Uruguay-Pleite gegen Costa Rica:Drei Watschn für die Himmelblaue

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Joel Campbell zelebriert seinen Ausgleichstreffer.

(Foto: AFP)

Außenseiter Costa Rica verhagelt Uruguay mit einem furios erspielten 3:1 den WM-Start. Einem uruguayischen Sensenmann zeigt der deutsche Schiedsrichter Felix Brych die erste rote Karte des Turniers.

Von Jonas Beckenkamp

Wer im Fußball-Geschichtsunterricht aufgepasst hat, weiß es natürlich längst: Uruguay ist bei weitem keine Busfahrernation - das kleine Land am Rio de la Plata verfügt über eine stattliche Erfolgsbilanz bei Turnieren von Bedeutung. Zweimal gewann die "Celeste" (die Himmelblaue) die WM, dazu baumelte zweimal olympisches Gold um die Hälse der uruguayischen Spieler. Das Problem: Es ist alles schon so lange her, dass sich außer echten Aficionados kaum mehr jemand daran erinnert. Die Olympiasiege trugen sich 1924 und 1928 zu, Weltmeister-Ehren heimsten die Männer aus dem grünen Idyll 1930 und 1950 ein.

64 Jahre später bündeln sich die Hoffnungen auf erneute Heldentaten nun auf ein strapaziertes linkes Knie. Jenes Körperteil von Stürmer Luis Suárez trieb in den Wochen vor der WM in Brasilien eine ganze Nation um. Kann der Torschützenkönig der englischen Premier League überhaupt mitmachen? Könnte er notfalls humpelnd Tore erzielen? Wie erholt er sich von seiner Operation?

Die Antwort lautete pünktlich zum ersten Auftritt der "Urus" gegen Costa Rica: Suárez lebt, er erfreut sich passabler Gesundheit - aber er wurde gegen den Außenseiter aus Mittelamerika noch geschont.

Angesichts der weiteren Gegner England und Italien war diese Maßnahme von Trainer Oscar Tabárez durchaus nachvollziehbar. Und es ist ja auch nicht so, als hätte er sonst nur Einbeinige zu Verfügung. Doch vielleicht hätten die Uruguayer ihren Besten gebraucht - ihr Auftaktmatch ging nämlich gründlich daneben.

Wäre das mit Suarez auch passiert?

In Fortaleza sorgte an diesem Abend voller Kuriositäten Costa Rica für die nächste Überraschung dieses Turniers. Die Costaricaner überrumpelten die Mini-Gauchos mit einem 3:1 (0:1), bei dem Joel Campbell (54. Minute) und Oscar Duerte (57.) binnen weniger Minuten Edinson Cavanis Führung (24.) umbogen, ehe Marcos Ureña noch erhöhte (84.). Der fußballerische Winzling Costa Rica besiegt Uruguay - ja, sowas gibt es bei dieser WM und es stellt sich die Frage: Wäre das mit Suárez auch passiert?

Während der Mann vom FC Liverpool seinen maladen Knochen auf der Bank eine letzte Erholungsphase gönnte, bildeten diesmal seine Kollegen Cavani und Diego Forlán die Angriffsformation der Uruguayer. Keine ganz schlechte 1B-Variante, schließlich war Ersterer den Scheichs von Paris St. Germain vor einem Jahr 64 Millionen Euro wert, während Letzterer immerhin zum besten Spieler der WM 2010 gewählt wurde.

Cavani stellte die "Ticos" auch gleich vor Probleme: Wo immer er sein imposantes Kreuz hin bewegte, entstand Gefahr. Zum Beispiel nach 16 Minuten, als er nach einem Kerzenball frei vor dem Tor auftauchte und nur knapp daneben schoss. Weil sich bei Costa Rica Wackelpässe mit anderen Kalamitäten in der Defensive abwechselten, entwickelte sich eine Partie, die meist in eine Richtung trudelte: Hin zum Gehäuse des Außenseiters.

Technische Pannen aller Art

Uruguay rannte zwar nicht pausenlos an, zeigte aber die strukturierteren Angriffe. Als eine weite Freistoßflanke zu Kapitän Diego Lugano unterwegs war, purzelte der plötzlich unsanft auf die Nase. Der in Mainz aktive Costaricaner Junior Díaz hatte einen grotesken Ringergriff angewendet, den der deutsche Referee Felix Brych korrekterweise ahndete. Es gab Elfmeter, Cavani erklärte die Gelegenheit zur Chefsache und verwandelte resolut (24.) zum 1:0.

Die Überlegenheit der Südamerikaner stand nun auch in Form von Zahlen auf der Anzeigetafel. Die Partie war weiterhin nicht unbedingt ein Glanzstück, doch sie blieb umkämpft und Costa Rica durfte sogar zweimal luftig angreifen. Erst prügelte der junge Angreifer Joel Campbell ein Torpedo-Geschoss aus 30 Metern knapp vorbei, dann versuchte sich Alvaro Gonzalez nach einem Freistoß aus dem allgemeinen Gestocher.

Die größte Attraktion der "Ticos" blieb jedoch ein Mann, den allein sein Name auszeichnete: Mittelfeldrenner Yeltsin Tejeda. Auf jogo bonito verzichteten beide Teams großzügig - das Geschehen prägten vielmehr technische Pannen aller Art.

Mal versprang die Kugel, dann kullerten simpelste Zuspiele zum Gegner, im Fall von Costa Rica bewährte sich zudem die Kerze als Stilmittel. Schön sah das selten aus, zumal hier wie da auch Sinn fürs grobe Grätschwerk herrschte. Aber irgendwie bissen sich die Costa Ricaner immer mehr hinein.

Uruguayischer Untergang

Einen Kopfball aus kürzester Distanz von Abwehrmann Duarte konnte Uruguays Keeper Fernando Muslera gerade noch abwehren, doch in der 55. Minute war er tatsächlich machtlos: Ein himmelhoher Flankenball flitzte über alle Köpfe hinweg und landete genau vor den Füßen von Campbell. Dessen linker Hieb sauste mit geradezu deutscher Geradlinigkeit ins Tor - es stand 1:1 und Uruguay wunderte sich arg.

Es sollte nicht der letzte verwirrende Moment für den Favoriten sein. Nur wenige Momente später erlebte die Partie die nächste krachende Pointe: Costa Ricas Dänemark-Legionär Christian Bolanos zwirbelte einen Freistoß in den Sechzehner, wo zur allgemeinen Verwunderung wieder Duarte frei auftauchte. Per Flugkopfball verlängerte der Verteidiger zum 2:1 ins Tor - mit einem Mal steuerte dieses Duell auf ein kaum vorhersehbares Ende zu.

Die "Urus" reagierten wütend und versuchten, druckvoll zurückzuschlagen. Eine Pleite gegen die kaum bekannten Costaricaner, einen der krassesten Außenseiter dieser WM? Schwer vorstellbar, vor allem für Cavani, der es wenigstens mit Wucht versuchte und mit einem Kopfball an Torsteher Keylor Navas scheiterte (70.).

Und doch passierte das Unmögliche: Ein Steilpass von Campbell fand den eingewechselten Ureña, der Muslera noch ein weiteres Mal überwand. Das 3:1 (84.) und eine überaus verdiente rote Karte für Uruguays sensenden Verteidiger Maxi Pereira (90.) besiegelten den uruguayischen Untergang. Costa Rica erlebte dagegen einen Turnier-Beginn, der in jeder guten Fußball-Geschichtsstunde zukünftig einen Platz finden sollte.

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