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Fußball: WM-Qualifikation:Die Hand Frankreichs

Mit seinem Handspiel gegen Irland sicherte Thierry Henry Frankreich die Qualifikation für die WM 2010. Nun kämpft der Angreifer um seine Ehre.

Seit längerem müht sich die französische Regierung unter Präsident Nicolas Sarkozy, eine Diskussion über die nationale Identität anzustoßen. Dann läuft Thierry Henry auf - und schon bekommt die Sache Hand und Fuß. Eine Woche nach dem Fehlgriff des Stürmerstars beim WM-Qualifikationsspiel gegen Irland quälen sich die Franzosen mit den moralischen Folgen.

Mit diesem handspiel bereitete Thierry Henry das entscheide französische Tor für die WM-Qualifikation vor.

(Foto: Foto: AFP)

Abend für Abend wiederholen die Fernsehsender in Zeitlupe die kuriose Szene, als Henry den Ball mit seiner linken Hand stoppte, kontrollierte und dann per Fuß zu einem Mitspieler weiterleitete. So kam es zu einem Treffer, der Frankreich das Tor zur Weltmeisterschaft in Südafrika öffnet, aber kaum jemanden freuen mag. Eine Umfrage des Staatsfernsehens ergibt: Acht von zehn Franzosen finden, ihr Land habe die Teilnahme nicht verdient.

Keine Frage - Frankreich fühlt sich verletzt in seiner Sportlerehre. Andere Nationen hätten das irreguläre Tor womöglich als bloßen Schiedsrichterfehler abgetan, um zur Siegesfeier überzugehen. Nicht so die Franzosen. Seit 1789 fühlen sie sich verpflichtet, der Welt ein Beispiel zu geben. Und nun das. Ausgerechnet Henry, der erfolgreichste Stürmer, den die Nationalmannschaft je besaß, dreifacher Fußballer des Jahres in England, der das Land so lange schmückte, ist zum internationalen Buhmann verkommen. Peinlich berührt registrieren die Franzosen, wie oft die angelsächsische Presse das böse Bonmot "Hand of Frog" gebraucht. "Die Hand des Frosches" spielt auf den Schimpfnamen der Franzosen an, und auf die "Hand of God" Diego Maradonas.

Die Politiker sind sich diesmal einig. "Rechtlich hat Frankreich gewonnen, in Sachen Sportsgeist aber verloren", räumt der Rechtspopulist Jean-Marie Le Pen ein. Der Sozialist François Hollande beklagt einen "schweren Zwischenfall in Sachen sportlicher Ethik". Der Grüne Daniel Cohn-Bendit unkt, nun könne man kaum mehr die Nationalmannschaft unterstützen. Nur Präsident Sarkozy hält sich einmal an die Devise, dass Schweigen Gold sein kann. Dafür melden sich die Berufsethiker umso lauter zu Wort. Eine Gewerkschaft der Sportlehrer schimpft, Henry habe einen "indiskutablen Betrug" begangen. Und die Sport-Philosophin Isabelle Queval sorgt sich: "Was bedeutet eine individuelle Ethik noch, wenn der kollektive Erfolg auf dem Spiel steht?"

Der Fußball bedeutet viel für das Kollektiv Frankreich mit seinen zahlreichen Einwanderer-Kindern. Er sei der sichtbare Kitt, der die nationale Identität zusammenhält, schreibt die Zeitung Les Echos. Dies war nicht immer so. Das englische Ballspiel setzte sich im Rugby-Land Frankreich später durch als etwa in Deutschland. Doch dann wurde es umso wichtiger für das Selbstverständnis der Franzosen.

1984 machte Michel Platini, der Enkel italienischer Einwanderer, Frankreich zum Europameister. 1998 führte Zinedine Zidane, der Sohn algerischer Immigranten, die Nation zum Gewinn der Weltmeisterschaft. Der damalige Trainer Aimé Jacquet behauptete, mit dem Sieg habe Frankreich seine Identität wiedergefunden. "Auf einmal sind wir, die Franzosen, Leute geworden, die man wieder achtet." Sein Team habe die wahren Werte vertreten: "Ehrlichkeit, Respekt."

Wie war das noch mit Zidane?

Umso mehr schmerzt es, wenn Kapitän Henry, dessen Eltern aus der Karibik stammen, zum Sinnbild sportlicher Unmoral wird. Da hilft es wenig, wenn besonnene Franzosen einwenden, "Titi", wie der Kapitän genannt wird, habe doch niemanden umgebracht und nicht einmal einem Gegner in die Hacken getreten.

Auch der Hinweis auf das Schicksal Zidanes zieht nicht recht. "Zizou" hatte im WM-Endspiel 2006 seinem italienischen Gegenspieler Marco Materazzi einen Kopfstoß verpasst. Das hinderte Frankreich nicht daran, sich mit Zidane zu solidarisieren. Allerdings hatte Materazzi vorher provoziert; und Frankreich war der würdevolle Verlierer. Diese Rolle gefällt dem Land besser als der Part des schmählichen Siegers. Das ehrt es.

Um ihre Ehre müssen dagegen jetzt gleich zwei Henrys kämpfen. Wie die Zeitung Sun enthüllt, weigern sich irische Putzkräfte nun, Staubsauger der Marke "Henry" zu benutzen. Auch der Spieler Henry fühlt sich gemobbt. Er betont, er habe sein unglückliches Händchen sofort nach dem Spiel eingestanden. Das kam vielen Franzosen zu spät. Die Sport-Philosophin Queval findet, Henry hätte sofort nach dem Handspiel dem Schiedsrichter melden müssen: "Ich habe betrogen." In diesem Fall dürfte nun womöglich Irland zur WM fahren. Die Frage ist, wie Henry dann dastünde. Als Held des ehrlichen Frankreich - oder doch eher als Blödmann der Nation?

© SZ vom 25.11.2009

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