Frankreich Henry - wie einst Henry

Eine Nacht für Umarmungen: Frankreichs Siegtorschützin Amandine Henry (rechts, mit Abwehrchefin Wendie Renard) feiert den Viertelfinal-Einzug.

(Foto: dpa)

Die Französin Amandine Henry ist eine der bestbezahlten Fußballerinnen Europas und "fast besessen" von der WM in ihrem Heimatland. Ihr Siegtreffer im Achtelfinale weckt Erinnerungen.

Von Anna Dreher, Rennes

Amandine Henry rannte los, sprang nach vorne, machte einen Ausfallschritt in der Luft, streckte ihren linken Fuß zum Ball. Dann fiel sie hin - und wurde unter ihren Mitspielerinnen begraben. Es war ein Bewegungsablauf, der Henry zur gefeierten Spielerin des Abends machte. Aber erst einmal war sie verwirrt: "Ich wusste danach nicht, was los ist. Ich hatte nicht einmal die Kraft, um aufzustehen. Ich habe nur gehofft, dass der Videoassistent nicht noch eingreifen würde", sagte Henry später. Doch niemand meldete sich mit Zweifeln an der Rechtmäßigkeit dessen, was gerade passiert war: Henry, 29, Kapitänin der französischen Fußball-Nationalmannschaft, hatte in ihrem 87. Länderspiel die Gastgeber der WM gegen Brasilien ins Viertelfinale geschossen, nach einem Freistoß in der 107. Minute.

Frankreich gegen Brasilien ist eines der Spitzenspiele dieses Turniers gewesen, ein Aufeinandertreffen vieler außergewöhnlicher Fußballerinnen: Wie Marta, Formiga und Cristiane auf brasilianischer Seite, Wendie Renard, Eugenie Le Sommer und Henry auf französischer. Valerie Gauvin hatte die Heimmannschaft von Corinne Diacre in Führung gebracht (52.). Nach dem Ausgleich von Thaisa (63.) war wieder alles offen im Stade Oceane in Le Havre - bis Henry zum 2:1-Siegtor angerannt kam.

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Damit rief sie bei Brasiliens Fans ungute Erinnerungen hervor, die dieser Abend eigentlich überdecken sollte. Denn schon einmal hatte jemand mit dem Nachnamen Henry einen brasilianischen Traum vom WM-Titel kaputt gemacht, 2006 in Deutschland im Viertelfinale (0:1) - auch damals nach einem Freistoß, getreten von Zinedine Zidane, Amandines Vorbild. Damals sprang als Torschütze herein: Thierry Henry. Und so titelte am Montag die brasilianische Zeitung Globo: "Henrys Geist verfolgt wieder die Seleção".

"Für uns wird mit diesem Turnier ein Traum wahr"

Henry, also Amandine, zählt im Mittelfeld zu den Besten der Welt. Sie ist einer der WM-Stars, eine jener Spielerinnen, die Frankreich glauben lassen, etwas ganz Besonderes erreichen zu können: Denn dass ein Land zur selben Zeit im Männer- und Frauenfußball den Weltmeister stellt, das gab es noch nie. Für Frankreichs Fußballerinnen wäre es zudem der erste große Erfolg. Trotz vieler Talente hat es dazu bisher nicht gereicht, meistens war es Kopfsache. In diesen Wochen aber strahlen Frankreichs Spielerinnen eine hohe Präsenz aus, auch der beim Heimturnier noch viel größere Druck bereitete ihnen bisher offenbar keine Probleme.

Das liegt auch an Kapitänin Henry, die dieses Team zum Titel führen möchte - und könnte. "Wir sind fast besessen von dieser WM. Für uns wird mit diesem Turnier ein Traum wahr", sagte Henry in einem Interview, und rückblickend auf den Titel der Männer 1998 im eigenen Land: "Das ist eine sehr schöne Erinnerung - als Fan. Aber ich habe Lust, so eine schöne Erinnerung auch als Spielerin zu haben."

Ihre Rolle ist eigentlich nicht die der Torjägerin, "mehr im Schatten" sieht sie sich selbst - und doch hat sie bei dieser WM in vier Spielen schon zwei Mal getroffen, zum Auftakt und nun gegen Brasilien. Beim dominierenden Verein Europas, Olympique Lyon, wo auch Deutschlands Dzsenifer Marozsán spielt, ist Henry Leistungsträgerin. Mit einem Jahresgehalt von angeblich 360 000 Euro gehört sie zu den bestbezahlten Fußballerinnen Europas. Elf Mal hat sie die Meisterschaft, sechs Mal den Pokal, fünf Mal die Champions League gewonnen. Auch im Verein lenkt sie das Spiel als ruhige Taktgeberin, mit Entschlossenheit, hoher Passqualität und feiner Technik.

Dass sie zu ihrer Anfangszeit in Lyon nach einer Kniescheibenoperation kurz davor war, ihre Karriere früh beenden zu müssen, hat ihre Wertschätzung für diesen Sport noch größer gemacht. Dass sie 2018 Erfahrung in den USA bei Portland Thorns sammelte und auch dort die Liga gewann, machte sie physisch besser, davon profitiert nun auch die Nationalmannschaft.

Bevor diese WM vor zweieinhalb Wochen in Paris für Amandine Henry begonnen hatte, wollte sie sich "einen besonderen Film" anschauen, erzählte sie damals. Es war ein Film, bei dem nur ihre Vorstellungskraft Regie führte: "Ein volles Stadion, eine tolle Atmosphäre mit vielen Emotionen. Ich weiß nicht, ob das bei der WM passieren wird, aber ich denke, es wird ein wunderschönes Ereignis", sagte sie.

Der Film ist inzwischen auch für die Öffentlichkeit zu sehen gewesen, bei der WM sind schon drei Fortsetzungen erschienen. Und wenn alles gut läuft für Frankreichs Regisseurin und ihr Team, dann gibt es noch drei weitere Teile.

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