Frankreichs Olivier Giroud:Das alte Gokart beschleunigt noch mal

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Frankreichs Olivier Giroud: Olivier Giroud, 36, trifft doppelt im Al-Janoub-Stadium in al-Wakra gegen Australien.

Olivier Giroud, 36, trifft doppelt im Al-Janoub-Stadium in al-Wakra gegen Australien.

(Foto: Franck Fife/AFP)

Karim Benzema fällt mit Muskelschaden aus? Macht nichts: weil sich Olivier Giroud, 36, mit zwei Treffern zu Frankreichs Rekordtorschützen aufschwingt. Über einen, der oft verlacht wurde.

Von Claudio Catuogno, al-Wakra

So etwas hat Olivier Giroud tatsächlich noch nie erlebt. Es ist WM - und alle lieben ihn. Es ist WM - und keiner hält ihn für den personifizierten "Anti-Fußball". Es ist WM - und er schießt zwei Tore.

Nun muss man dazusagen, dass Olivier Giroud, 36, von Beruf Stürmer ist, seit diesem Dienstag ist er sogar der Rekordtorschütze der französischen Nationalmannschaft. Aber dass er sich bei einer Weltmeisterschaft in die Torstatistik einträgt, das hat es erst ein Mal gegeben, 2014 bei einem 5:2 gegen die Schweiz. Vor acht Jahren in Brasilien war Giroud aber vor allem Ersatz gewesen. Und vor vier Jahren in Russland trug er sich dann in eine Art Horrorstatistik ein, aber mit Happy End. In sieben Spielen, in denen er fast durchgehend auf dem Platz stand, gab der Stürmer Giroud keinen einzigen Schuss aufs Tor ab. Und wurde damit Weltmeister.

Olivier Giroud ist schon oft verlacht und ebenso oft verspottet worden seit seinem ersten Länderspiel im November 2011, das gehört wohl dazu, wenn man sich als kantiger Mittelstürmer zwischen lauter Zauberfüßen bewegt. Aber beim 4:1 gegen Australien am Dienstagabend im Al-Janoub-Stadion von al-Wakra haben bloß alle herzlich mit Giroud gelacht. Die Australier waren zwar in Führung gegangen, und die Franzosen hatten Lucas Hernández mit einem Kreuzbandriss verloren. Aber dann zwangen Les Bleus dieses Auftaktspiel auf ihre Seite, durch Tore von Adrien Rabiot, Kylian Mbappé - und zweimal Giroud. Es waren seine Treffer Nummer 50 und 51 im Nationaltrikot. So viele hat bisher nur Thierry Henry geschafft, einer der Weltmeister von 1998.

Olivier Giroud kann also nicht alles falsch gemacht haben in seiner Karriere. Aber ob die Franzosen das jetzt überstehen, ein Turnier so ganz ohne Giroud-Debatte?

Mbappé soll so wütend gewesen sein auf Giroud, dass er eine Pressekonferenz einberufen wollte

Bei der Paneuropa-EM im vergangenen Sommer war es Giroud selbst gewesen, der den Stein ins Wasser warf, auf dass dieser ein paar Wellen schlage. Im letzten Testspiel vor dem Turnier war Giroud im Strafraum ziemlich blass geblieben - und deutete danach an, das liege auch an der Eigensinnigkeit seines Sturmpartners Kylian Mbappé: "Manchmal bringst du dich in Stellung, aber die Bälle kommen nicht." In einer Gockelbranche wie dem Fußball reicht so ein öffentlich hingesprochener Halbsatz, um den Laden anzuzünden. Mbappé soll so erregt gewesen sein, dass er eine Pressekonferenz einberufen wollte - das hat der Nationaltrainer Didier Deschamps aber zu verhindern gewusst. Er schickte stattdessen den Witzbold Paul Pogba vor die Kameras, der grinsend versicherte: Spannungen? Die gibt's bei uns "nur am Rücken".

Aber der Ton war gesetzt, die Stimmung schlecht, zumal Deschamps für die EM den Stürmer Karim Benzema aus seiner fünfjährigen Verbannung zurückgeholt hatte. Benzema, Mbappé, Griezmann, Giroud, da trafen dann schon sehr viele Egos auf engem Raum aufeinander. Giroud saß vor allem auf der Bank. Und Les Bleus verabschiedeten sich im Achtelfinale gegen die Schweiz.

2018 in Russland wurde die Giroud-Debatte vom belgischen Torwart Thibaut Courtois auf die Spitze getrieben, der nach dem gegen Frankreich verlorenen Halbfinale schimpfte, er habe "noch nie erlebt, dass ein Stürmer so weit weg vom Tor spielt". Es war der Ausgangspunkt des berühmten "Anti-Fußball"-Vorwurfs, wonach sich ausgerechnet die Elf mit den spektakulärsten Einzelkönnern zum WM-Titel mauert. Olivier Giroud hat darüber herzlich gelacht, ließ sich weiter tief ins Mittelfeld zurückfallen, kämpfte an den Auslinien um Bälle, sperrte im Strafraum den Kollegen die Wege frei, schoss hin und wieder neben das Tor - und stemmte am Ende den Pokal in die Luft.

Und jetzt, 2022 in Katar: Sieht es ganz so aus, als habe Frankreich zwar einen Benzema verloren, aber einen Giroud gewonnen - und einen Mbappé von den Ketten gelassen.

"Ich bin die Formel 1", sagt Sturmkollege Benzema. Für Giroud bleibt nur der Vergleich mit einem Gokart

Karim Benzema, das noch mal zur Erinnerung, Gewinner des Ballon d'Or für den weltbesten Fußballer, war am Montagmorgen aus dem Quartier in al-Rayyan abgereist, eine Muskelverletzung im Oberschenkel verhinderte sein weiteres Mitwirken. Aber auf das Wehklagen folgte schon bald die Erkenntnis, dass darin auch eine Chance stecken könnte, nicht zuletzt atmosphärisch.

Benzema und Mbappé gelten als hochgradig zerstritten. Und um Girouds Gefühle für den Kollegen aus Madrid zu erahnen, kann man sich noch mal jene Gemeinheit vergegenwärtigen, die Benzema im März 2020, kurz vor seiner Begnadigung, auf seiner Instagram-Seite erzählte: Giroud könne zwar "von einem gewissen Nutzen" sein, "weil er sich nicht scheut, im Kohlenkeller zu arbeiten". Aber fürs Publikum sei das nichts. Und ohnehin sei ein Vergleich Girouds mit ihm, Benzema, als ob man "die Formel 1 mit einem Gokart" vergleiche: "Ich bin die Formel 1."

Jetzt allerdings steht Benzema in Madrid mit Muskelschaden in der Garage - und muss zusehen, wie Olivier Giroud seinen arabischen Frühling erlebt. Noch vor wenigen Wochen war seine bloße Nominierung ungewiss gewesen, eine "neue Generation schien ihn", das alte Gokart, "schon verschrottet zu haben", schrieb die Sportzeitung L'Équipe. Doch elf Tore und ein Meistertitel mit dem AC Mailand waren schon ein starkes Zeichen. Und nun ist er mit 36 ​​Jahren und 53 Tagen - vor Zinédine Zidane - der älteste Torschütze der Bleus in großen Wettbewerben, und der zweitälteste Spieler überhaupt, der in einem WM-Spiel zweimal traf, hinter dem berühmten Kameruner Roger Milla (38 Jahre, 17 Tage) 1990 in Italien.

Und wenn man im Spiel gegen Australien noch den Seitfallzieher gesehen hat, den Giroud formschön in die Luft legte, dann ahnt man: Das alte Gokart beschleunigt noch mal. Der Ball ging zwar vorbei. Aber das ist bei Olivier Giroud traditionell ein gutes Omen.

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