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Fußball-WM: Otto Rehhagel:Triumph und Kritik

Rehhagel ist keiner, der den einzelnen Spieler verbessert - er ist ein Trainer, der aus 23 Spielern eine bessere Mannschaft formt. Er schickt seinen Spielern keine E-Mails oder führt ihnen Powerpoint-Präsentationen vor. Rehhagels Festplatte befindet sich in Rehhagels Kopf - und darauf ist ausschließlich das System Rehhagel gespeichert. Der Trainer der griechischen Nationalelf stellt seine Mannschaft nicht auf, er baut sie zusammen aus dem vorgegebenen Spielerpool. "Bevor ich kam, hat jeder gemacht, was er wollte", sagte er im Jahr 2004 über die griechische Nationalelf. "Jetzt macht jeder, was er kann."

Otto Rehhagel

Otto Rehhagel beim Training der griechischen Elf.

(Foto: ap)

In diesem Jahr durfte Rehhagel den wohl größten Triumph seiner Karriere feiern - und das, obwohl er zuvor schon jeweils drei Mal deutscher Meister und Pokalsieger war und den Europapokal der Pokalsieger gewonnen hatte. Er wurde Europameister mit der griechischen Elf. Danach wurde er als erster Nichtgrieche zum "Griechen des Jahres" gewählt, er bekam den Beinamen "Rehakles", eine Heldenstatue in Athen und schließlich das Bundesverdienstkreuz.

Freilich gibt es auch Kritik am System Rehhagel. Er gilt als Souverän, der sich Verbesserungsvorschläge gerne anhört ("Jeder darf sagen, was er will!"), sie aber niemals annimmt ("Aber dann macht jeder, was ich sage!"). Kritiker straft er entweder mit Ignoranz oder mit lockeren Sprüchen wie bei der EM 2008, als ihn ein junger Journalist auf die Taktik ansprach: "Junger Mann, mit diesen Tricks können Sie mir nicht kommen. Sie waren noch gar nicht geboren, da wusste ich schon, was Sie denken." Er werde für Erfolg bezahlt, sagte er einmal, nicht für schöne Spiele - und er wusste auch, welche Folgen Misserfolg haben kann: "Wenn ich Spiele verliere, lassen die Leute an den Blumen, die sie mir zuwerfen, plötzlich die Töpfe dran."

Und hätte Rehhagel das Spiel gegen Argentinien nicht von der Trainerbank aus verfolgt, sondern vor dem Fernseher, dann hätte er wohl bei der Aussage von Béla Réthy ("Sie müssen offensiver spielen!") die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt: "Jetzt will der, dass wir gegen diese argentinische Elf modern nach vorne spielen - und dann ganz modern 7:0 verlieren." Diese griechische Elf, von der kein Spieler über das Prädikat "internationale Klasse" hinauskommt, hat sich am Ende doch achtbar geschlagen bei dieser WM. "Sie haben aus ihren Möglichkeiten alles rausgeholt", sagte Rehhagel nach der Partie, die er nach bewährtem Muster wieder mit Zementatis, Betonidis und Mauros bestritten hatte.

Wahrscheinlich wird König Otto nun abtreten. "Mit 50 bist du als Fußballtrainer reif für die Klapsmühle", hat Rehhagel einmal gesagt. Im August wird er 72 Jahre alt - und auch wenn er sich nicht zu seiner Zukunft äußern wollte ("Diese Frage beantworte ich nicht"), so gilt doch als wahrscheinlich, dass er sein Amt als Trainer der griechischen Elf abgeben wird. Rehhagel hat nationale und internationale Titel gewonnen, vor seinem wohl letzten Spiel ging er auf Diego Maradona zu. Er umarmte ihn, tätschelte ihn - und bestimmt hat er sich nach dem Befinden von Maradonas Frau Claudia erkundigt.