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Fußball: WM-Qualifikation:Ein Herzog in seinen Ländereien

Michael Ballacks Dominanz im Mittelfeld prägt das Spiel der deutschen Nationalmannschaft, gibt ihm aber keine klare Richtung.

Am Ende stand Berti Vogts an der Seitenlinie und ruderte mit seinen kurzen Armen wie ein Flugzeugeinweiser - nach hier, nach dort und vor allen Dingen: nach vorne, das sagten seine Zeichen an die Spieler. Vogts spürte, dass mit ein wenig Glück, Fügung, Schicksal und Himmelskraft das Schönste und Größte möglich werden könnte, dass nämlich seine Mannschaft, die stolze Auswahl Aserbaidschans, ihr erstes Tor in der WM-Qualifikation schösse, und das auch noch - nicht auszudenken, wie wunderbar das wäre - gegen Deutschland.

Die defensive Ausrichtung des DFB-Kapitäns Michael Ballack (re.) wirkte sich in Aserbaidschan nicht immer positiv auf das deutsche Spiel aus.

(Foto: Foto: ddp)

Doch obwohl Vogts so eifrig winkte und dirigierte, und obwohl die Zuschauer die Mannschaft mit Raunen, Rufen und Stöhnen antrieben, wurde alles Hoffen an diesem Mittwochabend in Baku vom immer stärkeren Wind davongetragen, oder, prosaischer gesagt: Die Stürmer Aserbaidschans wirkten so gefährlich wie ein Strauß Gänseblümchen. Als feststand, dass die deutsche Auswahl das WM-Qualifikationsspiel durch Tore von Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose 2:0 (1:0) gewonnen hatte, gab es dennoch freundlichen Beifall von den Rängen des Tofik-Bachramow-Stadions, denn immerhin hatte der aserbaidschanische Nationaltrainer Vogts die Deutschen als "beste Mannschaft der Welt" ausgemacht, und gegen die nur 0:2 zu verlieren - das war doch gar nicht übel.

Das Endspiel in Russland

Wenn nun die Aserbaidschaner so zufrieden waren, musste das im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass die Deutschen voller Gram aus dem Stadion schlichen? Keineswegs, sie waren ebenfalls zufrieden, zwar nicht mit dem Spiel, aber mit dem Ergebnis. Reihum beschieden die Spieler, wichtig sei allein, drei Punkte auf dem Konto zu verbuchen. Immerhin: Sie redeten ihre Leistung nicht schön. Denn auch wenn der Sieg ungefährdet war, so spielte die deutsche Nationalelf längst nicht die Art von Fußball, mit der sie im Oktober im entscheidenden Spiel in Russland bestehen könnte.

Piotr Trochowski erkannte: "Es war zu wenig Bewegung, die Abstimmung hat hier und da nicht gepasst. Deswegen hat das teilweise nicht so gut ausgeschaut." Das war eine kluge Äußerung, erstens, weil sie richtig war, und zweitens, weil Trochowski die gleiche Analyse erstellte wie Bundestrainer Joachim Löw. Der sagte: "Wir haben im Spiel gemerkt, dass manche Dinge nicht so stimmen und dass die Harmonie noch nicht so da ist wie zu einem späteren Zeitpunkt."

Noch kein Rhythmus im Spiel

Damit hatte Löw auch gleich angesprochen, warum im deutschen Team niemand beunruhigt sein wollte über den insgesamt eher mauen Auftritt der Auswahl: Es ist früh in der Saison, "man braucht fünf, sechs, sieben Spiele, um den Rhythmus zu finden", sagte Löw. Dazu kam, wie Marcell Jansen feststellte, dass die Aserbaidschaner "rennen und kämpfen für ihr Leben, um auf sich aufmerksam zu machen". Löw wird nun darüber nachdenken müssen, ob mit der Zwei-Komponenten-Erklärung - die Saison ist jung, die Aserbaidschaner giftig - tatsächlich das ganze Spiel erklärt und zu den Akten gelegt ist, oder ob nicht doch einige Fragen bleiben.

Interessant war zum Beispiel, wie Kapitän Michael Ballack seine Rolle interpretierte. Nach knapp einer Viertelstunde ließ er sich im Mittelfeld immer wieder weit zurückfallen und holte sich die Bälle von der Abwehr ab, um sie persönlich weiter nach vorne zu befördern, wo er, wenig überraschend, noch nicht wieder auf dem Posten war. Das machte das deutsche Spiel langsam, was wiederum dazu führte, dass Miroslav Klose und Mario Gomez im Sturm oft in der Luft hingen.

Da sich zudem Trochowski und Schweinsteiger immer wieder Ballverluste im Mittelfeld leisteten, geriet die deutsche Abwehr wiederholt unter Druck. Ihre hohe technische Überlegenheit im Mittelfeld spielte die deutsche Elf kaum aus. Durch die Spielweise Ballacks wurde Thomas Hitzlsperger öfter an den Rand gedrängt - der Kapitän durchmaß die Mitte wie ein Herzog seine Ländereien, wenn auch wenig effektiv. Mit Torsten Frings spielt Ballack anders - gegen Mannschaften von der Qualität Aserbaidschans agiert er viel weiter vorne, wenn er Frings hinter sich weiß.

Vogts sagt "Salam Aleikum"

Er wäre nun sicherlich arg übertrieben, Ballacks Spielweise als verschlüsselten Ruf nach Frings zu deuten, aber einen gewissen Witz hat diese Lesart durchaus. Löw möchte - so sieht es aus - dass Ballack künftig mit Hitzlsperger und nicht mit Frings spielt, doch am Mittwoch hat sich die neue Kombination nicht direkt aufgedrängt. Das Thema bleibt dem Bundestrainer noch eine Weile erhalten - spätestens vor der Partie gegen Russland müsste er eine wegweisende Entscheidung treffen.

Löw hat noch zwei Partien im September - ein Testspiel gegen Südafrika und das Rückspiel gegen Aserbaidschan -, um die Elf auf die Russen vorzubereiten. Er ist froh, die Begegnung vom Mittwoch hinter sich zu haben und neben drei Punkten vielleicht ein paar Hinweise gesammelt zu haben. Zudem weiß er nun, dass er einen treuen Fan hinter sich hat: Berti Vogts - der die Zuhörer nach dem Spiel weltmännisch mit "Salam Aleikum" begrüßt hatte - beendete seine Ausführungen mit dem Wunsch, dass die deutsche Elf Gruppenerster werde.

Vielleicht hat der alte und weitgereiste Trainerfuchs ja noch den ein oder anderen Tipp für Löw parat. Oder er erklärt ihm zumindest, was für wunderbare Handzeichen er da zeigte, als er entschlossen im Wind von Baku stand und auf ein Tor hoffte, das vielleicht niemals fallen wird.

Aserbaidschan - Deutschland

Bertis Warten auf das Wunder