Fußball-WM 2018 in Russland Wladimir und der Wolf

"Maskottchen sind großartige Werbeträger für die WM und sorgen in den Stadien für einen Riesenspaß", sagte Ronaldo bei der Vorstellung von Zabivaka, doch das stimmt fast nie.

(Foto: AP)

Die Erwartungen Russlands an Zabivaka, das Maskottchen der Fußball-WM 2018, sind hoch. Immerhin haben sie ihm für seine Mission eine Hose angezogen.

Von Martin Schneider

Das beste Maskottchen der vergangenen Jahre - da gibt es nichts zu diskutieren - war Berlino. Berlino war der Bär der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin und überzeugte in mehreren Punkten. Berlino trug eine Hose, Berlino feuerte die Zuschauer an, Berlino jubelte mit den Sportlern. Berlino war fröhlich, aber nicht peinlich, präsent, aber nicht aufdringlich, er war als Bär konzipiert und auch als Bär erkennbar. Berlino hat die Anforderungen an ein Maskottchen stets zur vollsten Zufriedenheit erfüllt.

Das ist der Maßstab, an dem sich Zabivaka orientieren muss. Zabivaka ist ein Wolf, er trägt eine Skibrille, ein weißes Shirt mit blauen Ärmeln und eine Hose, eine rote, um genau zu sein. Sein Name bedeutet, frei aus dem Russischen übersetzt, "kleiner Torschütze". Zabivaka ist das offizielle Maskottchen der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland.

Er setzte sich in einer großen Maskottchen-Abstimmung mit 52,8 Prozent gegen eine Katze (23 Prozent) und gegen einen Tiger im Raumanzug (27 Prozent) durch. Am Freitagabend stellten Russlands Sportminister Witali Mutko und Ronaldo ihn vor. Der rundliche, der brasilianische Ronaldo wohlgemerkt, der nach seiner Karriere noch rundlicher wurde und, weil er stets fröhlich ist, selbst ein bisschen maskottchenhaft wirkt. "Maskottchen sind großartige Werbeträger für die WM und sorgen in den Stadien für einen Riesenspaß", sagte Ronaldo, doch das stimmt fast nie.

Wer erinnert sich noch an Ato, Kaz und Nik?

Die Geschichte der Fußball-Maskottchen ist zum großen Teil eine traurige. Ronaldo versicherte zwar, dass das Dreibinden-Gürteltier Fuleco der WM in Brasilien sein Lieblingsmaskottchen sei, aber man erinnert sich an das blau-gelbe Nebengelenktier höchstens noch, weil es halt noch nicht so lange her ist. Bei Zakumi, dem Maskottchen der WM in Südafrika, muss man schon googeln, um wieder zu wissen, dass das ein Leopard mit grünen Haaren war. Wer Ato, Kaz und Nik noch kennt, der ist entweder aus Südkorea oder aus Japan oder in der Lage, eine Maskottchen-Enzyklopädie zu schreiben.

Der WM-2006-Löwe Goleo, hochoffiziell übrigens Goleo VI, ist indes der Grund, warum das mit der Hose bei Maskottchen wichtig geworden ist. Ja, schon richtig, Löwen tragen für gewöhnlich keine Hosen. Aber Goleo trug nunmal leider ein Trikot und Schuhe. Also jedes elementare Kleidungsstück außer der Hose. So etwas macht einen Unterschied. Das Maskottchen der Olympischen Spiele in München 1972 war ein komplett unbekleideter, bunter Dackel namens Waldi und niemand hat sich je über Waldi aufgeregt.

Mit der Zeit haben sich Tiere als Maskottchen durchgesetzt. Versuche mit einer Orange in Fußballschuhen (Naranjito, Spanien 1982), einer Schnauzbart-Jalapeno-Chili (Pique, Mexiko 1986) oder mit einem bunten Klotzgebilde (Ciao, Italien 1990) scheiterten. Und als die Franzosen bei der EM 2016 wieder auf ein Männchen setzten, gaben sie ihm den Namen "Super Victor". Das Problem daran: Wenn man "Super Victor" im Sommer googelte, zeigte die Suchmaschine unter anderem einen gleichnamigen Dildo. Jetzt zeigt Google bei gleicher Suche hauptsächlich Artikel, die darüber berichten, was Google während der EM für Seiten anzeigte, wenn man nach "Super Victor" suchte. Das Internet ist zuweilen seltsam.

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Für den Wolf wird es schwer

Schlüpfrige Missverständnisse drohen bei Zabivaka - Stand heute - nicht. Der Suchmaschinen-Test liefert auf Deutsch zumindest keine ungewöhnlichen Ergebnisse. Aber auch unter perfekten Bedingungen wird es für den Wolf schwer. "Offizielle Maskottchen spielen eine immer wichtigere Rolle im FIFA World Cup ™, sie repräsentieren die spaßige Seite des Events", schreibt der Weltfußballverband im spaßigen Behördensprech auf seiner offiziellen Maskottchen-Seite.

Und Witali Mutko stellte direkt klar, dass gewöhnliche Maskottchen-Aufgaben für ein russisches Maskottchen nicht genug sind: Zabivakas Rolle gehe "weit darüber hinaus, nur beliebt bei den Zuschauern zu sein", lässt sich der Sportminister zitieren. "Unser Maskottchen soll die Fans inspirieren, die gesamte Bevölkerung mit einbinden und sie in die Stadien einladen, damit sie unvergessene und positive Momente erleben", sagt Mutko. Mutkos Chef Wladimir Putin lebt mit seinem Foto-Kalender für das kommende Jahr - Motive sind unter anderem: Putin mit Kätzchen, Putin oben ohne beim Angeln, Putin in Camouflage beim Reiten - gerade vor, wie man das macht: die gesamte Bevölkerung inspirieren, einbinden und ihr unvergessene und positive Momente bescheren.

Zabivaka ist also ein Wolf mit einer großen Aufgabe. Er soll alles schaffen und später nicht auf dem Friedhof der offiziellen Kuscheltiere landen. Immerhin trägt er bei seiner Mission eine Hose.