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Fußball-WM in Brasilien:Furchterregendes Rahmenprogramm

2014 soll es härter zugehen. Zu den Bürgerkomitees gesellen sich nun Autonomen-Gruppen, dazu Ninjas, Hobbyjournalisten, die überall mit der Videokamera zugange sind. Auch bei Polizeiaktivitäten. Ja, sogar die organisierte Kriminalität hat ihre krude Entschlossenheit übermittelt, das WM-Thema zu besetzen: Kürzlich drohte das Primeiro Comando da Capital (PCC/Erstes Hauptstadt-Kommando) mit Anschlägen. Die Tausende zählende, rund um den Moloch São Paulo tätige Drogengang kündigt eine "WM des Terrors" an, wenn ihre diversen Forderungen nicht erfüllt werden.

Wo Deeskalation gefragt wäre, zeichnet sich ein furchterregendes Rahmenprogramm ab. Hier die martialisch aufgerüsteten Robocops der Staatsgewalt in Panzerwagen. Bundes- und Militärpolizisten, die den Umgang mit zivilem Ungehorsam nie gelernt haben; und die ihre Arbeit jetzt, anders als bei Großeinsätzen in den Favelas, vor den TV-Kameras der Welt und den Videocams ihrer Mitbürger verrichten müssen. Dort ein wachsendes Potenzial an empörten Bürgern, im explosiven Mix mit jungen Leuten, die für die WM trainieren: Straßenkampf, Umgang mit der Gasmaske.

Fußball-WM Mit "Brazuca" ins WM-Finale
Ball für Brasilien

Mit "Brazuca" ins WM-Finale

Er ist bunt, soll an die brasilianischen Glücksarmbänder erinnern und heißt "Brazuca": Die Fifa hat den WM-Ball präsentiert, Bastian Schweinsteiger und Lionel Messi haben ihn bereits getestet.

Es wird Unruhen geben, davon ist auch Romário überzeugt. Das Chaos sei nicht aufzuhalten, sagt Brasiliens WM-Held von 1994, der heute als Abgeordneter der Sozialistischen Partei den Sportausschuss in Brasília lenkt. Fast jede Woche greift Romário de Souza Faria die Regierung von Staatschefin Dilma Rousseff an, ob ihrer servilen Nähe zur Fifa. Die Funktionäre "füllen sich nur die Taschen", schimpft er und klagt, heute regiere die Fifa Brasilien. "Sie zahlt keine Steuern und sackt den Profit ein." Auch Mitstreiter Afonso Morais glaubt, die Proteste zielten auf die Liaison der Regierung mit der Fifa: "Den Leuten wurde erzählt, dass die WM großenteils privat finanziert werde. Alles ist eine große Lüge."

So wirkt die WM ganz direkt auf die Herrschaft in Brasília ein. Drei Monate danach sind Wahlen, Rousseff tritt wieder an. Ihre Strategie war es bisher, Bürgergruppen anzuhören - "aber echte Maßnahmen gegen die Probleme hat nicht getroffen", sagt Gaffney. "Ihre Wiederwahl hängt hauptsächlich davon ab, ob es eine ,gute' WM wird." Gut wäre, wenn das Sicherheitskonzept funktioniert wie beim Confed-Cup, findet die Fifa. Noch besser für Rousseff wäre, wenn Brasilien gewinnt.

Für den angehenden Volkstribun Romário indes, sagt Morais, sei jetzt schon klar, dass weder WM noch Olympia das vom Sport gern priesterlich versprochene Erbe für die Bevölkerung hinterlässt. Romário stellt sich darauf ein, die Scherben wegkehren zu müssen. Nach den Spielen in Rio will er in der Stadt als Bürgermeister antreten.

Aber vorher wartet die Ochsentour. "Zur Auslosung am Freitag erwarten wir Proteste in Großstädten und eine große Versammlung am Maracanã-Stadion", so Aktivist Gaffney. An Bahias Stränden werde es ruhig bleiben. "Das ist weit weg von den urbanen Zentren, das haben die Organisatoren wohl so bedacht."