Süddeutsche Zeitung

Fußball-WM in Brasilien:Partycrasher Ochoa wurmt den Gastgeber

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Dieses Mal kann auch der Schiedsrichter nicht helfen: Brasilien verzweifelt im zweiten Gruppenspiel am mexikanischen Torwart. Am Ende haben die Gastgeber sogar noch Glück, dass es beim torlosen Unentschieden bleibt.

Am Ende hallten Pfiffe durch das Estádio Castelão von Fortaleza: Die brasilianischen Fans waren enttäuscht vom 0:0 ihrer Mannschaft gegen Mexiko im zweiten Vorrundenspiel. Mit einem Sieg hätte die Seleção die Achtelfinalteilnahme ja bereits sicher gehabt und ihren Landsleuten einen weiteren Grund zum Feiern gegeben. Nun muss sie das nachholen im letzten Spiel gegen Kamerun.

Die Mexikaner scheinen sich zu Angstgegnern für Brasiliens Fußballer zu entwickeln - in den vergangenen 15 Jahren haben sie von den nun 16 Vergleichen bloß vier gewonnen.

Bis auf eine Ausnahme waren beide Mannschaften mit der selben Elf in die Partie gegangen wie bei ihrem jeweils ersten WM-Auftritt. Die Ausnahme war Brasiliens Offensivkraft Hulk, der sich im Training am Oberschenkel verletzt hatte und nicht mehr rechtzeitig fit geworden war. Für den Mann von Zenit St. Petersburg kam der beim FC Chelsea beschäftigte Ramires. Das bedeutete, dass Bayern Münchens Innenverteidiger Dante erneut nur auf der Bank saß und Luiz Gustavo vom VfL Wolfsburg der einzige Bundesliga-Profi in Brasiliens Startelf war. Er sollte im defensiven Mittelfeld seine Abwehrkollegen absichern.

Die 60 000 Zuschauer im Estádio Castelão hatten wie schon im Eröffnungsspiel in São Paulo die brasilianische Nationalhymne, nun ja, nicht gesungen, sondern geschmettert und gebrüllt, noch lange nachdem die Musik verklungen war. In Fortaleza hatte diese Art des inbrünstigen Nationalismus vor einem Jahr angefangen, beim Confederations Cup, als die Seleção auf dem Weg zum Turniergewinn die Mexikaner ebendort 2:0 besiegte, einer der wenigen Erfolge in jüngerer Zeit.

1,83 Meter plus Fingerspitzen

Auch diesmal wollte sich Brasiliens Auswahl vom Gebrüll der 60 000 zum Sieg treiben lassen, sie begann druckvoll, zwang die Mexikaner in den ersten zwanzig Minuten immer wieder zu Fehlpässen und Ballverlusten, ohne jedoch zu einer Chance zu kommen. Die erste gute Gelegenheit hatten sogar die Mexikaner durch einen Fernschuss von Héctor Herrera, den Júlio César noch über die Latte lenkte (24.). Mexiko probierte es generell, mit Weitschüssen zum Erfolg zu kommen, denn recht nahe ans Tor ließ Brasiliens Defensive um Kapitän Thiago Silva sie nicht herankommen.

Dafür näherten sich die Brasilianer nun häufiger dem von einer Fünfer-Abwehrkette verteidigten Strafraum des Gegners; sie drangen auch mehrmals hinein. Neymar zwang mit einem Kopfball aus acht Metern Mexikos eher klein geratenen Torhüter Guillermo Ochoa zu einer Glanztat: Der musste seine 1,83 Meter schon komplett ausdehnen und dazu Arme und Fingerspitzen strecken, um den Ball noch vor der Linie abzulenken.

Kurz vor der Pause bewahrte Ochoa sein Team ein weiteres Mal vor einem Rückstand, als nach einem Freistoß der Ball zum frei am Fünfmeterraum stehenden Paulinho geprallt war - Ochoa warf sich gerade noch dazwischen.

Zur zweiten Halbzeit brachte Brasiliens Trainer Luiz Felipe Scolari dann den Mittelfeldspieler Bernard für Ramires ins Spiel, der dem Spiel keinen Impuls geben konnte. Bernard hingegen sorgte gleich für Gefahr, als er nach einem Konter eine Flanke von rechts scharf in den Strafraum schlug - wo Maza dann gerade noch per Kopf vor dem heraneilenden Neymar klärte (48.).

So richtig Schwung in Brasiliens Angriffsspiel kam aber erst, als Trainer Scolari auch noch Fred vom Feld nahm, den einzigen nominellen Stürmer und den einzigen Akteur seiner Startelf, der tatsächlich in Brasilien spielt. Der 30-Jährige hatte mit seiner für einen Brasilianer erstaunlich unbeholfenen Ballannahme und Ballbehandlung immer wieder Konter der Mexikaner eingeleitet und also ein Sicherheitsrisiko dargestellt, zumal seine Kollegen aus der Verteidigung immer weiter aufrückten.

Nach 68 Minuten kam also Jo für Fred, es war ein positionsgetreuer Wechsel: ein Stürmer für einen Stürmer, ein Profi von einem einheimischen Klub (Atletico Minero) für einen Profi von einem einheimischen Klub (Fluminense). Jo war kaum eine Minute im Spiel, als er Brasiliens bis dahin größte Chance vorbereitete - doch erneut scheiterte Neymar an Ochoa, diesmal mit einem Schuss an dessen Hüfte.

Schwalbe zum Schluss

Immer wieder stand dieser Ochoa vom französischen Erstliga-Absteiger AC Ajaccio den Brasilianern im Weg. Zum Beispiel, als er einen Pass von Neymar auf Jo ablief. Oder als Thiago Silva aus fünf Metern einen Kopfball mit Wucht genau auf den 28-Jährigen donnerte, der in diesem Fall allerdings kaum ausweichen konnte.

Guillermo Ochoa brachte die Brasilianer derart zur Verzweiflung, dass sie es am Schluss sogar mit dem Mittel probierten, das ihnen gegen Kroatien letztlich zum Sieg verholfen hatte: mit einer Schwalbe im Strafraum. Weil Fred ja schon draußen war, ließ sich diesmal Marcelo fallen, als ihn der eingewechselte Raul Jimenez touchierte. Doch diesmal fiel der Schiedsrichter, der Türke Cüneyt Çakır, nicht darauf herein. Im Eröffnungsspiel hatte der Japaner Yuichi Nishimura einen umstrittenen Strafstoß gegeben, den Neymar zum wegweisenden 2:1 verwandelte.

Auch Mexikos Auftakt gegen Kamerun (1:0) war von einer schwachen Schiedsrichterleistung geprägt gewesen, der Kolumbianer Wilmar Roldán hatte den Mexikanern zwei Tore von Giovani dos Santos wegen vermeintlichen Abseits fälschlicherweise verweigert. Diesmal gab es nichts auszusetzen an der Leistung des Unparteiischen. Was heißt: Die Brasilianer müssen sich ihre Siege schon selbst erarbeiten.

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Quelle:
SZ vom 18.06.2014
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