"Katarstimmung":Da geht's zum Flughafen!

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"Katarstimmung": Katarische Fans bei der WM im Stadion.

Katarische Fans bei der WM im Stadion.

(Foto: Franck Fife/AFP)

Die deutschen Spieler sind längst daheim - zum Glück sind die deutschen Reporter noch da. Irgendwer muss die spöttischen Grüße der Katarer ja jetzt mit Würde ertragen.

Glosse von Philipp Selldorf, Doha

Neulich am Shuttlebus vor dem Stadion: Die Tür öffnet sich, und die Leute lassen sich gegenseitig den Vortritt, bis ein Mann aus der Mitte sich drängelnd Raum verschafft und triumphierend ausruft: "Platz da, Marokko hat vier Punkte!" Moment mal, dachten sich da die überrumpelt zur Seite tretenden deutschen Hintermänner: Marokko mag vier Punkte haben - aber wir haben vier WM-Titel! Ausgesprochen hat das allerdings keiner. Als damaliger Tabellenletzter der Gruppe E blieb man lieber in der Deckung.

Inzwischen haben sich die Wege der Marokkaner und der Deutschen bekanntlich getrennt. Die Deutschen sind dort, wo früher immer die anderen waren, wenn das Turnier auf seinen Höhepunkt zusteuerte: längst zu Hause. Die Marokkaner hingegen sind dort, wo die Deutschen über Generationen hinweg zuverlässiger anzutreffen waren als schweizerische Bankbeamte an ihrem Schalter: im Viertelfinale.

Und was tun die unverschämten Kerle? Halten sich die Hand vor den Mund

Für diese Deklassierung dürfen die wenigen in Katar verbliebenen deutschen WM-Korrespondenten nicht viel Mitleid erwarten. Bekommen sie auch nicht. Kürzlich in der U-Bahn: Drei Kinder, kaum älter als zwölf, der Rädelsführer im Real-Madrid-Shirt, werden gewahr, dass die beiden Männer neben ihnen aus dem Land des heimgeschickten Ex-Weltmeisters stammen.

Und was tun die unverschämten Kerle? Halten sich wie Manuel Neuer & Co. die Hand vor den Mund und deuten mit der anderen Hand eine Richtung an: "This way to the Airport!", da geht's zum Flughafen, rufen sie immer wieder - und alle Leute im vollen U-Bahn-Waggon haben ihren Spaß an dem gemeinen Spott.

Jetzt, mit etwas Abstand, kommt einem die Szene unwirklich und wie ein böser Traum vor. Das kann doch nicht passiert sein, das ist doch noch nie passiert. Der Spielplan belegt es dennoch schwarz auf weiß: Marokko sitzt im Bus Richtung Viertelfinale, Deutschland ist nicht mehr an Bord. "Auf Wiedersehen", riefen die drei Kinder in der U-Bahn, aber ihr Abschiedsgruß war nicht von Gastfreundschaft geprägt.

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