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Fußball-WM: Interview mit Joachim Löw:Löw über den Vergleich Özil/Messi

SZ: Eine kritische Stimme haben wir aber doch gefunden: Jens Lehmann sagt, 2006 sei die Mannschaft defensiv besser organisiert gewesen. Hat er Recht?

WM 2010 - Deutschland - England

Joachim Löw umarmt Mesut Özil, neben Bastian Schweinsteiger der prägenden Spieler der deutschen Elf.

(Foto: dpa)

Löw: Gegen England waren wir sehr gut organisiert, aber gegen Serbien und Ghana hätten wir als Mannschaft besser verteidigen können. Defensiv sind wir sicher nicht über alle Zweifel erhaben, das betrifft aber nicht die Abwehr allein, sondern die ganze Mannschaft.

SZ: Lehmann hat auch gesagt, Mesut Özil sei im Moment besser in Form als Lionel Messi. Stimmen Sie zu?

Löw: Da kann ich nicht zustimmen. Die beiden kann man noch nicht vergleichen. Messi spielt beim fußballerisch wohl besten Verein der Welt und vor allem: Er spielt schon über Jahre auf diesem Niveau. Auch wenn er bei dieser WM noch nicht so zur Geltung kam wie in Barcelona: Von ihm geht im argentinischen Spiel alles aus. Und er hat bei dieser WM die meisten Assists von allen.

SZ: Wird Özil mal so gut wie Messi?

Löw: Wohin es mal geht bei ihm, kann man nicht voraussagen, aber es macht einfach Freude, ihm zuzuschauen. Mesut ist einer, der die einfachen Dinge perfekt beherrscht. Vieles macht er mit einer angeborenen Selbstverständlichkeit: Er nimmt den Ball in die richtige Richtung mit, weg vom Gegner, hin zum Tor. Er hat ein ausgeprägtes Orientierungsvermögen - so wie es einst Zinedine Zidane hatte und so wie es heute auch Lionel Messi hat. Mesut sieht und spürt die richtige Lösung.

SZ: Sie schwärmen ja richtig.

Löw: Ja, schauen Sie sich doch mal seine Vorlage bei unserem vierten Tor gegen England an: Er spielt den Ball im richtigen Moment dem Engländer durch die Beine, aber der Ball kommt nicht zu hart und zu weich, nicht zu kurz und nicht zu weit. Und alles sieht ganz leicht und einfach aus. Das ist die Genialität von Mesut Özil.

SZ: Ist er der begabteste Spieler, den Sie je trainiert haben?

Löw: Er muss schon noch einiges lernen. Er muss mal lernen, eine gewisse Konstanz zu zeigen, auch im Defensivverhalten muss er besser werden. Und auch bei meinem Lieblingsthema "spielen und gehen" hat er viel Luft nach oben, er ist da auch so ein Kandidat: In Bremen war es oft so, dass er einen genialen Pass gespielt hat, aber danach war das Spiel für ihn vorübergehend beendet. Aber Mesut macht enorme Fortschritte, er lernt - er macht das schon viel besser als vor fünf, sechs Monaten.

SZ: Ist es Ihnen eigentlich recht, dass Bastian Schweinsteiger die große Argentinien-Debatte angezettelt hat? Hält Ihre junge Mannschaft die Wucht dieser Debatte schon aus?

Löw: Es ist schon so, dass die Argentinier manchmal am Rande der Legalität spielen. Das sind aggressive Spieler, die den Zweikampf und den Körperkontakt lieben, sie fühlen sich dem Gegner auch körperlich überlegen. Damit reizen sie den Gegner gerne, da gibt es schon mal die eine oder andere Provokation. Darauf müssen wir uns diesmal auch wieder einstellen. Aber meine Mannschaft ist eigentlich keine, die sich von so etwas provozieren lässt. Die sind viel zu konzentriert auf ihre Aufgabe.

SZ: Nimmt man die hymnischen Kritiken für Ihre Mannschaft zum Maßstab, dann könnten Sie eigentlich selbst im Falle einer ehrenvollen Niederlage gegen Argentinien gleich zum Feiern ans Brandenburger Tor fliegen.

Löw: So weit haben wir noch nicht gedacht, bisher ist noch nichts geplant . . .

SZ: . . . aber ist es nicht so, dass Sie mit dieser jungen Mannschaft und ohne Michael Ballack eine Art Mindestziel schon jetzt erreicht haben?

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