Fußball:WM-Trikots in aller Abscheulichkeit

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Fußball: Das Trikot der Schweizer sieht aus wie ein Erste-Hilfe-Koffer, der zu lange in der Sonne gelegen hat.

Das Trikot der Schweizer sieht aus wie ein Erste-Hilfe-Koffer, der zu lange in der Sonne gelegen hat.

(Foto: Puma)

In dieser Woche sind jede Menge Nationaltrikots für die Weltmeisterschaft vorgestellt worden. Da fragt man sich: Muss das sein? Und hat diese WM in der Wüste überhaupt schöne Shirts verdient?

Von Holger Gertz

Nein, das größte Problem bei der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft in Katar ist nun wirklich nicht die Frage, wie die Shirts aussehen werden, die die Fußballer dort tragen. Aber einen kurzen Blick verdient haben sie trotzdem, in dieser Woche sind jede Menge Nationaltrikots vorgestellt worden, so was ist inzwischen ein Event.

Früher war die Trikotpräsentation kein Event, was auch daran gelegen hat, dass die Nationaltrikots sich früher ähnlich waren oder ähnlich blieben - was sollte man denn da präsentieren, den neuen Kragen? Zum Beispiel Uruguay, dieses aus europäischer Sicht so rätselhafte, weil vergleichsweise selten bereiste Land in Südamerika: Uruguay ist als Ganzes in der Vorstellung himmelblau, geradezu celeste, weil die Trikots der Nationalmannschaft Uruguays schon seit aller Ewigkeit himmelblau waren, Bernard Lions belegt das sehr schön in seinem reich bebilderten Standardwerk "1000 camisetas de fútbol".

Fußball: Das Himmelblaue von Uruguay ist immerhin als Krägelchen und Bündchen und als dezenter Schatten auf dem Trikot erhalten.

Das Himmelblaue von Uruguay ist immerhin als Krägelchen und Bündchen und als dezenter Schatten auf dem Trikot erhalten.

(Foto: Puma)

Vielleicht mal mehr hellblau, womöglich babyblau. So sahen sie schon aus im fernen WM-Jahr 1966, als Horacio Federico Troche im Arglosigkeit vortäuschenden Jersey dem guten Uwe Seeler eine satte Ohrfeige verpasste. Fortan war jeder Mensch aus Uruguay im deutschen Volksmund der Uru, mit hinzugedachtem Ausrufezeichen klang das wie ein astreiner Kampfruf.

Fußball: Das Trikot der deutschen Mannschaft, hier probegetragen von Leroy Sané.

Das Trikot der deutschen Mannschaft, hier probegetragen von Leroy Sané.

(Foto: Thomas Boecker/dpa)

Den erhitzten Uru hätte man sich knallrot vorstellen mögen, er war aber hellblau, so wie der Brasilianer dottergelb war und der Deutsche passenderweise schwarz-weiß. Es muss Konstanten geben. Nun aber, da Trikotvorstellungen zu Events geworden sind, dachten sich die Designer von Puma, dass etwas Neues vorgezeigt werden müsse, dieses Neue geistert seitdem durchs Netz, in aller Abscheulichkeit. Im Fall von Uruguay ist das Himmelblaue als Krägelchen und Bündchen und als dezenter Schatten auf dem Trikot erhalten. Aber dominiert wird das Ganze von der Rückennummer, die man neuerdings vorne trägt und verpackt in einem grafischen Element, das an eine App auf dem Smartphone erinnert. Dort leben ja die unablässig drückenden und klickenden jungen Menschen: in ihrem Smartphone. Und womöglich müssen Fußballer inzwischen auch wie Symbole auf einem Handtelefon aussehen, damit sie irgendwie überleben können.

Auch eine berechtigte Frage: Hat diese WM in Katar denn überhaupt schöne Trikots verdient?

Wobei das angeblich vorwärtsgewandte Design auch bei anderen Nationalmannschaften merkwürdig museal wirkt, die Österreicher sind etwa dazu verurteilt, 2022 die berühmte Dalli-Dalli-Wabe auf dem Hemd zu tragen, ein Element aus der Studiodekoration einer Quizshow aus den Siebzigern. Die Österreicher spielen bei der Weltmeisterschaft allerdings gar nicht mit: in vieler Hinsicht ein Glücksfall. Die Schweiz dagegen tritt an und sieht aus wie ein Erste-Hilfe-Koffer, der zu lange in der Sonne gelegen hat. Um es ausnahmsweise mit den Worten eines Twitter-Users zu sagen, er nennt sich EdvonSnack: "Die Puma-Trikots sehen halt einfach aus wie die Lappen, die du üblicherweise an einer belebten Strandpromenade zwischen Mottotassen, überteuerten Sonnenbrillen und Gummitieren kaufen kannst."

Fußball: Immerhin schön grün und farbenfroh: das Trikot des Senegal.

Immerhin schön grün und farbenfroh: das Trikot des Senegal.

(Foto: Puma)

So sehen sie aus, es ist alles wahr und trotzdem kann man noch immer nicht glauben, dass sie ernst gemeint sind. Auf der entsprechenden Website werden sie als Auswärtstrikots ausgewiesen, was bedeuten würde: Die Heimtrikots könnten ganz okay sein. Andererseits: Was einmal in der Welt ist, ist in der Welt. Was sichtbar ist, wenn auch nur als Auswärtstrikot, wird sichtbar bleiben. Und was einmal hellblau war, wird in Zukunft nicht mehr hellblau sein.

Nein, das größte Problem bei der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft in Katar ist nun wirklich nicht die Frage, wie die Shirts aussehen werden, die die Fußballer dort tragen. Und so gesehen, an das Weise im Menschen glaubend, könnte es natürlich auch so gewesen sein, dass die Trikot-Designer gesagt haben: Wenn eine Weltmeisterschaft schon komplett daneben ist, dann soll sie auch komplett daneben aussehen. Das wäre natürlich eine Spitzenpointe.

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