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Fußball-WM: Die Deutschen:Das Mysterium der Künstlertruppe

Drei Spiele, drei höchst unterschiedliche Leistungen: Das fahrige 1:0 gegen Ghana beweist, wie schwer die deutsche Mannschaft bei diesem Turnier einzuschätzen ist. Nirgends zeigt sich das besser als bei ihrem Frontmann Mesut Özil.

Am Freitag laufen die Spiele 47 und 48, dann ist die Vorrunde dieser WM beendet. Spätestens dann ist es Zeit für eine erste Bilanz, die Kommentatoren werden ex post Gründe nennen für jede der 16 Mannschaften, die nach Hause fahren müssen, die Buchmacher wiederum werden ihre Quoten anpassen für die verbliebenen 16 Teams. Schließlich hat dann jede Elf drei Mal gespielt und damit eine Visitenkarte abgegeben.

Özil

Mesut Özil (Mitte) und ausgewählte Mitglieder der Künstlertruppe feiern das erlösende 1:0 durch den Bremer.

(Foto: AFP)

Auf der argentinischen Karte etwa steht, dass es Diego Maradona gelungen ist, seine Stars zu einem funktionierenden Gebilde geformt zu haben, das Wort Favorit darf künftig in Großbuchstaben geschrieben werden. Die Holländer werden - ein wenig verblüfft von sich selbst - den Begriff effektiv hinzufügen. Und bei den Amerikanern ist zu vermerken, dass diese Elf eigentlich Deutschland heißen müsste, weil sie mit eben jenen Tugenden das Achtelfinale erreichte, die man gemeinhin deutschen Teams zuschreibt.

Und die deutsche Elf, die gemeinhin mit dem Prädikat steigerungsfähig während eines Turniers versehen ist? Sie hat wie alle anderen ebenfalls drei Mal gespielt bei dieser WM, doch hat sie dabei drei verschiedene Visitenkarten abgegeben, weshalb eine Einordnung der Leistungsfähigkeit dieser Mannschaft nahezu unmöglich ist.

Sie war wohl selbst überrascht von der mitreißenden Leistung gegen Australien, die nicht nur hierzulande bejubelt wurde, sondern weltweit für Erstaunen sorgte. Ja, sogar der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy spendete Lob. Es folgten ordentliche 70 Minuten gegen Serbien, erst gegen Ende der Partie war ein kleiner Bruch festzustellen, der sowohl der Unterzahl als auch der Nibelungentreue Joachim Löws zu einigen Spielern geschuldet war - statt Lukas Podolski etwa holte er Mesut Özil vom Platz.

Und nun das fahrige 1:0 gegen Ghana, ein Erfolg, der unterschiedliche Interpretationen zulässt. Man kann dieser jungen Mannschaft Nervenstärke attestieren, sie hat diese erste Prüfung bestanden, dem Druck standgehalten, zum richtigen Zeitpunkt ein Tor erzielt. Das würde einen goldenen Stern auf der Visitenkarte rechtfertigen. Sie hat aber auch arg nervös agiert, bisweilen behäbig und sie gab der ghanaischen Elf wiederholt die Möglichkeit, dieses Spiel zu gewinnen - weshalb die Visitenkarte grau hinterlegt sein müsste.

Sinnbildlich für diese Mannschaft steht Mesut Özil, auf dessen Visitenkarte nach den ersten drei Spielen sowohl legitimer Nachfolger Lionel Messis als auch hibbeliger Chancentod stehen könnte. Die deutsche Elf ist abhängiger von diesem 21-Jährigen als ihr und auch Özil lieb ist. Gegen Ghana wechselte er gekonnt zwischen Messi und Chancentod, und als der Zuschauer eher an Chancentod denn an Messi dachte, sorgte der Mann vom SV Werder Bremen mit seinem fulminanten Schuss für Erleichterung.

Reiht man die Adjektive aneinander, mit denen die Spiele der deutschen Elf zu beschreiben sind - mitreißend, ordentlich, fahrig -, dann passt das nicht zum Klischee der Steigerungsfähigkeit während eines Turniers, genauso wie sich diese Mannschaft nicht mit den Klischeebildern früherer Nationalteams vergleichen lässt.

Das alte Bild von der "Turniermannschaft" passt nicht mehr, das über all die Jahrzehnte bei WM-Kämpfen in England, Mexiko, Deutschland, Spanien oder Italien entstand. Es meinte die Psyche eines Teams, das aus Siegen neue Kraft schöpft und zum Beispiel bei Elfmeterschüssen während der nominellen Spielzeit nie versagt. Lukas Podolski aber scheiterte im Serbien-Spiel - und das war symbolisch für eine Künstlertruppe, die von der Eingebung des Moments lebt und nicht von einer quasi fußball-maschinellen Planung.

Sie können Spielkultur, sie können aber auch Angstfußball.

So bleibt dieses deutsche Team auch nach drei Partien bei dieser WM ein Mysterium, die am schwersten einzuordnende Mannschaft bei diesem Turnier. Sie ist im Vergleich mit anderen, erwachseneren Teams wie ein Teenager zu betrachten. Heranwachsende ändern die Beschriftung ihrer Visitenkarte eben beinahe minütlich - und es wäre nicht verwunderlich, wenn sie am Sonntag gegen England noch eine weitere unterschiedliche Karte abgeben würde.

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