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Griezmann bei der Fußball-WM:"Er ist Franzose!"

Der Halb-Uruguayer Griezmann (links) trifft auf den Voll-Uruguayer Suárez (rechts).

(Foto: AFP)

Von Claudio Catuogno, Moskau

Dafür, dass es so wenige von ihnen gibt, ist Antoine Griezmann schon erstaunlich vielen Uruguayern begegnet in seiner Karriere. Der Trainer Martin Lasarte, der ihn bei Real Sociedad damals als 18-Jährigen in die Profimannschaft geholt hat, in der zweiten spanischen Liga: Uru. Carlos Bueno, sein Sturmpartner damals in San Sebastián: Uru. Bei Bueno zu Hause saß Griezmann oft auf dem Sofa, manchmal übernachtete er auch dort, uruguayisches Essen, uruguayische Musik, gemeinsam schauten sie Spiele von Peñarol Montevideo. Und es gab weitere Mitspieler aus dem kleinen südamerikanischen Land (3,5 Millionen Einwohner), das doch zugleich zu den großen Fußballnationen zählt: Mit Chory Castro ging Griezmann manchmal zum Reiten. Diego Ifran lehrte ihn, wie man Mate-Tee aufbrüht, dieses bittere Getränk aus den getrockneten Blättern des Mate-Strauchs aus der Gattung der Stechpalmen.

Antoine Griezmann, 27, spricht sogar Spanisch mit uruguayischem Akzent. Jedenfalls hat das Carlos Bueno gerade der französischen Sportzeitung L'Équipe erzählt. Und wenn man mal davon absieht, dass Franzosen Fremdsprachen eigentlich immer mit französischem Akzent sprechen, mag da durchaus etwas dran sein.

Schon im Alter von 14 Jahren ging Antoine Griezmann nach San Sebastián in die Jugendabteilung, weil sie ihn zu Hause in Frankreich zu schmächtig fanden für ihre Nachwuchsprogramme. Und nach Griezmanns Wechsel zu Atlético Madrid 2014 waren es wieder die Urus, zu denen er die engsten Bande knüpfte. Christian Rodriguez, José Maria Gimenez. Und Diego Godin, jener Innenverteidiger, der an diesem Freitag in Nischni Nowgorod sein erbittertster Widersacher sein wird bei dem Versuch, die Franzosen ins Halbfinale der WM zu schießen. Diego Godín ist der Pate von Griezmanns Tochter Mia.

"Antoine liebt diese Kultur. Es ist eine Art Wahn"

Wenn Antoine Griezmann von sich selbst behauptet, er sei "ein halber Uruguayer", dann ist dagegen überhaupt nichts einzuwenden - die Verbindung ist so erstaunlich wie offensichtlich, dass L'Équipe dem Thema gleich vier Seiten gewidmet hat am Tag vor dem Viertelfinale. Titel: "Griezmann. Das Derby gegen sich selbst". Und der Verteidiger Adil Rami, der einzige im Kader der Bleus, der noch keine Sekunde gespielt hat bei dieser WM, der aber oft unterhaltsame Pressekonferenzen gibt (und, ganz nebenbei, mit Pamela Anderson liiert ist), stieg ebenfalls auf die kuriose Leidenschaft ein: "Ja, Antoine liebt diese Kultur. Es ist eine Art Wahn."

Die Uruguayer hingegen sind schon ein bisschen genervt, so hat der Stürmer Luis Suárez vom FC Barcelona den Konkurrenten Griezmann gerade daran erinnert, was dieser wirklich ist: "Er ist Franzose!" Uruguayer, das wird man nämlich nicht mal eben qua Fremd- oder Selbstverleihung. Griezmann wisse doch "in Wirklichkeit nicht, was das für ein Gefühl ist, uruguayisch zu sein. Er weiß nichts darüber, was man als Kind für Opfer bringen und welchen Aufwand man betreiben musste, um in einem so kleinen Land Profifußballer zu werden. Das ist etwas, was nur wir fühlen und kennen". Okay, schon möglich, Griezmann habe "eine ähnliche Mentalität und spricht ebenfalls Spanisch. Wir Uruguayer denken und fühlen aber anders".

Suárez habe da einen "bissigen" Kommentar abgegeben respektive "Zähne gezeigt", wussten Fachmedien zu berichten.

Griezmann schwärmt von der Mentalität

Möglicherweise unterschätzt Luis Suárez aber die Kraft der Assimilation. Außer Frage steht ja, dass auch Griezmann eine Menge auf sich genommen hat, als er, fast noch ein Kind, seine Heimat verließ, um Profifußballer zu werden. Er hat jedenfalls oft geweint in den ersten Jahren. Bis die Urus kamen und ihn zu einem der Ihren machten. In einem Interview, das L'Équipe schon vor einem Jahr geführt, aber jetzt noch mal hervorgekramt hat, schwärmt Griezmann nicht nur von Mate, Cumbia ("Eine Musik, die die Grenzen überschreitet, höre ich oft kurz vor Spielen") und Asado ("Gegrillt wird nur über der Glut"). Sondern auch von der Mentalität.

Sich wehren! Kein Spiel, keinen Zweikampf verloren geben! Das meint Griezmann damit zum Beispiel. Sich wehren bis in die letzte Sekunde der Nachspielzeit. Martin Lasarte, sein Trainer bei Real Sociedad, habe ihm mal den Rat gegeben: "Wenn dir einer blöd kommt, schmeiß ihm eine Hand voll Gras ins Gesicht und sage: Iss!" Ungefähr diese Art von Mentalitäts-coaching lebt auch der Argentinier Diego Simeone bei Atlético vor. Für den Stürmer Griezmann bedeutet das, dass er ständig auch defensiv mitrackern muss. Und sich vorne darauf einstellen, aus wenigen Chancen viel zu machen. Atlético ist quasi das Uruguay des Klubfußballs.

So gesehen ist es jetzt schon ein kleines Problem, dass Antoine Griezmann am Freitag für Frankreich spielt.

Bisher konnten sich die Franzosen auf Mbappé verlassen

Die Franzosen werden das Spiel machen müssen gegen elf erklärte Underdogs, und weil den Uruguayern wegen einer Verletzung auch noch der Stürmer Edinson Cavani fehlt, dürften sie sich noch weiter hinten einigeln. Die Franzosen werden Geduld brauchen in ihrem offensiv ausgerichteten 4-2-3-1-System. Sie werden sich auf engem Raum ihre Chancen erarbeiten müssen - weshalb der dribbelstarke Offensivmann Nabil Fekir aus Lyon den gesperrten Blaise Matuidi im rechten offensiven Mittelfeld ersetzen könnte. Die defensivere Variante wäre ein Startelfeinsatz des Münchners Corentin Tolisso. Und ob Griezmann schon wieder in der Form ist, die es braucht, um aus wenigen Chancen viel zu machen, ist die Frage. Die Saison war lang für ihn, nach dem gewonnenen Europa-League-Finale mit Atlético ging es gleich weiter beim Nationalteam. Bisher hat Griezmann bei der WM zwei Elfmeter verwandelt, aber aus dem Spiel heraus noch nicht getroffen. Weil das Kylian Mbappé übernommen hat, war das noch kein größeres Problem.

Den Prozess seiner Teil-Uruguayisierung weiter vorantreiben will Antoine Griezmann übrigens erst nach dem Spiel. Zum Beispiel, indem er mal nach Uruguay fliegt. Mate, Barbecue, Musik, Peñarol, bisher kennt Antoine Griezmann das alles vor allem aus dem Garten von Diego Godín.

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© SZ vom 06.07.2018/tbr
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