Fußball-WM in Brasilien:Zähes Fleisch gegen zähes Fleisch

Fest steht, die rote Karte machte die Vorstellung für neutrale Beobachter nicht uninteressanter. Als ein stimmungsvolles Endspiel ums Überleben war diese Partie angekündigt worden. Da gab es nicht nur viel zu gewinnen, sondern auch viel zu verlieren. Und das sah man dieser Partie lange Zeit an. Es trafen sich zwei Teams, die selber nicht so genau wussten, wo sie eigentlich standen, weil sie beide England geschlagen und gegen Costa Rica verloren hatten. In jedem Fall war es aber auch: zähes Fleisch gegen zähes Fleisch. Kein Tag für Zirkuspferdchen.

Nachdem beide Seiten ihre hymnischen Schlachtengesänge herausgebrüllt hatten, lieferten sich 22 Männer, die alle guckten, als hätten sie Messer zwischen den Zähnen, ein Spiel, das weh tat. Weil es weh tun musste. Unten gab es auf die Knochen, in der Mitte wurde gebissen, von oben brannte die Sonne.

Meteorologen haben errechnet, dass Italien das wärmste Vorrundenprogramm aller WM-Teilnehmer zu bestreiten hatte: Manaus, Recife und zum Abschluss noch die Mittagshitze in Natal. Aber ob sie deshalb bestens akklimatisiert und vorzeitig entkräftet waren, das haben die Meteorologen leider nicht mitgeteilt.

Im Fall von Stürmer Mario Balotelli deutete sich an, dass die zweite Hypothese stimmen könnte. Gleich nach dem ersten Sprint zwickte der Oberschenkel. Zumindest bis zur Halbzeit kämpfte er sich noch durch. In seiner nächsten Aktion sprang er Alvaro Pereira in den Rücken und sah Gelb.

Das kleine Uruguay musste bekanntlich gewinnen für sein großes Ziel, sich im Achtelfinale nicht erholen zu dürfen. Die dreiteilige Strategie von Trainer Óscar Tabarez sah daher offensichtlich so aus: von hinten Fernschüsse abgeben, in der Mitte auf Zufälle hoffen, vorne zuschlagen. Die Fernschüsse waren eher putzig als gefährlich. Ganz im Gegensatz zu dem in jeder Hinsicht bissigen Angreifer Luis Suárez und seinem athletischen Edelhelfer Edinson Cavani.

Sie werden nicht umsonst "El Pistolero" und "El Matador" genannt, und nach Marchisios Platzverweis wurden sie vor Buffons Tor zu einer stetig wachsenden Bedrohung. Es ist eine hübsche Pointe, dass es der sonst eher torungefährliche Verteidiger Diego Godín von Atlético Madrid war, der schließlich aus einem recht harmlos wirkenden Eckball ein Tor für die Ewigkeit machte.

Italien hat eigentlich auch zwei Stürmer mit gutem Leumund. Neben Mario Balotelli war diesmal auch der Torschützenkönig der Serie A, der künftige Dortmunder Ciro Immobile auf dem Feld. Angeblich. Gesehen hat man von ihm herzlich wenig. Selbst das versuchte sich Prandelli am Ende selbst anzukreiden. "Wenn wir keine Torchancen hatten, übernehme ich selbstverständlich die Verantwortung", sagte er.

Für die Italiener war es ein Entscheidungsspiel mit zwei von drei Ergebnismöglichkeiten. Und so spielten sie auch - im Vertrauen auf die Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Dass es der Wahrscheinlichkeit nach unter der Mittagssonne offenbar ein bisschen zu heiß war, war halt ungünstig.

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