Fußball-WM Gruppenleistung schlägt Star-Fußball

Frankreich, Belgien, Kroatien, England: Die vier Halbfinalisten dieser WM sind harte Arbeiter - und beweisen, dass ihr Dienstleister-Fußball Vorteile bringt.

Kommentar von Johannes Aumüller, Sotschi

Irgendwann schlich auch der Mannschaftsarzt durch die Gänge des Fischt-Stadions von Sotschi. Russlands Verantwortliche sind im Prinzip arg genervt von Fragen nach ihrer sportmedizinischen Herangehensweise an dieses Turnier, aber in diesem Moment war Eduard Besuglow sogar trotz des Ausscheidens recht freundlich. Und, na klar, berichtete er auskunftsfreudig, auch heute habe die Mannschaft wieder Ammoniak benutzt, als sei es die natürlichste Sache der Welt. Er sieht kein Problem darin, Ammoniak ist nicht verboten. Aber mancher Anti-Doping-Experte empfindet den Konsum als bedeutend kritischer, weil der Stoff stimulierend wirken soll - und weil es Ausweis einer Mentalität ist, zur Leistungssteigerung alles zu tun, was irgendwie geht.

Russlands überraschend langer Durchmarsch bei diesem Heim-Turnier wird noch für lange Zeit ein Thema für Pharmakologen und Physiologen sein, so viel steht fest. Die Sbornaja hat nicht wirklich Fußball gespielt, sie hat Fußball gelaufen und quasi einen ganz anderen Sport betrieben als viele andere Teilnehmer. Aber abseits aller medizinischen Fragen gilt es auch festzuhalten, dass der Auftritt der Sbornaja in anderer Hinsicht durchaus exemplarisch ist für einen Trend dieses Turnieres: für die Kraft der Gruppendynamik gegenüber dem Star-Fußball.

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Die Stars dieser WM sind Dienstleister ihrer Teams

Frankreich und Belgien, Kroatien und England - das sind die vier Halbfinalisten, und aus dieser Konstellation lassen sich nun zwei Debatten ableiten. Die eine erzeugt der Umstand, dass ausschließlich europäische Mannschaften im Halbfinale stehen. Erstmals seit 2006 ist das der Fall und zum fünften Mal in der WM-Historie; zum vierten Mal in Serie wird es einen Weltmeister aus Europa geben. Diverse beteiligte Trainer glauben, dass das auf Dauer so bleiben könnte. Das Kapital konzentriert sich nun mal in Europa, die spielerische Qualität in Europas Klubs.

Die andere Debatte dreht sich darum, welche Teams genau im Halbfinale stehen. Natürlich unterscheiden sich die vier Teilnehmer in ihrer Spielanlage stark. Aber zumindest in der groben Sortierung lassen sich doch Gemeinsamkeiten festhalten, etwa starke Torhüter und eine erkennbar gute Präparierung für dieses Turnier. Hinzu kommt ein Umstand, den Kroatiens Trainer Zlatko Dalic als einen gemeinsamen "Charakter" der vier verbliebenen Mannschaften beschreibt. Es seien "die Teams, die hart arbeiten, die kompakt sind, die vereint und gut organisiert sind", sagt er.

Natürlich gibt es auch bei diesem Quartett Stars. Das ist neben manch glücklichen Entscheidungen (siehe der nicht gegebene Strafstoß bei Belgiens Sieg gegen Brasilien, siehe die Elfmeterschießen Englands und Kroatiens) auch der Grund, warum es diese vier geschafft haben und gruppendynamisch ebenfalls gute Teams wie Russland und Schweden etwa nicht. Aber diese Stars haben andere Funktionen als die A-Klassen-Heroen Ronaldo, Messi oder Neymar. Sie sind eher Dienstleister ihrer Teams. Bei Frankreich und Belgien funktioniert es mehr über einen Offensiv-Dreizack als Ganzes denn durch eine Zuspitzung auf einen Einzelnen; bei England ist das Klassensprecher-Amt von Angreifer Harry Kane mindestens so bedeutsam wie seine Rolle als Torjäger; und die Kroaten, die haben diesen Luka Modric. Also keinen, der andauernd offensiv glänzt und vollstreckt, sondern einen Strategen, der beim Viertelfinal-Sieg über Russland zudem mit einer Lauf-Ausdauer gesegnet war, als habe er mal bei russischen Sportmedizinern reingeschnuppert.

Wer von ihnen das WM-Turnier letztlich am meisten prägt, ist noch offen. Aber geklärt ist wohl, dass nach einer Dekade der Dauerherrschaft von Ronaldo und Messi endlich mal ein anderer Spieler in den Genuss kommt, "Weltfußballer des Jahres" zu werden.

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