WM-Aus für Katar:Zwölf Jahre Vorbereitung, sechs Tage Turnier

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WM-Aus für Katar: Kapitän Hassan al-Haydos bei seiner Auswechslung gegen Senegal.

Kapitän Hassan al-Haydos bei seiner Auswechslung gegen Senegal.

(Foto: Kirill Kudryavtsev/AFP)

Die Mannschaft Katars ist ausgeschieden, als erster Gastgeber der Geschichte schon nach zwei Gruppenspielen. Die Gründe? Vermutlich der hohe Druck, sagt der Kapitän - und hofft wie sein Trainer auf eine Weiterentwicklung.

Von Martin Schneider, Doha

Der Emir hat gejubelt. Nach dem ersten WM-Tor seiner Mannschaft von Mohammed Muntari zeigen Fotos, wie Tamim bin Hamad al-Thani auf der Ehrentribüne beide Fäuste ballt. Sechs Minuten lang hofften er und alle anderen katarischen Fans, dass noch der Ausgleich gegen Senegal gelingt und der Gastgeber doch noch eine theoretische Chance aufs Achtelfinale behält. Dann traf Bamba Dieng zum 1:3, und später am Abend, mit dem Unentschieden zwischen Niederlande und Ecuador, war das Aus amtlich. "Das Ende des Traums", titelte die lokale Zeitung Al-Sharq.

Zwölf Jahre Vorbereitung, dann bleibt man sechs Tage im Turnier und hofft genau für sechs Minuten. Das ist die plakative Zusammenfassung des Auftritts der katarischen Nationalmannschaft. Eine Enttäuschung? Vielleicht. Andererseits: Um enttäuscht zu werden, muss man etwas erwartet haben. Und was von dieser Mannschaft erwartet werden konnte, das war ein voll beabsichtigtes Geheimnis.

Katar schottete sein Team vor dem Turnier ab, Testspiele fanden ohne Kameras statt. Was bekannt war: Katar wurde 2019 Asienmeister, schlug im Finale Japan, das - wie man in Deutschland nun weiß - gar keine so schlechte Mannschaft hat. Auf der anderen Seite spielten alle katarischen Nationalspieler in der katarischen Liga, die kein internationales Niveau hat. Nach den beiden Partien gegen Ecuador und Senegal bleibt nur das Urteil: Auch die Nationalmannschaft hatte dieses Niveau nicht.

Zwar hat Katar nahezu unendliche finanzielle Ressourcen, aber nur drei Millionen Einwohner

Man müsse "überlegen, woher wir kommen", sagte Nationaltrainer Felix Sanchez entschuldigend nach dem Spiel. Er kann das beurteilen. Sanchez ist kein Ad-hoc-Trainer, der schnell für die WM eingekauft wurde, er arbeitet bereits seit 2006, also noch lange vor der WM-Vergabe, als Fußballtrainer in Katar. Wenn einer über die Entwicklung des katarischen Fußballs berichten kann, dann er. Das Aus in der Vorrunde sollte nicht als "Scheitern und Enttäuschung" bezeichnet werden, sagte der 46 Jahre alte Spanier.

Ein aus seiner Sicht nachvollziehbarer Standpunkt, allerdings ist Katar der erste Gastgeber, der nach nur zwei Gruppenspielen das Turnier verlässt. Zwar schaffte das auch in grauer Vorzeit Frankreich beim Turnier 1938, allerdings startete die WM damals direkt mit dem Achtelfinale. Frankreich verlor das Viertelfinale.

WM-Aus für Katar: "Wir wollten weit kommen, doch wir haben Grenzen als Land": Katars Nationaltrainer Felix Sanchez glaubt nicht, dass das Ende der WM auch das Ende der katarischen Fußballentwicklung ist.

"Wir wollten weit kommen, doch wir haben Grenzen als Land": Katars Nationaltrainer Felix Sanchez glaubt nicht, dass das Ende der WM auch das Ende der katarischen Fußballentwicklung ist.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Kapitän Hassan al-Haydos, der vor der WM unter dem Eindruck spielen musste, sich selbst überlebensgroß auf den Hochhauswänden der Skyline zu sehen, entschuldigte sich bei den Fans für die Niederlagen. "So Gott will, werden wir die Fans in den kommenden Turnieren entschädigen", sagte er. Die Gründe für das Ausscheiden? Vermutlich der hohe Druck, sagte al-Haydos.

"Uns war bewusst, wie hart der Wettbewerb ist", sagte Sanchez. "Wir wollten weit kommen, doch wir haben Grenzen als Land." Zwar hat Katar nahezu unendliche finanzielle Ressourcen, aber nur ungefähr drei Millionen Einwohner (weniger als Berlin), davon nur etwa 300 000 Staatsbürger (so viele wie Karlsruhe). Die Regularien für sportliche Einbürgerungen sind beim Weltfußballverband Fifa streng - auch für Katar. Eine konkurrenzfähige Nationalmannschaft zu entwickeln, war letztlich ein Problem, das man nicht nur mit Geld lösen konnte. Hätte Katar eine eigene Klubmannschaft, könnte es sich natürlich ohne Probleme Neymar, Messi und Mbappé auf einmal leisten. Also, rein theoretisch.

Sanchez glaubt indes nicht, dass das Ende der WM auch das Ende der katarischen Fußballentwicklung bedeutet: "Es ist eine Fußballnation, und wir werden weiter Talente ausbilden." Die Infrastruktur dafür ist definitiv da. Neben der riesigen Aspire-Akademie, wo der FC Bayern sein Wintertrainingslager abhält, stehen in Katar nun ja auch mehrere WM-Stadien, die genutzt werden können.

Erstmal spielt Katar im Abschiedsspiel am Dienstag (16 Uhr) gegen die Niederlande, die nach ihrem 1:1 gegen Ecuador die Partie ernst nehmen muss. Für Louis van Gaals Team geht es ums Weiterkommen und um den Gruppensieg, für Katar darum, sich nicht mit einem fatalen Eindruck zu verabschieden. Wobei zumindest in Europa vermutlich weniger der sportliche Auftritt der Nationalmannschaft in Erinnerung bleiben wird als vielmehr jener der Fans, die beim Eröffnungsspiel das Stadion in großer Zahl vor Schlusspfiff verließen.

Im kommenden Jahr, sagte Sanchez, gehe es darum, den Titel des Asienmeisters zu verteidigen. Ein paar ältere Spieler werden aufhören, jüngere Spieler rücken nach, es werde nicht das Ende eines Zyklus sein. Das Turnier findet übrigens in - Trommelwirbel - Katar statt. Allerdings ist noch nicht sicher, ob es wirklich "im kommenden Jahr" stattfindet, wie Sanchez sagte. Das Turnier könnte auch erst im Januar 2024 ausgerichtet werden. Beim eigentlich vorgesehenen Termin im Juni/Juli 2023 ist es in Katar zu heiß zum Fußballspielen.

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