykott, sondern von einer Suspendierung als Sanktion für Verstöße gegen die Fifa-Statuten“. Sie wies darauf hin, dass mehrere Vereine im israelischen Ligasystem in Siedlungen im besetzten palästinensischen Gebiet liegen. Das sei ein klarer Verstoß gegen die Regeln der Fifa.
Der Präsident des israelischen Fußballverbandes Moshe Zuares sagte im norwegischen Fernsehen, er habe „ein Problem mit Klaveness’ Meinungen“. Sie mische sich in Dinge ein, die sie nichts angingen. Außerdem hätten sie und der norwegische Verband nach dem Terroranschlag auf Israel am 7. Oktober 2023 keinerlei Mitgefühl gezeigt: „Sie hat nichts zu dem gesagt, was hier passiert ist, kein halbes Wort.“ Klaveness widerspricht, sie habe Zuares sowohl direkt nach dem Überfall als auch am Jahrestag „eine herzliche Nachricht geschickt, denn es war ein schrecklicher Angriff. Wir haben Zuares unser tiefstes Mitgefühl ausgedrückt und eine Antwort bekommen“. Im Morgenbladet fügte sie hinzu: „Ich habe aber auch zum Ausdruck gebracht, dass wir hinter der Forderung der Regierung stehen, die unverhältnismäßigen Angriffe in Gaza zu beenden.“

Klaveness, die selbst viele Jahre Profispielerin war, heute als Anwältin arbeitet und im Uefa-Vorstand sitzt, hat sich auch früher schon deutlich positioniert: Auf dem Fifa-Kongress 2022 prangerte sie Diskriminierung, Intransparenz, die Missachtung der Menschenrechte in Katar sowie Korruption und Filz innerhalb der Fifa an. „Die Fifa muss als Vorbild agieren“, sagte sie damals in der Vollversammlung, die WM sei 2010 unter „inakzeptablen Umständen und mit inakzeptablen Konsequenzen“ an das Emirat vergeben worden. Die norwegische Nationalmannschaft hatte während der WM-Qualifikation mit T-Shirt-Aktionen auf die Menschenrechtslage in Katar hingewiesen. Der norwegische Fußballverband verzichtete während der WM auf eine persönliche Anwesenheit, was von Kritikern als leere Geste abgetan wurde, schließlich habe sich Norwegen gar nicht für die WM qualifiziert.
Klaveness ist mit ihrer Israel-Kritik aber nicht allein, im Gegenteil. Der deutsche Politikwissenschaftler und Nordeuropa-Experte Tobias Etzold, der in Norwegen lebt und forscht, betont im Gespräch mit der SZ, dass Norwegen von Anfang an sehr viel kritischer auf den Konflikt geschaut habe als Deutschland. „Es gab hier bereits ab 2023 eine große Solidarität mit der Zivilbevölkerung in Gaza“, sagt Etzold. Das Vorgehen Israels sei auch von der Politik früh schon als unverhältnismäßig angeprangert worden. Der norwegische Außenminister Espen Barth Eide warf dem Westen seit Ausbruch des Gaza-Krieges mehrmals vor, im Umgang mit Russland und Israel mit zweierlei Maß zu messen. So sagte er etwa im SZ-Interview: „Wenn unsere Gegner die Menschenrechte verletzen, müssen wir unsere Stimme erheben. Wenn unsere Freunde sie verletzen, müssen wir das ebenfalls tun.“
Der norwegische Wohlfahrtsfonds, der die Gewinne aus der Öl- und Gasförderung verwaltet, hat sich im Sommer aus mehreren israelischen Firmen zurückgezogen, die direkt oder indirekt in den Gaza-Krieg verwickelt sind. Einigen Parteien ging das nicht weit genug, sie forderten einen Abbruch aller wirtschaftlichen Beziehungen.
Norwegen hat die Sicherheitsvorkehrungen für die Partie drastisch erhöht
Doch zurück zum Fußball: Der norwegische Fußballverband hat angekündigt, den Gewinn des Spiels gegen Israel für die Arbeit der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen im Gazastreifen zu spenden. Moshe Zuares sagte dazu, er habe „nichts dagegen, dass Geld an humanitäre Organisationen geht“. Er frage sich nur, warum dies gerade bei diesem Spiel geschehe. „Warum nicht gegen Italien? Dann wären die Spenden wahrscheinlich höher ausgefallen.“
Da hat er wahrscheinlich recht: Die Zuschauerzahl für die Partie in Oslo wurde im Rahmen der Sicherheitsmaßnahmen um einige Tausend reduziert. Norwegen hat enorme Sicherheitsvorkehrungen getroffen. „Wir tun zehnmal mehr als bei einem normalen Länderspiel, daher fühlen wir uns gut vorbereitet“, sagte Klaveness dem Rundfunksender NRK. Klaveness stellte in dem Zusammenhang auch klar, dass der NFF bereits vor einiger Zeit eine zweijährige Zusammenarbeit mit Ärzte ohne Grenzen eingegangen sei und daher regelmäßig Spenden an die Organisation für deren Arbeit in Gaza, aber auch in anderen Kriegsgebieten wie der Ukraine fließen.
Vor dem am Freitag eingetretenen Waffenstillstand zwischen Israel und der Terrorgruppe Hamas hatte die Polizei mit großen propalästinensischen Demonstrationen gerechnet. Fifa-Präsident Infantino appellierte am Donnerstag an die Demonstranten, Ruhe zu bewahren. Er bezog sich dabei auch auf das Qualifikationsspiel Italien gegen Israel am kommenden Dienstag in Udine. „Jetzt sollten sich alle über den Friedensplan freuen und den Prozess unterstützen“, sagte Infantino. „Das geht natürlich über Fußball hinaus – aber es schließt auch Fußball ein.“
Norwegen ist mit 15 Punkten aus fünf Spielen übrigens Tabellenerster und würde sich bei einem Sieg am Samstag erstmals seit 1998 für eine WM qualifizieren. Italien und Israel, die mit jeweils neun Punkten auf den Plätzen zwei und drei folgen, haben beide noch Chancen.

