Süddeutsche Zeitung

Fußball-WM:Mit Maguires Wucht und Allis Lächeln

Mit einem lausbübischen Lächeln guckte Dele Alli seinen Kapitän Harry Kane an. Natürlich wusste Alli, dass er den Ball im Fünfmeterraum in die Mitte hätte köpfen können. Zu Kane, der dann vermutlich in seinem achten Einsatz hintereinander für England ein Tor erzielt hätte. In dieser Wertung liegen vor ihm nur die ehrwürdigen George Camsell und Steve Bloomer, denen das vor etwa einem Jahrhundert sogar mit neun und zehn Treffern gelang. Aber Alli, sein Klubkollege bei Tottenham Hotspur, köpfte den Ball halt nicht rüber zu Kane - sondern selbst ins Tor.

Mit 22 Jahren und 87 Tagen ist Alli nun der zweitjüngste englische Torschütze bei einer Weltmeisterschaft nach Michael Owen. Im Alter von 18 Jahren und 190 Tagen traf Owen beim 1:2 gegen Rumänien während der WM 1998 in Frankreich. Am entfernten Pfosten hatte sich der schmächtige Alli in der 58. Minute davongeschlichen, so dass er die genau in seinen Laufweg geflankte Hereingabe von Kieran Trippier mühelos aus kurzer Distanz ins Tor köpfen konnte, zum 2:0 für England. Zuvor hatte schon Innenverteidiger Harry Maguire per Kopf getroffen, seine knapp 100 Kilogramm an Gewicht verteilt auf 1,94 Meter hatte er erfolgreich in einen Eckball geworfen (30.).

Das 2:0 über Schweden im Viertelfinale sichert England bei einer Weltmeisterschaft nach dem Titelgewinn 1966 und dem Einzug in die Vorschlussrunde 1990 wieder die Teilnahme an einem Halbfinale. Der Erfolg rührte den knallharten Abwehrspieler Maguire zu Tränen, vor den Fans führte Nationaltrainer Gareth Southgate aus Freude und Erleichterung eine Jubelpose auf, ehe der Tross noch vor den Verlierern das Spielfeld verließ. "Es steht noch ein großes Spiel bevor, das Halbfinale, aber wir fühlen uns super", sagte Kane.

Für die Schweden war es ein Duell mit dem großen Bruder

Mit ihren kurz gehaltenen Feierlichkeiten machten die Three Lions deutlich, dass ihr Blick schon wieder über den Viertelfinalort Samara hinausgeht. Die Anhänger auf den Tribünen wiederholten in Dauerschleife, dass sie sich bereits auf dem Weg nach Moskau befinden würden. Der Sprechgesang beinhaltete eine Doppeldeutigkeit, weil in der russischen Hauptstadt sowohl das Halbfinale am Mittwoch als auch das Finale am 15. Juli stattfindet. Für die Schweden, die mit der Qualifikation fürs Viertelfinale mehr erreichten, als sie vor dem Turnier sich wohl selbst zugetraut hätten, blieb nach dem Abpfiff der Trost der Engländer. Mehrere Spieler kümmerten sich um die traurig auf dem Rasen darniederliegenden Skandinavier. "Es war ein tolles Spiel gegen einen schwierigen Gegner", sagte Kane.

Emotional dürfte die Niederlage den Skandinaviern einige Zeit nachhängen, für die meisten Schweden glich das Viertelfinalduell mit England nämlich einem Aufeinandertreffen mit dem großen Bruder. Seit 1969 überträgt das heimische Fernsehen jede Woche die Spiele aus der englischen Liga. Durch die ausgedehnte Winterpause stellten die Partien früher die einzige Möglichkeit dar, auch in den kältesten Monaten des Jahres zumindest Fußball sehen zu können.

Aus dieser Tradition heraus fühlen sich einige Fans nach wie vor den englischen Vereinen näher verbunden als den heimischen. Die englische Prägung verstärkten die Trainerpioniere Roy Hodgson und Bob Houghton, die durch ihre taktische Anordnung mit zwei Viererreihen in Abwehr und Mittelfeld sowie zwei Angreifern die Sportart in Schweden in den 70er-Jahren modernisierten. Das führte zu einer Zeitspanne des unerwarteten Erfolgs: Im Jahr 1979 erreichte Malmö FF das Europapokalfinale, und IFK Göteborg gewann drei Saisons später den Uefa-Cup.

Fünf verschiedene Torschützen bei der WM

Der Einfluss hält bis in die Gegenwart an, die schwedische Nationalmannschaft vertraut mit Nationaltrainer Janne Andersson weiterhin auf diese Vorgehensweise. Für Torgefahr sorgten die schwedischen Spieler am Samstag in Samara vorwiegend über Flanken, die letztlich die wuchtigen Stürmer Ola Toivonen und Marcus Berg beliefern sollten.

Kurz nach der Halbzeitpause hätte das bei Berg fast geklappt, der mit einem Kopfball nach Hereingabe des Rechtsaußen Viktor Claesson am fein reagierenden Torhüter Jordan Pickford scheiterte. Seine Ablage nach einer Stunde auf Claesson, der aus geringer Distanz kraftvoll in die Ecke zielte, wehrte Pickford in seinem fünften Pflichtspiel für England mit einem Handreflex ab. Auch beim Drehschuss erneut gegen Berg konnte er den Ball in der Schlussphase entscheidend ablenken. Dabei musste Pickford im ersten Durchgang gar nicht eingreifen, weil die Angriffsbemühungen der Schweden an seiner Abwehr abprallten.

Die strategischen Fähigkeiten des Abwehrchefs John Stones ergänzten sich mit der Schnelligkeit seiner Mitspieler Kyle Walker auf rechts und Harry Maguire auf links. Maguire bildet bei Leicester City an der Seite von Wes Morgan das vermutlich opulenteste Abwehr-Gespann der Premier League. Einmal gewann die englische Nummer sechs drei Kopfbälle nacheinander im gegnerischen Strafraum.

Gleich der erste Versuch glückte Maguire im Anschluss an einen Eckball zum 1:0 für England. Um keinen Elfmeter zu verursachen, standen die Schweden ihren Gegenspieler nicht direkt auf den Füßen. Den Zwischenraum nutzte Maguire zur Tempoaufnahme, die ihn dann nicht mehr stoppen ließ bei seinem ersten Länderspieltreffer. Den elf englischen Treffern bei der WM gingen acht Standardsituationen voraus, darunter vier Elfmeter und fünf Kopfballtore. Durch Allis Tor hat England nun mit Kane, Stones, Jesse Lingard und eben Maguire fünf verschiedene Torschützen im Turnier. Das 2:0 arbeiteten Alli und Kane später noch einmal miteinander auf. Im Gespräch gab Kane nach und legte Alli seinen Arm gönnerhaft um die Schulter.

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