Süddeutsche Zeitung

Fußball-WM:Die WM wird eigenartig aussehen

Ein Turnier ohne Blau und Orange? Italien und die Niederlande haben sich ihr Ausscheiden selbst zuzuschreiben. Dennoch wird man sie bei der WM vermissen.

Kommentar von Christof Kneer

Was bleibt einem jetzt noch? Auf das brasilianische Trikot wird man sich im kommenden Sommer vielleicht noch verlassen können, auch die hellblauen Streifen des argentinischen Hemdes könnten noch ein bisschen Geborgenheit spenden. Womöglich wird auch das mexikanische Grün ein paar nostalgische Erinnerungen liefern - aber sonst? Soll man wegen dieses weißgrauen deutschen Trikots etwa WM-Gefühle entwickeln, zumal man sich nicht ganz sicher sein kann, ob es sich bei diesem Weißgrau nicht in Wahrheit um ein Grauweiß handelt? Und kann jemand garantieren, dass die Franzosen bei der WM in Russland in jener historischen Farbkombination auflaufen werden, die die großen Platini, Tigana & Giresse in den Achtzigern trugen?

Eine Weltmeisterschaft ist eine ernste Sache. Sie ist größer als die Zahlen und die Ergebnisse, die sie produziert, sie ist ein Gesamtkunstwerk, das sich an alle Sinne richtet. Eine WM riecht und schmeckt nach alten Bildern und alten Geschichten, und wenn sich schon der Weltverband alle Mühe gibt, sein Turnier durch finstere Umtriebe zu entwerten, dann sollte zumindest der anständige Teil der Zuschauer über diese ernste Sache keine schlechten Witze machen.

Vor allem sollte man keine lustigen Lieder singen, aus denen hervorgeht, dass man ohne Holland und übrigens auch ohne Italien zur WM fährt.

Italiener und Holländer haben ihre traditionellen Fußballschulen verraten

Die WM in Russland, so viel steht fest, wird unter einer Pigmentstörung leiden. Das Turnier wird eigenartig aussehen, irgendwie verfärbt, aber man wird das mit der TV-Fernbedienung nicht nachjustieren können. Das weltweit einzige Fußball-Orange wird im Sommer 2018 ebenso vermisst werden wie das mit Abstand schönste Blau. Dass ein Turnier ohne zwei seiner prägnantesten Trikots aufgeführt wird, ist in etwa so, als würde ein Turnier ohne den Torwart Buffon stattfinden. Undenkbar also. Wenn man sich nicht täuscht, war Buffon in seiner Eigenschaft als Dino Zoff ja schon vor 50 Jahren dabei, und Bonucci, Chiellini und übrigens auch Arjen Robben müssten eigentlich ebenfalls im Kleingedruckten eines jeden Turniervertrags stehen. Ohne sie kann nicht gespielt werden.

Vor Schadenfreude sollte man Holländer und Italiener also dringend bewahren, nicht aber vor der Erkenntnis, dass eine WM - zum Glück - doch anders funktioniert: Sie ist kein closed shop, in dem sich die Etablierten mit ihren herrlichen Trikots alles erlauben können. Italiener und Holländer sind nicht an einem boshaften Schicksal gescheitert. Sie haben ihre traditionellen Fußballschulen - den klugen Catenaccio, den stürmischen voetbal total - zunehmend verraten, weil sie es nicht geschafft haben, ihre alten Schulen mit neuem Leben zu füllen.

Als Trost bleibt ihnen einstweilen die Erkenntnis, dass große Fußballnationen sich in der Niederlage erneuern können - wie zum Beispiel diese Deutschen in ihren weißgrauen oder möglicherweise auch grauweißen Trikots.

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Quelle:
SZ vom 15.11.2017/tbr
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