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Fußball-WM:Der brasilianische Weltuntergang fällt aus

WM 2018 - Serbien - Brasilien

Die Richtung stimmt: Bei Brasiliens Team herrscht trotz des WM-Aus ein positives Gefühl.

(Foto: dpa)
  • Obwohl für die brasilianische Nationalmannschaft schon im Viertelfinale Schluss ist, nimmt es das Land erstaunlich souverän hin.
  • Dabei mag helfen, dass die Niederlage ein ganz normales 1:2 war - und kein 1:7 wie damals gegen Deutschland.
  • Zu den Ergebnissen der Fußball-WM in Russland geht es hier.

Deutlich früher als geplant ist die brasilianische Seleção am Sonntagmorgen am Flughafen Galeão von Rio gelandet. Jenes kleine Grüppchen jedenfalls, das sich überhaupt zur Heimreise entschlossen hatte. Am Gepäckband wurden neben Trainer Tite und seinem Stab die Spieler Casemiro, Douglas Costa, Gabriel Jesus, Geromel, Philippe Coutinho und Taison gesichtet, der Rest blieb in Europa, wo in Kürze schon wieder die Saisonvorbereitung beginnt.

Irgendwo in dieser Maschine, die mit ihren traurigen Passagieren im russischen Kasan abhob, soll sich laut Medienberichten auch Neymar befunden haben. Entweder kennt er einen geheimen Hinterausgang an diesem Flughafen oder er sitzt noch auf dem Rollfeld und pflegt seinen Instagram-Account. Es hätte seine WM werden sollen, sein Aufstieg zum anerkannt besten Spieler der Welt. In Erinnerung wird nun vor allem die Show eines Fallsüchtigen bleiben - und vielleicht noch jenes melancholische und durchaus bezeichnend individualistische Fazit, das Neymar in sein Telefon tippte: "Der traurigste Moment meiner Karriere."

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Vielleicht hätte es ihn schon ein bisschen getröstet, wenn er gemeinsam mit seinen sechs Mitspielern den Terminal 2 von Rio verlassen hätte. Dort wartete im Morgengrauen nämlich eine erstaunlich große Gruppe von brasilianischen Frühaufstehern - Fans, die den geschlagenen Heimkehrern Applaus spendeten. Es wurden Fotos geschossen und Autogramme geschrieben. Der sichtlich ergriffene Trainer Tite sagte: "Danke! Es macht mich stolz, dass wir etwas Positives bewirkt haben."

So unerwartet, wie dieses 1:2 gegen Belgien die brasilianischen Titelträume beendete, so außergewöhnlich war dieses Empfangskomitee. Bislang galt im Land des Rekordweltmeister die eiserne Regel: Wer ohne Pokal nach Hause kommt, ist ein Versager. Und nach einem vorzeitigen Aus, zumal im Viertelfinale, haben Köpfe zu rollen. So war es immer, zuletzt als 2010 eine Maschine aus Südafrika am Flughafen Galeão landete. Damals, nach einer Viertelfinal-Niederlage gegen die Niederlande, wurden die Heimkehrer übel beschimpft und Trainer Dunga war praktisch schon entlassen, bevor am Gepäckband sein Koffer um die Ecke bog. Diesmal ist alles anders, und das hat wohl zwei Gründe: der Gesamteindruck, den die Mannschaft in Russland hinterließ, und die traumatische Erinnerung an die Heim-WM 2014.

Die Seleção ist ausgeschieden, aber sie hat sich nicht blamiert

Diesmal war es eben kein 1:7, sondern ein 1:2, ein ganz normales Fußballergebnis. Brasilien hat 2018 nicht gegen sich selbst verloren, sondern gegen einen ziemlich guten Gegner. Das kann mal vorkommen - hört man jetzt allenthalben. Es ist, als ob jene sieben deutschen Treffer, die sich für immer ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, diesmal den Schmerz betäubten. Die Seleção ist ausgeschieden, aber sie hat sich nicht blamiert. Sie ist auf die Füße gefallen. Oder wie der ehemalige Topstürmer und heutige TV-Guru Ronaldo unmittelbar nach dem Schlusspfiff in Kasan bekanntgab: "Er war kein Desaster." Aus seinen Worten klang neben aller Enttäuschung auch Erleichterung heraus. Den gefühlten Weltuntergang hat diese stolze Fußballnation bereits hinter sich und das hilft ihr er jetzt offenbar, um die jüngste Niederlage mit bislang unbekannter Souveränität aufzuarbeiten.

Fast schon schwärmerisch klang das Turnierfazit bei Brasiliens meinungsführendem Fernseh- und Zeitungsimperium Globo. Dort war allenthalben von einer "großen Chance" die Rede. Von der Chance, jetzt nicht alles in die Tonne zu treten. So wie sonst üblich: "Es war eine Niederlage, die bestätigt, dass Brasilien auf dem richtigen Weg ist", stand da Schwarz auf Weiß. Und damit war auch die Kampagne eröffnet, der sich bald alle führenden Fußballexperten des Landes anschlossen: Tite muss weitermachen!