Fußball-WM Kane ist ihr Schicksal

Begraben in der Jubeltraube: Englands Doppeltorschütze Harry Kane (unten)

(Foto: Getty Images)
  • Von Beginn an startet die englische Mannschaft engagiert in die Partie gegen Tunesien, nach elf Minuten trifft Kapitän Harry Kane.
  • Der persönliche Höhepunkt für Kane ist sein zweites Tor in der Nachspielzeit, mit dem er England zum 2:1-Erfolg verhilft.
  • Damit brechen die Engländer auch ihren Auftaktfluch: Erstmals seit der WM 2006 haben sie das erste Spiel bei einem Turnier gewonnen.
Von Sven Haist, Wolgograd

Von Harry Kane war nichts mehr zu sehen. Nacheinander warfen sich die Teamkollegen an der Eckfahne auf den Torschützen, über ihm wölbten sich die Mitspieler in ihren roten Trikots, in dem Menschenpulk ging es zu wie in einem Ameisenhaufen. Die Beteiligten lagen so dicht aufeinander, dass nicht auszumachen war, wer nun alles Kanes Kopf tätschelte. In der Geste war auch Trost für die ungerechtfertigte Diskussion enthalten, die Kane vor der WM in Russland über sich ergehen lassen musste. In England wurde dem Mittelstürmer vorgehalten, dass er noch kein Turniertor für die Three Lions erzielt hat. Bei der EM 2016 ging es für Kane nach vier Einsätzen ohne Tor zurück auf die Insel - noch mal passiert ihm das nicht.

Bereits in der elften Minute des englischen Auftaktspiels gegen Tunesien entledigte sich Kane der Last der Erwartungen. Nach einem Kopfball des Innenverteidigers John Stones reagierte der Mann mit der Nummer 9 im Strafraum am schnellsten und drückte den Abpraller mit dem rechten Fuß über die Linie. Kane erzielte den Führungstreffer gleich in seinem ersten Spiel als WM-Kapitän der englischen Auswahl. Mit 24 Jahren löste er den ehrenvollen Sportsmann Bobby Moore ab, der 1966 das Mutterland des Fußballs im heimischen Wembley-Stadion zum bislang einzigen Weltmeistertitel führte.

Saudi-Arabiens Flugzeug brennt

Ein Triebwerk fängt Feuer, die Maschine kann aber trotzdem sicher landen. Im Spiel zwischen England und Tunesien summt es. Bierhoff warnt vor zu großer Aufregung. WM-Meldungen im Überblick mehr ...

Kanes persönlicher Höhepunkt in der bisherigen Karriere war dann allerdings doch eher sein zweites Tor, mit dem er England in der Nachspielzeit zum 2:1 (1:1) über Tunesien verhalf. "Gott sei Dank hat es einen guten Abschluss gefunden", sagte Kane in der ARD: "Wir sind froh über den Dreier und haben bekommen, was wir verdient haben." Nach den zurückliegenden, eher schamhaften Turnierleistungen können die Engländer im Grunde nur noch an Renommee gewinnen. Um der Liste an eingespielten Peinlichkeiten ein Ende zu setzen, muss die Delegation um Nationaltrainer Gareth Southgate aber erst noch die Gruppenphase meistern. Ein Scheitern an Tunesien, Panama und Belgien in Gruppe G würde die Vergangenheit wieder aufwirbeln, die nach Southgates Amtsübernahme im Herbst 2016 sukzessive zur Ruhe gelegt wurde. Und gegen Tunesien sah es lange nicht nach einem Sieg aus, auch wenn die Darbietung durchaus vorzeigbar war - sieht man von den vielen fahrlässig vergebenen Chancen ab.

In der Startaufstellung erinnerte nicht mehr viel an das Achtelfinal-Aus bei der EM 2016 in Frankreich. Mit Kane, Dele Alli, Kyle Walker und Raheem Sterling standen bloß vier Spieler in der Startelf, die damals beim 1:2 gegen Island von Beginn an mitgewirkt hatten. Auch in der Spielweise zeigte die englische Auswahl keine Gemeinsamkeiten mit ihren Vorgängern. Die Lust auf dieses Turnier war jedem Profi anzusehen.

Vom Anpfiff an stürmten die Engländer nach vorne, wie sie es unter Southgate noch nie getan haben. Als ob sie all die angesammelten Blamagen ihrer Vorgänger in einem Spiel wettmachen wollten. Zur Halbzeit hatten sie elf Torschüsse abgegeben, die für Tunesien nicht zu bändigen Raheem Sterling, Dele Alli und Jesse Lingard zielten fast überall hin, nur nicht ins Tor.