Start der Fußball-WM Rebellische Stimmung auf dem Rasen

Wollen die Ungleichbehandlung nicht länger hinnehmen: Emily Gielnick, Gemma Simon und Laura Alley von den "Matildas".

(Foto: imago images / AAP)

Zum WM-Start pochen Australiens Fußballerinnen auf faire Bezahlung und die Verdopplung ihrer Prämien - zurecht. Es geht auch um Akzeptanz und Wertschätzung.

Kommentar von Barbara Klimke

Die ersten Flanken waren kaum geschlagen, da stand bereits fest, dass ein Teil der Hauptdarstellerinnen des Fußballfests in Frankreich nur unter Protest antritt. Australiens Nationalspielerinnen, die sich Matildas nennen, verlangen eine Verdoppelung der WM-Prämien. Und zwar sofort.

Die Australierinnen verweisen auf das Gebot der Gleichstellung, das sich der Weltverband Fifa auf die Fahnen schreibt. Sie weigern sich deshalb hinzunehmen, dass das Gesamtpreisgeld für ihr Frauenturnier nur mickrige 7,5 Prozent jener 400 Millionen Dollar beträgt, welche die Fifa 2018 in Russland für die Männer ausgeschüttet hat. Eine Erhöhung von 30 Millionen Dollar auf 57 Millionen Dollar sei das Mindeste, um die offenkundige Diskriminierung abzuschwächen, richtete Australiens Fußballer-Gewerkschaft aus. Langfristig sei dann die Angleichung von Männer- und Frauenprämien das Ziel. Die provokante Frage der Matildas lautet daher: "Ist das etwa zu viel verlangt?"

Fußball-WM der Frauen Spielen Sie Bundestrainerin!
Aufstellungs-Tool zur Fußball-WM

Spielen Sie Bundestrainerin!

Das Achtelfinale steht an: Sollte Martina Voss-Tecklenburg ihre zuletzt erfolgreiche Aufstellung verändern? Basteln Sie Ihre eigene Formation!   Von Felix Ebert, Thomas Gröbner, Stefan Kloiber, Manuel Kostrzynski und Benedict Witzenberger

Dass sich der Fußball ums Geld dreht, dürfte keine allzu neue Erkenntnis sein. Auch bei den Frauen sind die Tage der ersten WM 1991 vorbei, als sie den Ball nur für ein paar blumige Worte, die Ehre oder ein Kaffeeservice haben kreisen lassen. Tatsächlich aber geht es in diesem Streit weniger um das Verdienstgefälle als um gesellschaftliche Gleichbehandlung im weiteren Sinne: um Wertschätzung und Akzeptanz. Die US-Amerikanerinnen, immerhin der Rekordweltmeister, haben gerade eine Sammelklage gegen ihren Verband U.S. Soccer eingereicht. Der Vorwurf lautet: Institutionalisierte Geschlechterdiskriminierung. Im Gegensatz zum US-Männerteam, das noch nie etwas von Belang gewonnen hat, würden die Frauen in fast allen Bereichen schlechter behandelt, bei Prämien, Betreuern, Trainingsplätzen und selbst auf Flugreisen. Sie wollen ihren Kampf für Gerechtigkeit als Solidaraktion für den gesamten Frauensport verstanden wissen.

Denn auch in Dänemark haben die Auswahl-Kickerinnen unlängst wegen des Verdienstgefälles ein Länderspiel boykottiert. In Brasilien hat der Unmut über Ignoranz und Bevormundung nach Olympia 2016 zu Rücktritten von Spielerinnen geführt. Selbst im vorbildlichen Norwegen, das seine Fußballer und Fußballerinnen gleich bezahlt, sind die Unzulänglichkeiten offenbar so groß, dass Ada Hegerberg, ausgezeichnet mit dem Ballon d'Or, nicht für ihren Verband spielen mag.

Ausgrenzungen und Kränkungen schmerzen noch immer

Es liegt also eine rebellische Grundstimmung über dieser WM. Wenn der Eindruck nicht trügt, dann reagiert der Frauenfußball reizbarer auf Missstände als andere Sportarten, und das hat Gründe. Zum einen ist das geschlechtsspezifische Lohngefälle tatsächlich in keinem Wirtschaftsbereich größer als im Fußball. Zum anderen sind es die historischen Ausgrenzungen und Kränkungen, die noch immer schmerzen. Den Frauen wurde das Fußballspielen fast überall jahrzehntelang vom Staat oder Verband verboten.

In Deutschland, wo die Schikane von 1955 bis 1970 dauerte, befanden DFB-Funktionäre, dass "Anmut, Körper und Seele" Schaden nähmen, wenn ein Frauenfuß zu heftig gegen den Ball trete. Wider besseres Wissen, übrigens: Denn in England hatten beispielsweise die Dick Kerr's Ladies, eine Werksmannschaft, schon 1920 ein erstes Länderspiel gegen Frankreich 2:0 unfallfrei gewonnen. Die Rekordkulisse von 53 000 Zuschauern, die dieses Team im selben Jahr in Liverpool anzog, wurde im Frauenfußball auf der Insel erst kürzlich wieder erreicht.

Insofern ist es nur recht und billig, wenn die Matildas heute auf faire Bezahlung pochen. Denn die Fußballerinnen wurden auch um eine kontinuierliche Entwicklung ihres Sports betrogen. Und das ist ohnehin mit Geld nicht wieder gutzumachen.

Fußball-WM der Frauen Frühberufene, Uni-Absolventinnen und ein Clown

WM-Kader der Frauen-Nationalelf

Frühberufene, Uni-Absolventinnen und ein Clown

23 Spielerinnen sind in Frankreich dabei, 15 davon WM-Neulinge. Der Kader des deutschen Nationalteams in Porträts - Almuth Schult bis Alexandra Popp.   Von SZ-Autoren