Pläne von Fifa-Boss Infantino:Zu viel Gegenwind für die Dauerschleifen-WM

Lesezeit: 4 min

Pläne von Fifa-Boss Infantino: Und nun? Fifa-Boss Gianni Infantino kann keine Fußballweltmeisterschaft ohne die Nationalmannschaften Europas und Südamerikas veranstalten.

Und nun? Fifa-Boss Gianni Infantino kann keine Fußballweltmeisterschaft ohne die Nationalmannschaften Europas und Südamerikas veranstalten.

(Foto: Pavel Golovkin/AP)

Die Abstimmung über eine Fußball-WM im Zwei-Jahres-Takt scheitert am Widerstand Europas und Südamerikas. Fifa-Boss Gianni Infantino ist damit bruchgelandet - für ihn geht es um eine Exit-Strategie.

Von Thomas Kistner

Die letzte Gewissheit hatte Gianni Infantino bereits am Dienstag ereilt. Da wurde der Präsident des Weltfußballverbandes Fifa von seinem Erzwidersacher, Uefa-Präsident Aleksander Čeferin, über die Haltung der europäischen Fußball-Union zu Infantinos Lieblingsprojekt aufgeklärt, eine Fußball-WM mit 48 Teams alle zwei Jahre: Vergiss es! Europa werde da so wenig mitspielen wie der Südamerika-Verband Conmebol. Tags darauf setzte ein neues Bündnis der beiden relevantesten Erdteilföderationen das erste gemeinsame Event in die Welt: Ein Match Europameister Italien gegen Südamerikameister Argentinien, in der Länderspielperiode Mitte 2022. Es soll nun regelmäßig stattfinden. Das Signal: Wir drehen den Spieß um, sogar ein gemeinsames Büro in London werden die zwei Verbände eröffnen.

Infantino dürfte keine WM alle zwei Jahre bekommen - stattdessen hat er eine Allianz der Starken provoziert. Ohne Europas Topteams, von Frankreich über Italien, Spanien bis Deutschland, ohne Ballhelden aus Brasilien und Argentinien kann es kein WM-Turnier geben - und schon gar keines, das große Vermarktungschancen jenseits des Kinderkanals hätte. Das Verdikt von Uefa und Conmebol steht, das wurde der SZ am Donnerstag erneut versichert. Beide Verbände hatten Infantino bereits aufgefordert, ihnen separat tieferen Sinn und Machbarkeit seines WM-Plans darzulegen. Der Fifa-Patron kniff.

Die Debatte um die WM erscheint beendet, Infantino plant trotzdem noch einen Kongress, im Dezember

Viel einfacher ist ja der Umgang mit Fußballführern aus Nepal, Guam und Guinea. Da geht es um Fördergeld, die anderen sind Bittsteller. Und so zog Infantino am Donnerstag seine Online-Runde mit Dutzenden Klein- und Kleinstverbänden aus aller Welt durch, Čeferin schaltete sich nicht mal zu. Zu einem Votum aber, wie ursprünglich angedacht, kam es gar nicht: Man kann die Großen überstimmen, aber nicht in Formate zwingen, die sie offen ablehnen. Parallel tat die Fifa recht Schwammiges kund: Am globalen Spielkalender werde weiter gebastelt, der Donnerstag-Gipfel sei einer von mehreren Terminen in nächster Zeit, um "eine konstruktive und offene Debatte auf globaler und regionaler Ebene zu führen". Eine Debatte, die de facto als beendet erscheint. Auch wenn Infantino noch einen Kongress plant, im Dezember.

Zuletzt hatte Infantino wieder versucht, sich einen staatsmännischen Anstrich zu geben. Den UN-Gipfel in New York vergangene Woche versuchte er, über Selfies mit Erdoğan und Co. in einen gravitätischen Fußballgipfel zu verwandeln. Tatsächlich aber senkte da gerade die Europäische Union den Daumen über sein Projekt; in Brüssel und in Straßburg. Das Parlament will im Oktober alle Sportorganisationen auffordern, die Anzahl der Events nicht weiter aufzublähen, schon gar nicht mit mehr Weltturnieren.

Nach Aktenlage gibt es nicht mehr viel zu eruieren. Es geht wohl eher bald um eine Exit-Strategie für den Boss, der wieder vor einer Bruchlandung steht. So war es immer: Bei seinem diskreten Versuch 2018, die Fifa-Rechte an eine saudisch geführte Investorengruppe zu verhökern, bei den folgenden Anläufen für Klub- und Kontinentalmeisterschaften unter Fifa-Regie, und so erging es dem Fantasiegespinst der Super League, das jüngst von der Fußballgemeinde in spektakulärer Einigkeit zertrümmert wurde - wobei auch diese Attacke auf die Geldspeicher des Profisports Infantinos Billigung hatte.

Populismus hilft nicht weiter, wenn es um Milliarden geht

Für eine WM in Dauerschleife legten sich bisher vor allem Afrikas Funktionäre ins Zeug. Der Erdteilverband ist seit einem bizarren Interregnum durch Infantinos Generalsekretärin Fatma Samoura von Sommer 2019 bis Februar 2020 in der Caf-Zentrale in Kairo eine Art Außenposten der Fifa. Heute führt der Südafrikaner Patrice Motsepe, 49, den Caf. Der "Prinz der Minen", wie das Magazin Forbes den jäh zum Milliardär aufgestiegenen Edelmetall-Tycoon taufte, ist nahe an Infantino.

Zu den Unterstützern zählt auch eine skurrile Spezies, die er seit Amtsbeginn aufbaut: Fußball-Legenden. Gut bezahlte Ex-Kicker, die Rede ist von bis einer Million Dollar pro Jahr für Altstars der Güteklasse A. Der Typus Fifa-Legende ist nach der Karriere eher nicht in einem ertragreichen Branchenzweig als Trainer oder Manager gelandet, da helfen Apanagen aus Zürich. Von einigen der Legenden, heißt es in Nyon, sei der Uefa auch schon bedeutet worden, ganz ohne Zuwendungen könne man Europas Perspektiven eher nicht teilen.

Arsene Wenger attends the lecture meeting at Yoshimoto Hall in Tokyo, Japan on October 24, 2019. PUBLICATIONxINxGERxSUIx; Wenger

Werben für Infantino: Ex-Trainer Arsène Wenger trommelt für eine WM alle zwei Jahre wie auch beispielsweise Peter Schmeichel oder Brasiliens Ronaldo.

(Foto: Keizo Mori /AFLO/imago)

Die Gesamtstrategie hinter der Dauerschleifen-WM führt Infantinos Chefstratege Arsène Wenger. Auch dessen öffentliche Überzeugungsarbeit baut stark auf die wohlbestallten Fifa-Legenden: Mit deren flammender Zustimmung wurde die Debatte eröffnet. Aber Populismus hilft nicht weiter, wenn es um Milliarden geht. Fifa-Legende Peter Schmeichel, Dänemarks Ex-Nationalkeeper, trommelte jüngst in Russland für die Dauer-WM, vielleicht mag Wladimir Putin nach der WM 2018 ja schon in absehbaren 20 Jahren erneut so eine Weltparty ausrichten?

In Spanien ist Brasiliens einstiges "Fenômeno" Ronaldo gleich doppelt legendär unterwegs: Für die Fifa und für Real Madrid, dessen Klubchef Florentino Pérez gerade die Superliga an die Wand gefahren hat. Ronaldo wirbt für Superliga und Dauer-WM. Nebenbei ist er übrigens Haupteigner von Real Valladolid, das unter ihm in die zweite spanische Liga abstieg - und das weder an Bedeutung noch an Finanzkraft gewönne, sofern die fixen Ideen des Klubchefs umgesetzt würden.

Und die restliche Sportwelt? Thomas Bach, Boss des Internationalen Olympischen Komitees, soll irritiert über die Solo-Vorstöße seines IOC-Mitglieds Infantino sein - zumal der vorab nie mit ihm über das Thema geredet haben soll. Alljährliche Fußball-Großturniere könnten eben auch die Spiele stark beschädigen, heißt es in Nyon. Es drohe der Overkill an Sportevents. Infantino, mit Bachs Position von der Uefa konfrontiert, soll gesagt haben: Er sei ja nicht im IOC-Vorstand. Er sei doch nur einfaches Mitglied.

Zur SZ-Startseite
Saudi Arabian football fans hold up their national flags to show support for Saudi Arabia national f; Saudi Arabian women cheer after Saudi Arabia routed North Korea 4-0 in Asian Cup

SZ PlusFrauenfußball
:"Es gibt viele, die sagen, wie kannst du so ein Land unterstützen?"

Monika Staab hat den 1. FFC Frankfurt zum erfolgreichsten deutschen Klub im Frauenfußball gemacht. Nun baut sie in Saudi-Arabien das erste Frauen-Nationalteam auf. Ein Gespräch über Vorurteile, Widerstände und die Kraft des Sports.

Lesen Sie mehr zum Thema