Fußball-WM in Brasilien:Uruguay rammt Italien raus

Uruguay's Diego Godin heads the ball to score a goal against Italy during their 2014 World Cup Group D soccer match at the Dunas arena in Natal

Das entscheidende Tor: Diego Godín zum 1:0 für Uruguay.

(Foto: REUTERS)

Der Weltmeister von 2006 scheitert zum zweiten Mal in Serie in der Vorrunde einer WM. Uruguay liefert Italien ein zähes Duell bei strapaziösen Bedingungen. Diego Godín rückelt das entscheidende Tor - und sorgt für die Kündigung von Italiens Nationaltrainer Prandelli.

Von Boris Herrmann, Natal

Kann man mit dem Rücken köpfeln? Und müsste es dann nicht eher rückeln heißen? Das ist eine Frage, die noch nicht beantwortet ist. Aber den Italienern kann es jetzt eigentlich auch egal sein, ob sie aus dem Turnier geköpfelt oder gerückelt wurden. Fest steht, Uruguays Kapitän und Abwehrrecke Diego Godín hat in der 81. Minute ein Tor erzielt. Und das hätte nicht fallen dürfen aus italienischer Sicht.

Der Weltmeister von 2006 ist nach dem 0:1 zum zweiten Mal in Serie in der Vorrunde einer WM ausgeschieden. Das stets erstaunliche Uruguay hat sich dagegen wieder einmal selbst erstaunt und folgt Costa Rica als zweiter vermeintlicher Außenseiter einer sogenannten Todesgruppe ins Achtelfinale. Costa Rica reichte ein 0:0 gegen England zum Gruppensieg.

Italiens Fußball aber steht plötzlich vor einem Umbruch ungeahnten Ausmaßes. Nationaltrainer Cesare Prandelli reichte unmittelbar nach dem Schlusspfiff seine Kündigung ein. Erst im Mai hatte der 56-Jährige seinen Vertrag bis 2016 verlängert. Italiens Verbands-Präsident Giancarlo Abete bat Prandelli vor versammelter Weltpresse darum, die Entscheidung noch einmal zu überdenken - ehe er seinerseits zurücktrat.

Prandelli erweckte keineswegs den Eindruck, als ob es an seiner Entscheidung noch etwas zu diskutieren gäbe. "Wenn die Strategie versagt, ist der Trainer verantwortlich", sagte er. Seine Strategie war es offenbar gewesen, Italiens Erfahrungswerte als die Meister der Ergebnisverwaltung auszuspielen.

Seine Mannschaft setzte darauf, dass ein gutes italienisches Pferd nur so hoch hüpft, wie es hüpfen muss. Und dieses Mal musste es ja praktisch gar nicht hüpfen, sondern einfach nur im Stall stehen bleiben. Ein 0:0, wenn man ein 0:0 braucht, darauf können manche Teams hoffen. Italien kann darauf spielen. Eigentlich. "Das war heute kein Sieger-Plan", räumte Prandelli ein.

Dabei sah es lange wie ein Sieger-Plan aus. Eine Stunde lang hatten die Italiener ihre Gegner recht gut im Griff. Erstaunlich gut sogar. "Es war ein gut ausbalanciertes Spiel mit mehr Ballbesitz für uns", sagte Prandelli. Was er offenbar nicht einkalkuliert hatte: Im Fußball werden selbst italienische Verwaltungshengste manchmal von unvorhersehbaren Ereignissen überrascht.

Als die erste Stunde vorüber war, hatte Italiens Mittelfeldspieler Claudio Marchisio nach einem Zweikampf mit dem Schienbein von Egidio Arévalo plötzlich eine rote Karte vor der Nase. Sein Foul sah schlimmer aus, als es vermutlich gemeint war. Aber Schiedsrichter Marco Rodríguez ließ sich auch vom bellenden italienischen Torwart Gianluigi Buffon nicht mehr umstimmen. Marchisio musste raus. Prandelli nahm ansonsten alle Schuld ehrenhaft auf sich, aber mit dieser Entscheidung war auch er nicht einverstanden.

"Das war ein Spiel, das keine rote Karte verdient gehabt hätte. Wegen dieser Karte hat plötzlich ein zweites Spiel begonnen", sagte er. So kann man es sehen. Uruguays Trainer Óscar Tabarez sah es lieber so: "Wir haben in Überzahl unsere Strategie verändert und das Spiel weiter nach vorne verlagert."

Zähes Fleisch gegen zähes Fleisch

Fest steht, die rote Karte machte die Vorstellung für neutrale Beobachter nicht uninteressanter. Als ein stimmungsvolles Endspiel ums Überleben war diese Partie angekündigt worden. Da gab es nicht nur viel zu gewinnen, sondern auch viel zu verlieren. Und das sah man dieser Partie lange Zeit an. Es trafen sich zwei Teams, die selber nicht so genau wussten, wo sie eigentlich standen, weil sie beide England geschlagen und gegen Costa Rica verloren hatten. In jedem Fall war es aber auch: zähes Fleisch gegen zähes Fleisch. Kein Tag für Zirkuspferdchen.

Nachdem beide Seiten ihre hymnischen Schlachtengesänge herausgebrüllt hatten, lieferten sich 22 Männer, die alle guckten, als hätten sie Messer zwischen den Zähnen, ein Spiel, das weh tat. Weil es weh tun musste. Unten gab es auf die Knochen, in der Mitte wurde gebissen, von oben brannte die Sonne.

Meteorologen haben errechnet, dass Italien das wärmste Vorrundenprogramm aller WM-Teilnehmer zu bestreiten hatte: Manaus, Recife und zum Abschluss noch die Mittagshitze in Natal. Aber ob sie deshalb bestens akklimatisiert und vorzeitig entkräftet waren, das haben die Meteorologen leider nicht mitgeteilt.

Im Fall von Stürmer Mario Balotelli deutete sich an, dass die zweite Hypothese stimmen könnte. Gleich nach dem ersten Sprint zwickte der Oberschenkel. Zumindest bis zur Halbzeit kämpfte er sich noch durch. In seiner nächsten Aktion sprang er Alvaro Pereira in den Rücken und sah Gelb.

Das kleine Uruguay musste bekanntlich gewinnen für sein großes Ziel, sich im Achtelfinale nicht erholen zu dürfen. Die dreiteilige Strategie von Trainer Óscar Tabarez sah daher offensichtlich so aus: von hinten Fernschüsse abgeben, in der Mitte auf Zufälle hoffen, vorne zuschlagen. Die Fernschüsse waren eher putzig als gefährlich. Ganz im Gegensatz zu dem in jeder Hinsicht bissigen Angreifer Luis Suárez und seinem athletischen Edelhelfer Edinson Cavani.

Sie werden nicht umsonst "El Pistolero" und "El Matador" genannt, und nach Marchisios Platzverweis wurden sie vor Buffons Tor zu einer stetig wachsenden Bedrohung. Es ist eine hübsche Pointe, dass es der sonst eher torungefährliche Verteidiger Diego Godín von Atlético Madrid war, der schließlich aus einem recht harmlos wirkenden Eckball ein Tor für die Ewigkeit machte.

Italien hat eigentlich auch zwei Stürmer mit gutem Leumund. Neben Mario Balotelli war diesmal auch der Torschützenkönig der Serie A, der künftige Dortmunder Ciro Immobile auf dem Feld. Angeblich. Gesehen hat man von ihm herzlich wenig. Selbst das versuchte sich Prandelli am Ende selbst anzukreiden. "Wenn wir keine Torchancen hatten, übernehme ich selbstverständlich die Verantwortung", sagte er.

Für die Italiener war es ein Entscheidungsspiel mit zwei von drei Ergebnismöglichkeiten. Und so spielten sie auch - im Vertrauen auf die Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Dass es der Wahrscheinlichkeit nach unter der Mittagssonne offenbar ein bisschen zu heiß war, war halt ungünstig.

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