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DFB-Fußballerinnen:Welche Lehren die Bundestrainerin aus der WM zieht

Der Treffer, der die WM-Expedition des DFB-Frauenteams beendet und zugleich alle Olympiaträume zunichtemacht: Schwedens Stina Blackstenius (Mitte) besiegelt die 1:2-Niederlage im Viertelfinale.

(Foto: Loic Venance/AFP)
  • Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg präsentiert in Frankfurt ihre Analyse zum Abschneiden der deutschen Fußballerinnen bei der WM in Frankreich.
  • Dabei spricht sie über die Stärken des Teams - übt aber auch Selbstkritik.
  • Die deutschen Fußballerinnen waren im Viertelfinale gegen Schweden ausgeschieden und verpassen damit auch die Olympischen Spiele.

Martina Voss-Tecklenburg schlendert ganz entspannt in den Tagungsraum 1 in der Frankfurter Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Nur ihr Blick verrät eine gewisse Anspannung. Die Bundestrainerin der Nationalmannschaft der Frauen hat einen silberfarbenen Laptop dabei und ein Blatt Papier, auf dem sie sich handschriftlich notiert hat, was sie an diesem Tag auf keinen Fall vergessen will zu erwähnen. Hinter ihr läuft Joti Chatzialexiou, der sportliche Leiter der Nationalmannschaften, zwei Stühle werden noch reingetragen, dann geht die Tür zu.

Der Tagungsraum 1 ist ein gemütlicher, nicht allzu großer Raum. Es gibt zwei Drehstühle vor einem an der Wand aufgehängten Flachbildschirm für diejenigen, die überwiegend sprechen. Und ein weiß lackiertes Sitzrondell für diejenigen, die überwiegend zuhören. Es ist nicht der ganz große Rahmen mit TV-Kameras und Live-Übertragung, den Voss-Tecklenburg gewählt hat, um an diesem Dienstag, sieben Wochen nach ihrer Abreise aus Frankreich, über die Weltmeisterschaft zu sprechen. Und um das Ausscheiden im Viertelfinale zu analysieren, bei dem sich weniger wegen des Zeitpunktes, sondern vor allem wegen der Art und Weise die Frage gestellt hat: Wie konnte das passieren?

Kader der DFB-Frauen

Tor: Merle Frohms (SC Freiburg), Laura Benkarth (FC Bayern München), Lisa Schmitz (HSC Montpellier).

Abwehr: Carolin Simon, Kathrin Hendrich, Giulia Gwinn, Verena Schweers (alle Bayern München), Leonie Maier (FC Arsenal), Lena Oberdorf (SGS Essen), Johanna Elsig (Turbine Potsdam), Sara Doorsoun (VfL Wolfsburg).

Mittelfeld/Angriff: Felicitas Rauch, Svenja Huth, Alexandra Popp (alle VfL Wolfsburg), Lea Schüller, Turid Knaak (beide SGS Essen), Lena Lattwein (TSG Hoffenheim), Dzsenifer Marozsan (Olympique Lyon), Sara Däbritz (Paris Saint-Germain), Linda Dallmann, Melanie Leupolz, Lina Magull (alle Bayern München), Klara Bühl (SC Freiburg).

Voss-Tecklenburg, 51, zieht ihre Brille auf, klappt den Bildschirm ihres Laptops nach oben. Eine Stunde wird ihre öffentliche Analyse dauern, sie fängt mit den Punkten an, die ihr und ihrem Trainerteam gefallen haben, mit dem sie im August nach dem Urlaub für zwei Tage zusammensaß. Sie redet ohne Längen, ohne Zeit zu verlieren. "Was aus sportlicher Sicht gut war: die absolute Leistungsbereitschaft, der große Einsatzwille, die individuelle Qualität bei einigen Spielerinnen." Unter anderem nennt sie auf der Plusseite noch eine "klare Spielidee" sowie die funktionierenden Umstellungen und Standards. Trotz individuell taktischer Fehler lobt sie auch das Defensivverhalten insgesamt, "und wir haben eine Entwicklung im Team gesehen".

Eine Entwicklung, die jedoch nicht gereicht hat, um neben der bisweilen beeindruckenden kämpferischen Leistung auch fußballerisch auf höchstem Niveau zu überzeugen. Das wurde besonders im Viertelfinale gegen Schweden deutlich, das für die DFB-Elf mit einem spektakulären Seitfallzieher von Lina Magull gut angefangen hatte. Das dann aber kippte, nachdem Schweden in der 22. Minute ausgeglichen und kurz nach der Pause das 2:1 erzielt hatte, das dann der Endstand sein sollte. Damit war nicht nur das Halbfinale, sondern auch die Titelverteidigung bei den Olympischen Spielen 2020 verpasst, "alles brutal scheiße", wie Magull damals sagte.

Zwischendurch in einer Haltung der Rechtfertigung

Auch Voss-Tecklenburg ist am Dienstag die Frustration noch anzumerken, die zwischendurch in eine Haltung der Rechtfertigung wechselt. "Wir haben von vornherein gesagt, es ist ein Prozess, und diese WM gehört zu diesem Prozess dazu", sagt Voss-Tecklenburg. Ob sie inzwischen eine Erklärung für die Leistung im Viertelfinale habe? "Es ist nun mal ein Unterschied, ob man bei einem Test oder bei einem K.o.-Spiel in Rückstand gerät. Jeder war bewusst, es geht richtig um was."

Germany v Sweden: Quarter Final  - 2019 FIFA Women's World Cup France

Entscheidendes Tor: Stina Blackstenius (re.) staubt nach einer Parade von Almuth Schult (verdeckt) zum 2:1 ab.

(Foto: Richard Heathcote/Getty Images)

Ob sie angesichts der Umbruchphase und der schwierigen jüngeren Vergangenheit vielleicht zu viel von der Mannschaft verlangt habe mit den ständigen Veränderungen in der Aufstellung und der ständig eingeforderten Flexibilität? "Man kann die Entscheidungen nur verstehen, wenn man unseren Einblick in die Leistungsbereiche der Spielerinnen hat. Aber vielleicht war es in der Summe ein Ticken zu viel."

Die Selbstkritik kommt in diesem Punkt vor allem auf, weil die Trainerin eingesteht, keine stabile Achse um Spielerinnen wie Torhüterin Almuth Schult, Kapitänin Alexandra Popp, Sara Däbritz und Svenja Huth aufgebaut zu haben. Die Flexibilität sieht sie aber als Stärke ihrer Mannschaft, daran will sie festhalten. Allerdings: "Wir brauchen größere Widerstandsfähigkeit, müssen Hierarchien stärken und Haltungsfragen stellen."

Es brauche außerdem mehr Mut, Willen, Individualität sowie Führungsstärke von den Nationalspielerinnen - was sie fördern will - und eine bessere Nachwuchsarbeit. Auch von einer stärkeren Verzahnung mit dem Männerfußball ist die Rede.

Bei aller Zufriedenheit in Sachen Kommunikation scheint es aber auch in diesem Bereich noch Optimierungsbedarf bei der DFB-Elf zu geben. "Das Prinzip der offenen Tür hat vielleicht nur bedingt funktioniert", sagt die Bundestrainerin. "Viele sind gekommen, manche waren vielleicht noch nicht so weit. Da müssen wir aktiver auf die Spielerinnen zugehen." Am kommenden Dienstag will Martina Voss-Tecklenburg die WM gemeinsam mit der Mannschaft aufarbeiten. Sie erwartet, dass die Spielerinnen von sich aus Kritikpunkte nennen - um gemeinsam zu einem Ergebnis zu kommen, bevor am 31. August (12.30 Uhr/ARD) in Kassel gegen Montenegro die Qualifikation zur EM 2021 beginnt.

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